Forschungsprojekt für neues Arbeiten

Wissenschaftler finden heraus, wann Mitarbeiter im Flow-Zustand sind

11.11.2019
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Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Wann leisten Mitarbeiter gute Arbeit? Antworten auf diese komplexe Frage suchen Karlsruher Forscher. Sie entwickeln KI-basierte „Kompetenz-Assistenzsysteme“, die anzeigen, wann ein Mitarbeiter konzentriert arbeitet.

Unter Softwareentwicklern ist der Flow das Maß aller Dinge: Befinden sie sich in einer solchen Phase höchster Konzentration und sind ungestört von äußeren Einflüssen, können sie tief eintauchen in die Welt der Algorithmen und hochwertigen Code schreiben. Deshalb ist es kein Zufall, dass viele Entwickler im Büro keinen Telefonanschluss haben. Im Arbeitsalltag ist ein Flow als Zustand höchster Konzentration aber eher die Ausnahme. Zu oft werden Mitarbeiter in ihrer Aufgabe gestört. Selbst das Herausfinden, ob sich gerade jemand im Flow befindet, ging bisher mit einer Unterbrechung einher: Die Probanden mussten rückblickend einen psychologischen Fragebogen ausfüllen.

Sind IT-Entwickler ungestört von äußeren Reizen können sie in eine besondere Form der Konzentration kommen: den Flow-Zustand. Dabei tauchen sie tief ein in die Welt der Algorithmen und Codes und können effizient arbeiten.
Sind IT-Entwickler ungestört von äußeren Reizen können sie in eine besondere Form der Konzentration kommen: den Flow-Zustand. Dabei tauchen sie tief ein in die Welt der Algorithmen und Codes und können effizient arbeiten.
Foto: Dragon Images - shutterstock.com

Hier setzt das Forschungsprojekt von Alexander Mädche, Professor für Informationssysteme und Service Design am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), an: Sein Assistenzsystem erkennt Flow-Situationen anhand von Herz­frequenz oder Hautleitwert. In einem zweiten Schritt kann das System auch entsprechende Tipps geben, um Störungen auszuschließen oder Kompetenzen zu trainieren, die den Flow fördern. Das Bundesarbeitsministerium unterstützt das Projekt im Rahmen der Initiative "Neue Qualität der Arbeit" mit 1,36 Millionen Euro. In einer Feldstudie testeten 19 Mitarbeiter des Karlsruher Startups Campusjäger Brustgurte, die den Forschern in Echtzeit die physiologischen Daten übermitteln. Diese können dann mit Hilfe von Deep-Learning-Algorithmen analysiert werden. Am Ende soll es Dashboards geben, die anzeigen, wann und bei welchen Tätigkeiten Mitarbeiter im Flow sind.

Brustgurte wie der Polar H10 ermöglichen die Erfassung von Herzfrequenz und Herzratenvariabilität. Im Forschungsprojekt des KIT werden sie eingesetzt, um zu messen, wann sich Mitarbeiter im hochkonzentrierten Zustand des Flow befinden.
Brustgurte wie der Polar H10 ermöglichen die Erfassung von Herzfrequenz und Herzratenvariabilität. Im Forschungsprojekt des KIT werden sie eingesetzt, um zu messen, wann sich Mitarbeiter im hochkonzentrierten Zustand des Flow befinden.
Foto: © Polar Global

Wer konzentriert arbeitet, ist zufriedener

"Wir haben gesehen, dass Mitarbeiter, die häufig den Flow erleben, sich nicht nur zufriedener und wohler fühlen, sondern auch produk­tiver sind", resümiert Alexander Mädche erste Erfahrungen. "Elementare Voraussetzung für das Erleben von Flow ist, dass die Herausforderungen einer Aufgabe den Fähigkeiten des Mitarbeiters entsprechen." Bei Überforderung oder auch Langeweile sei kein Flow denkbar. Mädche ist sich bewusst, dass das Forschungsprojekt unternehmenspolitisch viel Sprengstoff birgt. Schließlich liegt es in der Verantwortung des Arbeitgebers, ob er die richtigen Rahmenbedingungen und auch die passenden Aufgaben zur Verfügung stellt. Unbeantwortet ist auch die Frage, ob Flow ein Zustand ist, der immer erstrebenswert ist. Schließlich könnten Mitarbeiter, die zu oft im Flow sind, auch Burnout-gefährdet sein.

Alexander Mädche ist Professor für Informationssysteme und Service Design am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschungsgruppe entwickelt und testet unter anderem Assistenzsysteme, die KI-gestützt ermitteln, wie konzen¬triert und zufrieden ein Mitarbeiter wäh¬rend seiner Tätigkeit ist.
Alexander Mädche ist Professor für Informationssysteme und Service Design am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschungsgruppe entwickelt und testet unter anderem Assistenzsysteme, die KI-gestützt ermitteln, wie konzen¬triert und zufrieden ein Mitarbeiter wäh¬rend seiner Tätigkeit ist.
Foto: KIT/Professor Alexander Mädche

Parallel zur Anwendung für Unternehmen arbeiten die Forscher auch an einer App, mit der jeder unabhängig von der Arbeit für sich privat testen kann, wann er im Flow ist. Im Frühjahr soll diese App erhältlich sein.