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"Wir müssen schnellstens auf die Desktops kommen"

07.11.2000
Ray Ozzie, Mastermind hinter Lotus Notes und seit neuestem hinter der Peer-to-Peer-Software "Groove", spricht über seine Vision gemeinsamer Arbeit im Netz und die Positionierung von Groove Networks.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mitte Oktober hat Ray Ozzie, der "Vater" von Lotus Notes, eine neue Software für die Gruppenarbeit vorgestellt. Rund drei Jahre benötigte seine Firma Groove Networks, um das Tool "Groove" (Computerwoche online berichtete) zu entwickeln, das bislang nur als Vorabversion erhältlich ist. Mit Ozzie sprachen Michael Vizard und Ted Smalley Bowen von der CW-Schwesterpublikation "Infoworld".

CW: Wie werden Firmen künftig Peer-to-Peer-Anwendungen à la Groove einsetzen?

OZZIE: Das überwiegende Interesse kommt von Anwendern, die regelmäßig Beziehungen zu kleineren Gruppen von Personen pflegen. Mit spontan gebildeten Arbeitsteams innerhalb eines Unternehmens haben wir noch keine Erfahrungen gesammelt. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es aus diesem Bereich Interesse gibt, denn wir konnten hier bislang nicht mit Anwendern sprechen. Allerdings rechnen wir nicht wirklich damit, dass Lotus oder Microsoft Lücken in ihrem Groupware-Produkten gelassen haben, die Groove schließen könnte. Daher liegt unser Schwerpunkt eindeutig auf der Internet-übergreifenden Zusammenarbeit, beispielsweise bei der Kundenansprache oder innerhalb von Zulieferketten.

CW: Wie ist die Verteilung von Groove geplant? Wird es einen kostenlosen Client geben?

OZZIE: Es gibt ihn bereits, und es wird auch weiterhin einen frei erhältlichen Client geben. Entscheidend bei unserer gegenwärtigen Arbeit ist, so schnell wie möglich auf vielen Desktops der Anwender installiert zu werden. Darüber hinaus wird es erweiterte Groove-Varianten für Firmen und Endanwender geben, die wir zu einem fairen Preis anbieten.

CW: Was unterscheidet denn die kostenlose und die kommerzielle Version der Software?

OZZIE: Wenn Sie Groove häufig einsetzen, um diverse Beziehungen und Projekte damit zu verwalten, brauchen Sie irgendwann neue Features, die Ihre Arbeit beschleunigen und erleichtern. Beispielsweise würden Sie gerne über die Taskbar oder eine E-Mail benachrichtigt werden, wenn sich etwas in Ihrem Groove-System ändert. Wir werden aber auch das Programm dahingehend anpassen, dass es sich einfacher in Microsofts "Office" integrieren lässt, als dies mit dem freien Standard-Client möglich ist.

CW: Wo liegen die Vorteile für Unternehmen?

OZZIE: Ein gutes Beispiel ist das System-Management. Wenn ich als Administrator ein Firmenverzeichnis erstellt habe, will ich vielleicht verbieten, dass die Nutzer ihre eigenen Alias-Namen bei Groove verwenden. Sie sollen sich an ihre Namen halten, die auch im offiziellen Directory stehen. Außerdem müssen Systembetreuer unter Umständen reglementieren, welche Tools die Leute in ihren Clients einsetzen. Zu diesem Zweck gibt es eine Groove-Version, mit der sich die verteilten Clients von einem zentralen Server verwalten lassen. Darüber hinaus wird die Firmen-Version durch verschiedene Services von uns unterstützt.

CW: Welche Rolle spielen Handhelds und mobile Geräte in Ihrer Architektur?

OZZIE: Das hängt davon ab, welche Rolle Handys und PDAs in Zukunft spielen. Allerdings bin ich skeptisch, wenn ich höre, was Handys künftig alles können werden - ich persönlich benutze Mobiltelefone nur, um Leute anzurufen. Daher liegt unser Fokus nicht auf den Handys als Client. Gute Aussichten rechne ich mir hingegen bei den coolen "Blackberry"-Pagern aus [Die Blackberrys der kanadischen Firma RIM sind eine Mischung aus E-Mail-Empfängern, PDAs und Pagern]. Am interessantesten für Groove wird jedoch die Geräteklasse zwischen PDAs und Laptops sein. Vielleicht kommen sie in Form eines kleinen Tabletts mit ausklappbarer Tastatur auf den Markt. Das wäre perfekt für Groove.

CW: Löst das Peer-to-Peer-Computing bestehende Architekturen ab, oder wird es mit Server-basierten Anwendungen integriert?

OZZIE: Groove ist komplett integriert. Kunden erwarten immer häufiger, dass sie neue Funktionen kostenlos erhalten. Ein wirtschaftlich stabiles Peer-to-Peer-Produkt muss daher zusätzliche Lösungen bieten und sich in unternehmenskritische Systeme von Drittanbietern einbinden lassen. Wir gehen das Problem über APIs und mittels eines speziellen Software-Bots an, der auf den Firmenservern nach den passenden Informationen sucht.

CW: Herzstück von Groove Networks ist ein XML-Object-Store, den Ihre Firma entwickelt hat. Tut sich in diesem Bereich etwas in Sachen Standards?

OZZIE: In der ganzen Geschichte des Datenbankgeschäfts habe ich noch nie jemanden gesehen, der festlegt, wie Bits und Bytes auf Festplatten gespeichert werden. Genau dabei wetteifern Oracle, Sybase und Microsoft. Wir müssen nur aufpassen, dass wir unser Produkt so angelegt haben, dass wir auf Standardisierung reagieren können, sobald etwas passiert.

CW: Gibt es einen Verbindung zwischen Groove und Java?

OZZIE: Wir haben keine integrierte JVM [Java Virtual Machine]. Sie können zwar Groove-Anwendungen in "J++" schreiben, aber nicht in Suns Java - dazu müssten wir eine virtuelle Maschine dazupacken. Anwender können aber natürlich auch den Internet Explorer einbinden und darin Java nutzen.

CW: Wie flexibel ist die Groove-Umgebung?

OZZIE: Anders als jedes andere Produkt, an dem ich bisher gearbeitet habe, ist Groove eher ein Komponenten-Framework, dass wir Entwicklern zur Verfügung stellen. Man kann damit eine Benutzerschnittstelle basteln, die komplett anders aussieht als beispielsweise unser Client. Wir haben sogar damit experimentiert, einzelne Elemente in die Endgeräte-Hardware auszulagern - das ist ohne weiteres möglich.

CW: Sehen Sie bei Groove Probleme mit Urheberrechten auf sich zukommen?

OZZIE: Wir liefern eine Technik für den Austausch von Informationen und Daten. Lässt sich diese missbrauchen? Absolut. Ich stehe aber auf jeden Fall hinter den Leuten, die sich für Intellectual Property stark machen - darauf baut schließlich auch mein ganzes Geschäft auf. Wenn mein Quellcode publik wird, schädigt mich das genauso wie jeden anderen Künstler oder Verleger. Ich respektiere geistiges Eigentum, aber ich werde Groove nicht so kastrieren, dass ich damit meinen Code nicht mehr verteilen könnte.

CW: Was wird Ihrer Meinung nach das nächste "große Ding"?

OZZIE: Jemand wird das Betriebssystem des Video-on-Demand-Dienstes Tivo knacken. Dann können die Nutzer alle Sendungen aufzeichnen und in einem Peer-to-Peer-Netz untereinander austauschen. Wieso das bis jetzt noch nicht passiert ist, ist mir ein Rätsel.