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Beichten im Web

Zwischen Selbstdarstellung und werbefinanzierten Ablässen

08.04.2009
Online-Beichten sollen ein Trend sein. Mit dem traditionellen Sakrament der Buße hat das jedoch wenig zu tun. Nutzer freuen sich hingegen über eine Plattform, um sich selbst darzustellen.

Zittrige Knie auf dem Weg zum Beichtstuhl, dem Pfarrer beim Geständnis ins Auge blicken - nein, vielen Dank, das war doch wohl gestern. Beichten im Internet heißt die Alternative, und immer mehr Menschen finden die gar nicht so schlecht. "Es wurde noch nie so viel gebeichtet wie heute", sagt Christian Sieberer, katholischer Pfarrer aus Österreich und im Internet aktiv wie wenige andere seiner Profession. "Das passiert im Internet, im Forum, in Talkshows oder beim Psychiater - aber eben nicht in der Kirche." Online mit Jesus kommunizieren, ist gar nicht schwer, glaubt man Internetseiten wie "www.beichte.de" oder "www.beichthaus.com": Ein Klick und die Sünde ist weg. Zwischendurch allerdings muss man auf einigen der privat betriebenen Seiten noch gewinnbringende Werbeanzeigen über sich ergehen lassen.

Die Verfehlung eintippen, mit der Maus auf das Feld "Herr, ich habe gesündigt" - und schon geht das ganze über eine "gesegnete IP" gen Himmel. So einfach läuft das Ritual bei der privat betriebenen Seite "beichte.de". Im Hintergrund läuten die Glocken. "Wenn Sie Ihre Verfehlungen wirklich bereuen, wird Ihnen wahrscheinlich vergeben", heißt die letzte Warnung, bevor sich die Message auf den Weg in Jesus' Postfach macht. Die Sünden bleiben anonym. Bei "beichthaus.com" hingegen gilt das Prinzip des öffentlichen Prangers.

"Ich (20, männlich) habe in der Cottbuser Fußgängerzone eine Taube mit dem Fahrrad überfahren", gesteht ein "beichthaus"-User in der Kategorie "Gewalt" auf der nach Angaben des Betreibers meistgenutzten Beichtseite Deutschlands. Unter "Boshaftigkeit" wird es dramatischer: "Ich habe einmal einen Aschenbecher aus dem Dönerladen um die Ecke geklaut. Eine Woche darauf hat er zugemacht". Wiederholungstäter sind auch dabei: "Ich muss zugeben, dass ich immer, wenn ich Zeit habe, Fahrschulautos verfolge und bei jeder Kleinigkeit, die der Fahrschüler falsch macht, übertrieben genervt mit den Armen fuchtel und hupe."

Vielleicht ist mancher Pfarrer gar dankbar, dank der virtuellen Beichtstühle von Sünden solchen Kalibers verschont zu bleiben: "Ich bestelle meinen Nachbarn die Zeugen Jehovas nach Hause. Man kann sie online einladen und sie erscheinen gewissenhaft pünktlich zur gewünschten Zeit." Religiöse Themen werden überhaupt gerne angeschnitten: "Ich unterrichte Religion am Gymnasium und ich bereite nie die Stunden vor. Die Schüler haben genau so viel Lust auf den Scheiß wie ich, also warum sollte ich mir da Mühe geben?" Die beliebtesten Themen sind allerdings weltlich, gerne geht es um Sex, Drugs und den Rock'n'Roll, den Seitensprünge mit sich bringen.

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