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E-Mail stirbt nicht aus

Wir sind süchtig nach E-Mails

24.05.2019
Von 


Christoph Lixenfeld, seit 25 Jahren Journalist und Autor, vorher hat er Publizistik, Romanistik, Politikwissenschaft und Geschichte studiert.

1994 gründete er mit drei Kollegen das Journalistenbüro druckreif in Hamburg, schrieb seitdem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel, Focus, den Tagesspiegel, das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche und viele andere.

Außerdem macht er Hörfunk, vor allem für DeutschlandRadio, und produziert TV-Beiträge, zum Beispiel für die ARD-Magazine Panorama und PlusMinus.

Inhaltlich geht es in seiner Arbeit häufig um die Themen Wirtschaft und IT, aber nicht nur. So beschäftigt er sich seit mehr als 15 Jahren auch mit unseren Sozialsystemen. 2008 erschien im Econ-Verlag sein Buch "Niemand muss ins Heim".

Seit 2014 betreibt er die Informationsplattform www.wohinmitmutter.de.

Christoph Lixenfeld schreibt aber nicht nur, sondern er setzt auch journalistische Produkte ganzheitlich um. Im Rahmen einer Kooperation zwischen Süddeutscher Zeitung und Computerwoche produzierte er so komplette Zeitungsbeilagen zu den Themen Internet und Web Economy inklusive Konzept, Themenplan, Autorenbriefing und Redaktion.

Beziehungsweise E-Mailen ist so gut gelernt und so beliebt, dass es viel Kraft kostet, die Menschen davon abzubringen. Diese Erfahrung machte zum Beispiel Atos SE bei seinem bereits erwähnten Projekt "Zero E-Mail".

Vielen Kollegen war das Suchen in einem ESN (Enterprise Social Network) lange zu anstrengend und zu ungewohnt. Atos machte Digital Natives zu Botschaftern des Neuen, sie brachten anderen Kollegen den Kulturwandel und seine Techniken nahe.

Gespräche am virtuellen Wasserkühler

Wobei an den Vorteilen von Netzwerken niemand zweifelt. Und auch nicht daran, dass die ideale Art der Kommunikation eigentlich das Gespräch in der Teeküche und am Wasserkühler ist.

Weil sich dies aber nur live und nicht zeitversetzt, also nicht wenn man gerade mal Zeit hat, führen lässt und außerdem nicht mit mehr als fünf oder sechs Leuten, hat sich Atos eine digitale Analogie dazu einfallen lassen: Eine der größten und ältesten Communities des Unternehmens heißt schlicht "Water Cooler".

Eine Hoffnung, die sich mit mehr Kommunikation über ESNs statt über Mails auch verbindet, ist, dass das eingangs beschriebene Suchtverhalten ab- und die Effizienz der Arbeit zunimmt.

Ohne ihre Mails fühlen sich viele keineswegs wie auf Wolke 7. Sie haben eher das gefühlt, von allem Wichtigen abgeschnitten zu sein.
Ohne ihre Mails fühlen sich viele keineswegs wie auf Wolke 7. Sie haben eher das gefühlt, von allem Wichtigen abgeschnitten zu sein.
Foto: lassedesignen - Fotolia.com

Denn das ständige Checken, Schreiben und Antworten bewirkt das Gegenteil, wie eine Studie der University of California aus Irvine festgestellt hat. Die Forscher hatten 13 IT-Mitarbeitern eines Unternehmens für fünf Tage quasi den Stecker ihrer Mailaccounts gezogen.

E-Mails machen die Arbeit ineffizient

Ergebnis: Ohne Mails versuchen sich die Menschen generell weniger an Multitasking, springen nicht so oft zwischen den Fenstern auf ihrem PC-Bildschirm hin und her und konzentrieren sich für längere Zeit auf eine (einzige) Aufgabe. Außerdem sprachen die Probanden öfter persönlich mit ihren Kollegen.

Dennoch fühlten sich die meisten von ihnen irgendwie abgeschnitten vom Informationsfluss. Womit wir wieder beim Anfang wären: Ohne E-Mails scheint uns tatsächlich was zu fehlen.

Das gilt trotz Schulungsmaßnahmen auch für einige Teilnehmer von Atos' "Zero-E-Mail"-Projekt. Das Unternehmen versendet deshalb noch immer gelegentlich E-Mails, um Mitarbeiter auf interessante Postings im Intranet hinzuweisen - eine einigermaßen paradoxe Situation.

Dass die E-Mail überleben wird, hat neben der lieben Gewohnheit übrigens auch rechtliche Gründe: Informationen, die ein Arbeitgeber nachweislich an alle Mitarbeiter kommunizieren muss, müssen nach wie vor in allen Unternehmen per E-Mail versandt werden.