"Zu 100 Prozent IT"

23.05.2006
Verlegerpublikation - Die Konsolidierung und regulative Anforderungen stellen Banken vor Herausforderungen. Wie Institute diese meistern können, diskutieren Lothar Eschbach, Geschäftsführer der Getronics Deutschland GmbH, und Gerhard Rienecker, Vorsitzender der Geschäftsleitung der PASS Consulting Group, mit dem freien Journalisten Bernd Seidel.

Was sind die größten Herausforderungen für Finanzdienstleister?

Lothar Eschbach, Getronics, forciert Industrialisierung des Bankbetriebs.
Lothar Eschbach, Getronics, forciert Industrialisierung des Bankbetriebs.

LOTHAR ESCHBACH: Die größte Herausforderung besteht darin, die IT- und Kommunikations-Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen. In der Vergangenheit haben die meisten Banken und Versicherungen ihre Kunden überwiegend über die Filialen betreut. Doch mit der zunehmenden Verbreitung des Internet, mit dem Vormarsch von E-Mail und Telefon-Banking hat sich die Zahl der Kommunikationskanäle spürbar erhöht. Dazu kommen immer wieder neue Wege wie mobile Endgeräte, die in ein Gesamtkonzept eingebunden werden müssen. Ohne eine moderne IT-Infrastruktur, verbunden mit einer abgestimmten Prozesslandschaft, können die Finanzdienstleister diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden.

GERHARD RIENECKER: Banken stehen vor drei grundsätzlichen Herausforderungen. Erstens: der Konkurrenz begegnen, die in Form von Non- und Nearbanks, Internet- und Direktbanken, Auslandsbanken und Finanzierungsgesellschaften großer Konsumgüterhersteller Kunden abwerben und den Margendruck erhöhen. Zweitens sind die Kunden erwachsen geworden. Sie sind nicht mehr treu und haben gelernt, dass sie fordern können und nicht mehr Anträge stellen müssen. Drittens müssen Finanzunternehmen verstärkt gesetzlichen Auflagen gerecht werden. So steht beispielsweise "Markets in Financial Intruments Device" (MIFID) vor der Türe, und nach Meinung von Experten wird diese EU-Richtlinie die Banken mehr kosten als die Euro-Einführung oder das Datum2000-Problem.

Wie sollen Banken damit kurz- und mittelfristig umgehen ?

GERHARD RIENECKER: Dem Konkurrenzdruck kann durch Produktinnovation, Serviceflexibilität und Individualität begegnet werden. Vor allem aber sollten die Banken sich nicht allzu schnell aus Feldern zurückziehen, nur weil irgendein Guru strategisch zum Rückzug bläst mit der Begründung, dass irgendeine Kennziffer nicht erfüllt ist. Die Irrtümer solch selbst ernannter Heilsbringer sind so offensichtlich, dass Selbstbewusstsein und die eigene, individuelle Einschätzung der bessere Ratgeber sind. Banker verhalten sich allzu oft im Community-Konsens.

LOTHAR ESCHBACH: Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, haben die Banken nur die Möglichkeit, einen sehr genauen Blick auf ihre IT-Infrastruktur zu werfen und danach in verschiedenen Projekten die Herausforderungen anzugehen. Viele Geldinstitute sind sich dieses Problems auch durchaus bewusst und reagieren auf die veränderten Gegebenheiten, wie die kürzlich veröffentlichte Trendstudie "Bank und Zukunft 2006" des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart zeigt. Demnach sind zum Beispiel 76,7 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Banken - besonders im Bereich der Prozessoptimierung - verstärkt industrielle Ansätze verfolgen sollten. Dies entspricht auch unseren Erfahrungen. Im Bereich der Desktop-Services wird verstärkt auf automatisierte Verfahren zurückgegriffen, da sie erhebliche Zeit und Kosten sparen.

GERHARD RIENECKER: In der Tat helfen moderne Systemarchitekturen, rasch auf beliebige Anforderungen zu reagieren.

Wie und durch welche Technologien kann IT die Banken denn bei ihrem Wandel unterstützen?

LOTHAR ESCHBACH: Eine moderne IT-Infrastruktur kann die Banken unterstützen, indem sie neue Vertriebskanäle und Kontaktmöglichkeiten nutzbar macht. Und auch beim Thema "Industrialisierung" spielt die IT eine zentrale Rolle. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, mit Hilfe von standardisierten Prozessen auf der Basis von IT Infrastructure Library (ITIL) dafür zu sorgen, dass eine höchstmögliche Verfügbarkeit der IT gewährleistet wird.

GERHARD RIENECKER: Das Bankgeschäft wird zu 100 Prozent durch Informationstechnologien abgebildet. Das Produkt ist IT, der Vertriebsprozess ist IT, der Abwicklungsprozess ist IT, und der Risikoprozess ist IT. Doch die heutigen Systeme weisen folgende Defizite auf: Sie sind unflexibel hinsichtlich Prozess-, Funktions-, Schnittstellen-, Komponenten-, Service- und Produktvarianz. Sie sind nicht mobil oder auf beliebigen Devices nutzbar, und ein Realtime Enterprise lässt sich kaum abbilden. Der Wandel hin zu einem serviceorientierten Realtime Enterprise ist aber erforderlich, wenn die Bank die Zukunft meistern will.