UnternehmerTUM-Chef im Interview

"Wir leben von Offenheit und Partnerschaft"

12.03.2020
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Die Technische Universität (TU) München ist die Geburtsstätte von Startups wie Celonis, Lilium oder Konux. UnternehmerTUM, ein Zentrum für Innovation und Gründung an der TU München, begleitet Gründer von der ersten Idee bis zum Börsengang. Wir haben mit Geschäftsführer Prof. Dr. Helmut Schönenberger gesprochen.

UnternehmerTUM ist 2002 als Zentrum für Innovation und Gründung in München gestartet. Wie kam es dazu?

Schönenberger: Der Ansatz für das Gründerzentrum entstand aus meiner Diplomarbeit. Ich habe damals die Stanford University im Silicon Valley mit der TU München am Innovationsstandort München verglichen. Daraus entstand die Idee, ein Entrepreneurship Center nach dem Vorbild von Stanford aufzubauen - mit damals etwa fünf Leuten. Ich bekam dann die Gelegenheit, das Konzept dem Präsidenten der TU München vorzustellen. Er und Susanne Klatten, die damals im Kuratorium der TU München war, fanden das Konzept gut. Frau Klatten hatte bereits andere Entrepreneurship-Initiativen vorangetrieben, und so passte das wunderbar. Sie hat dann die Gründung von UnternehmerTUM als An-Institut ermöglicht und gleich den Aufsichtsratsvorsitz übernommen

Wie lässt sich das Ziel der Initiative zusammenfassen, mit dem Sie damals an den Start gegangen sind?

Schönenberger: Wir wollten ein Entrepreneurship Center gründen, das junge Menschen befähigt, Firmen zu gründen. Uns ging es darum, Studierende der TU für Gründungen zu begeistern und sie dann auf ihrem Weg aktiv zu unterstützen.

Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?

Schönenberger: Vor knapp 20 Jahren war die Szene noch ein bisschen kleiner und überschaubarer als heute. Wir fingen damit an, die ersten Studierenden auszubilden, und die fanden das cool und haben gesagt: 'Jetzt wollen wir auch wirklich gründen, wie könnt Ihr uns dabei weiterhelfen?' Wichtig für junge Unternehmen ist der Zugang zu einem starken Netzwerk: Wir haben Gründerinnen und Gründer mit Experten aus etablierten Unternehmen, mit Entwicklungspartnern, mit Business Angels und Risikokapital-Gebern zusammengebracht.

Prof. Dr. Helmut Schönenberger ist Geschäftsführer des Innovations- und Gründungszentrums UnternehmerTUM.
Prof. Dr. Helmut Schönenberger ist Geschäftsführer des Innovations- und Gründungszentrums UnternehmerTUM.
Foto: TU München

So haben wir das Netzwerk nach und nach ausgebaut. Heute haben wir weit über 20.000 Menschen in unserem Netzwerk. Die sind aktiv, gründen Firmen oder unterstützen junge Gründer auf diesem Wege - als Ratgeber, Experten, Kooperationspartner, Kapitalgeber und so weiter.

Welche Unternehmen, die man heute kennt, sind aus diesem Netzwerk hervorgegangen?

Schönenberger: Die bekanntesten sind sicher Flixbus und Celonis, wobei wir dort jeweils ganz unterschiedliche Rollen übernommen haben. Bei Flixbus waren wir einer der ersten Venture-Capital-Finanzierer, wir sind mit unserem Fonds "Unternehmertum Venture Capital" eingestiegen. Die Celonis-Gründer waren als Studierende frühzeitig bei uns in der Gründungsberatung, die wir zusammen mit der TU München anbieten.

Wie bekommen technikorientierte Gründer aus den Reihen der TU München das notwendige betriebswirtschaftliche Basiswissen, um zu gründen?

Schönenberger: UnternehmerTUM bietet zusammen mit den Entrepreneurship-Professoren der TUM für Studierende und Wissenschaftler die gesamte Entrepreneurship Education an - Business Plan, Seminare und Vorlesungen, aber auch sehr praxisorientierte Projekte und Technologiekurse. Gemeinsam mit der TUM School of Management haben wir auch einen eigenen Executive-MBA-Studiengang in "Innovation and Business Creation". Man kann aber auch lernen, in kurzer Zeit digitale Produkte zu entwickeln. Dafür haben wir die "Digital Product School" gegründet.

Momentan sprechen alle nur von der Startup-Metropole Berlin. Ärgert Sie das?

Schönenberger: Wir finden es gut, dass es eine starke Gründerszene in Berlin gibt. Die konzentriert sich überwiegend auf Internet- und E-Commerce-Themen. In München stehen wir eher für Hightech- und Business-to-Business-Gründungen. Die sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ganz so präsent wie etwa Zalando. Allerdings ändert sich hier gerade etwas. Celonis, inzwischen mit 2,3 Milliarden Euro bewertet, hat vom Bundespräsidenten den Deutschen Zukunftspreis erhalten. So geraten auch solche Unternehmen zunehmend in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Das merken wir auch als UnternehmerTUM, als TU München und als Startup Ecosystem München.

Wir bekommen inzwischen viel internationale Aufmerksamkeit. Ungefähr ein Viertel unserer Gründer kommen nicht aus Deutschland. Beim Risikokapital ist es das Gleiche: Viele unserer Investoren sitzen in den USA und in China.

Es ist immer wieder zu hören, dass Risikokapital in Deutschland schwieriger zu bekommen sei als in anderen Ländern. Können Sie das bestätigen?

