Chance und Gefahr zu gleich?

YOLO - You only live online

16.07.2015
Von 


Detlef Persin ist Inhaber des Weiterbildungs- und Consulting Unternehmens NAOS. Persin war über zwei Jahrzehnte in leitenden Managementfunktionen sowie als Mitglied der Geschäftsleitung bei DAX-30-Unternehmen aus der ITK-Branche beschäftigt. Als Certified DiSG Trainer legt er Wert auf die kaufmännische Machbarkeit und einen nachhaltigen Praxisbezug unter Einbezug des Change Managements.
Von mobiler Arbeit spricht man derzeit, wenn mindestens 10 Stunden pro Woche an einem anderen Ort als der zentralen Betriebsstätte oder der Wohnung gearbeitet wird und hierbei online Datenübertragung benutzt wird. Zukünftig wird diese Definition sicher nicht mehr ausreichen.

Der deutsche Mittelstand befindet sich derzeit einem Dilemma. Trotz aller Verantwortung, den Mitarbeitern gegenüber müssen sich die Unternehmen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, mit allen Veränderungen und Konsequenzen der digitalen Transformation und den daraus resultierenden mobilen Arbeitsformen auseinandersetzen. Unsere einheimischen Führungskräfte sind derzeit noch oft unzureichend auf die Führung im Zeitalter der Digitalisierung vorbereitet. Dies betrifft sowohl den Führungsstil als auch die Beherrschung digitaler Technologien. Diese Führungsqualitäten sind aber der Schlüssel um die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern zu erhalten und diese erfolgreich in die digitale Zukunft mitzunehmen.

Das Büro immer und überall dabei zu haben, ist für viele Arbeitnehmer eine schöne Sache.
Das Büro immer und überall dabei zu haben, ist für viele Arbeitnehmer eine schöne Sache.
Foto: pannawat - Fotolia.com

Dabei sind deutsche Arbeitnehmer nicht technologiefeindlicher als in anderen europäischen Ländern. Viele Mitarbeiter besitzen sogar zusätzlich zum Firmen-Smartphone privat noch eigene mobile Endgeräte. Von Whats App bis hin zur Drop Box wird privat der Vorteil von mobiler IT genutzt. Diese ursprünglich für den privaten Gebrauch entwickelten Apps zeigen dem Nutzer klare Vorteile auf. Wie aber sieht es im Gegensatz dazu in unseren Unternehmen aus? Firmenanwendungen haben für ihre Unternehmenskunden klare Nutzenversprechen, die sich aber oftmals nicht mit der Benutzerfreundlichkeit und intuitiven Oberfläche, wie es die Nutzer aus dem Konsumerbereich gewöhnt sind, verbinden.
Dieses führt im Endeffekt zu ermüdenden Softwareschulungen die entweder als Präsenzschulungen oder als e-Learning Programme angeboten werden. Auch wird hier meistens keine Rücksicht auf die Generationenvielfalt der Unternehmen genommen. Dadurch bekommen besonders ältere Mitarbeitern ein permanentes Gefühl des abgehängt seins.

Dabei liegt die Lösung des Problems im Bereich des Möglichen.
Anwendergerechte Bedieneroberflächen sind es die neugierig machen und die Nutzer intuitiv lernen lässt. Immer mehr Unternehmen setzen aus diesem Grund bereits schon heute, eigens für ihr Unternehmen programmierte Apps ein.

Praxisbezogene Mitarbeiter haben bekanntermaßen ursprünglich für den Konsumer-Markt entwickelte Apps zur Lösung ihrer Arbeitsaufgaben entdeckt. Wobei auf der anderen Seite der Medaille dadurch das Thema der »Schatten IT« in die Unternehmen gebracht wird. Die Nutzung von Dropbox zum Abspeichern von Teamunterlagen, Whats App zur schnellen internen Kommunikation und ähnlichen Apps, ist immer noch ein ernst zunehmendes Problem für die IT-Leiter der Unternehmen.


Gleichzeitig zeigt dies aber auch die ungebrochene Motivation der Angestellten, eigene praktikable Lösungen zu kreieren, wo die Beschaffungspolitik der Unternehmen versagt. Dies soll nicht bedeuten dass sich alle Businessprogramme durch privat angebotene Apps ersetzen lassen. Im Gegenteil, an dieser Stelle soll aufgezeigt werden, dass die Bying-Teams der Firmen bei ihrer Beschaffung auf eine anwendergerechte Benutzeroberfläche bestehen sollten. Bei der Beschaffung von interner IT sollten nicht nur die jeweiligen Abteilungsleiter einbezogen werden, sondern auch eine Vertretung der Anwender, die sich täglich mit der anzuschaffenden IT-Lösung auseinandersetzen wird. Auch hier sollte - im Bezug auf das demografische Gefüge der Unternehmen - Rücksicht auf die vorhandene Altersstruktur genommen werden.

Eines zeichnet sich schon heute ab: Die neuen Arbeitsformen werden keine perfekte Balance zwischen Arbeit und Leben sein. Neue Wissensarbeiter werden mit fließenden Übergängen leben müssen.

Führung von Mobilen Mitarbeitern

Mitarbeiter wollen immer mehr völlig losgelöst von Zeit und Raum arbeiten. Aber ohne Selbstdisziplin der Beschäftigten wird es nicht gehen. Dazu sind aber auch die Führungskräfte gefordert. Wie gehen die Vorgesetzten damit um, dass ihre Mitarbeiter nicht vom schlechtem Gewissen geplagt werden wenn sie nicht direkt im Unternehmen anwesend sind? Klare Regeln bezüglich der neuen Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer und Führungskräfte müssen gelebt und notfalls auch überprüft werden, auch wenn es im Berufsalltag schwer fällt.

Wenn Leitende Angestellte nachts um 01:00 Uhr Mails versenden, werden die Mitarbeiter unter Druck gesetzt. Sie bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht reagieren und kommen am nächsten Morgen unter Zeitdruck. Wenn die Beschäftigten nicht unbedingt vor Ort sind und sogar international in interkulturellen, virtuellen Teams zusammenarbeiten, muss vor allen Dingen das Ergebnis stimmen. Die Fähigkeit miteinander zu arbeiten, ohne räumlich zusammen zu sitzen, muss ausgebaut werden. Dazu müssen Führungskräfte über den Mut verfügen Neues zu wagen und über eine emotionale Wahrhaftigkeit.

Losgelöst von Zeit und Raum arbeiten - aber ohne klare Regeln geht es nicht.
Losgelöst von Zeit und Raum arbeiten - aber ohne klare Regeln geht es nicht.
Foto: nongkran - shutterstock.com

Die mobile Worker erwarten von ihren Vorgesetzten Transparenz, Flexibilität, Gradlinigkeit und nicht zuletzt die Fähigkeit virtuelle Teams auch zu moderieren. Im Gegensatz dazu wird den Mitarbeitern auch mehr Eigenverantwortung und Leistungswille abverlangt. Das bedeutet auch, dass Vorgesetzte sich auf Führen durch klare Zielvorgaben - versus Zeiterfassung -einstellen müssen. Dabei müssen Management und Arbeitgeber neue Wertesysteme anstatt Regeln aufbauen. Der Fokus in der Mitarbeiterführung sollte nicht bei der Motivation beginnen, sondern bereits beim »nicht demotivieren« ansetzen.