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"Zwergenaufstand" gegen Red Hat

31.05.2002
Die regionaleren Distributoren Suse, Caldera, Turbolinux und Conectiva wollen mit einem gemeinsamen Server-Linux auf LSB-Basis den Einsatz des Open-Source-OS im Unternehmen beflügeln.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die vier eher regionalen Linux-Distributoren Suse Linux AG (Europa), Caldera (Nordamerika), Turbolinux Inc. (Asia-Pacific) und Conectiva SA (Lateinamerika) haben sich zusammengeschlossen, um unter dem Label "UnitedLinux" eine gemeinsame Distribution des quelloffenen Unix' für den Unternehmenseinsatz zu etablieren. Dazu wurde die neue Gemeinschaftsfirma UnitedLinux LLC etabliert.

Die Produktentwicklung und Integration übernimmt Suse, das darob einen größeren Anteil an Unitedlinux erhält als die drei anderen Firmen. Die genaue Verteilung der Anteile ist allerdings zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Diverse Entwickler aus der Caldera-Niederlassung in Erlangen sind bereits zu Suse ins benachbarte Nürnberg umgezogen. Sie werden UnitedLinux laut Caldera-CEO Ransom Love gemeinsam mit ihren Kollegen von Turbolinux im kalifornische Brisbane sowie von Conectiva aus Curitiba in Brasilien vorantreiben.

"Die LSB ist verantwortlich für die Spezifikation. Wir kümmern uns um die Implementierung." Ransom Love, CEO Caldera.

UnitedLinux LLC bekommt einen eigenen Vorstand, und die Produktentwicklung überwacht laut "Computerwire" ein von allen vier Partnern beschicktes Technical Steering Committee. Dazu wird noch ein Industry Technical Advisory Committee etabliert, das für Kommentare und Ratschläge von Partnern zuständig sein wird. Dazu zählen bereits Branchengrößen wie IBM, HP, Intel, AMD, SAP, Borland, Fujitsu(-Siemens), NEC, Progress Software und Computer Associates.

Nach Angaben von Caldera-Chef Love wurde das Gründungsquartett zwecks globaler Abdeckung gewählt. UnitedLinux sei aber grundsätzlich auf für andere Distributoren offen. "Wir haben ein Framework geschaffen, dass wir zwecks Aufnahme weiterer Mitglieder erweitern können", erklärte Love. Mit Red Hat Software und Mandrakesoft fehlen bislang mindestens zwei wichtige Player des weltweiten Linux-Markts. Beide wurden laut Love und Suses Vice President International Business Gregory Blepp kontaktiert; die Reaktion sei bislang hilfsbereit gewesen. Auch an Sun, das ebenfalls eine (eigene?) Linux-Distribution angekündigt hat, sei man herangetreten.

Obwohl sich die neue Allianz allzu offensichtlich gegen Marktführer Red Hat (geschätzter Marktanteil rund 50 Prozent weltweit) richtet, betonten Love und Blepp gleichermaßen, der Konkurrent sei jederzeit willkommen. Am Wichtigsten sei es, eine einzige Linux-Version zu schaffen, gegen die unabhängige Hard- und Softwareanbieter zertifizieren könnten, um den Linux-Einsatz auf Unternehmensebene voranzutreiben. Von Red Hat liegt bislang keine offizielle Stellungnahme zu der vorgeblichen Einladung vor.

Unix-Kenner wissen bestens, dass bisherige Versuche, das Betriebssystem zu vereinheitlichen, in der Vergangenheit stets scheiterten. Die vier UnitedLinux-Partner glauben dennoch an einen Erfolg, weil sie anstelle von Standards für mehrere Hersteller gleich ein einheitliches Produkt schaffen und weil sie damit Geld verdienen wollen. Die neue Distribution soll sich an die von der Free Standards Group vorgegebene LSB (Linux Standards Base) halten. "Die LSB ist für die Spezifikation zuständig, und es ist gut, dass dies eine externe Company macht. Wir kümmern uns um die Umsetzung dieser Spezifikation", versprach Love.

Als Basis der technischen Entwicklung dient Suses "Enterprise Server", der um Technik und Features der anderen Hersteller ergänzt werden und vollständig kompatibel zur LSB sowie dem Internationalisierungsstandard Li18nux sein soll. UnitedLinux soll für alle IBM-Serverplattformen, die 32- und 64-Bit-Prozessoren von AMD sowie HPs Alpha-Architektur angeboten werden (letztere ab dem dritten Quartal 2002). Die Marken der einzelnen Hersteller bleiben erhalten; die neuen Server-Produkte erhalten den Namenszusatz "Powered by UnitedLinux". Damit soll auch eine Anpassung der Distributionen an spezifische lokale und Markt-Gepflogenheiten möglich bleiben. UnitedLinux kommt dazu auf einer einheitlichen CD, herstellerspezifische Software auf einer weiteren.

Der Sourcecode von UnitedLinux wird frei verfügbar sein und unter GNU GPL (General Public License) für jedermann zugänglich bleiben. Den Binärcode allerdings legen die Anbieter nicht mehr für jedermann offen, damit die ISV-Zertifizierung funktionieren kann. Wie die stärker "religiösen" Mitglieder der Open-Source-Gemeinde hierauf reagieren, bleibt abzuwarten.

Darüber hinaus bleiben weitere Fragen offen - beispielsweise bezüglich Service und Support. Wenn ein global tätiges Unternehmen in Europa UnitedLinux von Suse, in Asien von Turbolinux und in den Staaten von Caldera einsetzt, hat es dann einen oder drei Support-Ansprechpartner? "Vom Konzept her muss das global gemacht werden: Ob sie Support von einem Anbieter, von dreien oder von der LLC erhalten, muss noch entschieden werden", erklärte Suse-Mann Blepp. "Die Integration läuft, nun müssen die Business People ihre Hausaufgaben machen."

Vor den Vertriebs- und Marketingabteilungen liegt also einiges an Arbeit. Mit quelloffener Technik und einem bereits etablierten Integrationsteam sollte die technische Entwicklung keine allzu schwere Aufgabe darstellen. Ganz anders sieht dies mit dem Geschäftsmodell aus. Auch wenn sich die Partner dank UnitedLinux laut Love "doppelte Ressourcen für Kerntechnik sparen und sich auf Kundenlösungen konzentrieren" können, wird es einen erheblichen Aufwand mit sich bringen, nicht nur potenzielle Kunden und Partner, sondern auch die Open-Source-Community zu überzeugen. (tc)