Schönenberger: Es hat sich schon einiges verbessert. Wir haben im letzten Jahr für unsere Startups über eine Milliarde Euro einwerben können, das sind schon ordentliche Summen, die auch mit anderen Nationen wettbewerbsfähig sind. Trotzdem wünschen wir uns natürlich gerade in den Wachstumsfinanzierungs-Runden noch größere Fonds und mehr Kapital, damit nicht nur lokale Pflänzchen entstehen, sondern wirkliche Weltmarktführer in ihren Nischen.

UnternehmerTUM im Hightech-Mekka München

Sind bei Ihnen eher Risikokapitalgesellschaften engagiert oder klassische Unternehmen und Stiftungen?

Schönenberger: Zentrale Bedeutung haben wirklich die Venture-Capital-Gesellschaften, die als Investoren auftreten. Wir haben aber auch einen eigenen, sehr erfolgreichen Risikokapital-Arm, der nennt sich Unternehmertum Venture Capital. Dort holen wir national und international viele Co-Investoren rein, beispielsweise New Enterprise Associates. NEA ist einer der größten Risikokapital-Fonds weltweit und engagiert sich bei uns als Co-Investor.

Müssen Gründer, die von Ihnen unterstützt werden wollen, an der TU München studiert haben?

Schönenberger: Wir sind offen für Talente aus der ganzen Welt. Wichtig ist aber, dass es die Verbindung zur TU München gibt, die ja die führende Gründer-Universität in Deutschland ist. Die starke lokale Aufstellung zieht Talente aus der ganzen Welt an, weil München für ihr Startup aus dem Hightech- oder B2B-Bereich ein attraktives Umfeld bietet.

Eine Reihe von großen IT- und Internet-Unternehmen bauen gerade in München aus, Google etwa oder SAP mit dem geplanten Forschungszentrum in unmittelbarer Nähe der Technischen Universität in Garching. Engagieren sich diese Unternehmen bei UnternehmerTUM?

Schönenberger: Ja, das sind unsere strategischen Partner, mit denen wir zum Teil seit Jahren eng zusammenarbeiten. Wir pflegen eine intensive strategische Zusammenarbeit mit SAP, indem wir gemeinsame Innovationen treiben und Firmen hochziehen. SAP betreibt zusammen mit uns das Accelerator-Programm SAP.iO Foundry Munich. So arbeiten wir gemeinsam strategisch daran, München als führenden B2B-Startup-Hub auszubauen.

IT-Themen wie künstliche Intelligenz, Internet of Things oder Blockchain treiben nicht nur den digitalen Wandel voran, sie bieten auch große Chancen für Gründer. Legen Sie hier einen Schwerpunkt in Ihren Förderprogrammen?

Schönenberger: Wir beobachten, dass sich bestimmte Technologie-, aber auch Branchenschwerpunkte immer mehr herauskristallisieren. Bei uns ist das vor allem der Bereich künstliche Intelligenz: Da hat die TU München mit der "Munich School of Robotics and Machine Intelligence" von Sami Haddadin und der Initiative "appliedAI" aus dem Ökosystem von UnternehmerTUM eine große internationale Strahlkraft. Ein anderes Feld ist die Mobilität. UnternehmerTUM ist auch der Digital Hub Mobility der Bundesregierung. Diese zwei Beispiele zeigen, wie wir technologie- und branchenorientiert immer mehr Kompetenz in diesen Schwerpunkten bündeln.

Die Unterstützung von Gründern ist das eine, aber für den deutschen Wirtschaftsstandort ist es ebenso wichtig, Brücken zwischen etablierten Unternehmen und innovativen Gründern zu bauen. Was tun Sie dafür?

Schönenberger: Die strategische Zusammenarbeit mit gestandenen Unternehmen und Mittelständlern gezielt voranzutreiben, ist uns äußerst wichtig und wohl auch eines unserer Erfolgsgeheimnisse. UnternehmerTUM hat etwa 100 Partnerunternehmen, das sind große Konzerne wie SAP, Google oder BMW, aber auch Mittelständler wie Knauf oder Festo. Mit diesen Firmen pflegen wir Innovationspartnerschaften, indem wir junge Unternehmen mit etablierten zusammenarbeiten lassen oder die etablierten Firmen dabei unterstützen, neue innovative Geschäftsfelder hochzuziehen.

Es hat viel Potenzial, wenn die Etablierten mit den Jungen zusammenkommen. Dann kann Unglaubliches entstehen. Beispiele wie Celonis oder auch Konux zeigen ja, was möglich ist.

Das klingt nach einigem Koordinations- und Management-Aufwand. Wie viel Personal beschäftigt UnternehmerTUM derzeit?

Schönenberger: Wir haben rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sind damit das größte europäische Gründerzentrum.

Unsere Leser sind IT-Entscheider, die den Auftrag haben digital zu innovieren. Wie können CIOs und Digitalisierungs-Verantwortliche mit UnternehmerTUM zusammenarbeiten?

Schönenberger: Wir sind offen für jede Form der Zusammenarbeit! Jeder kann zu uns kommen und in unserem Netzwerk aktiv werden, wie bei appliedAI oder dem Digital Business Lab. Beispielsweise gibt es Veranstaltungen wie das Forum UnternehmerTUM, in dem das Netzwerk zusammenkommt. Es gibt viele Meetups und Einzelgespräche aus denen dann Projekte werden. Wir leben von Offenheit und Partnerschaft und freuen uns über starke, etablierte Unternehmen, die Freude und Interesse haben, mit unserem Startup-Ökosystem zu interagieren.