LKW der Zukunft ist digital und elektrisch

Wie VW-Tochter Traton auf die digitale Überholspur kommen will

17.10.2019
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Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Themen wie Elektrifizierung und Autonomes Fahren führen dazu, dass sich auch Nutzfahrzeughersteller wie die VW-Tochter Traton immer stärker mit Software und digitalen Lösungen beschäftigen müssen. Dabei spielen neben der Nutzung gemeinsamer Ressourcen und Komponenten auch agile Entwicklungsmethoden eine große Rolle.

Auf einer Firmenveranstaltung mit einem Bild von der Klimaaktivistin Greta Thunberg begrüßt zu werden, ist auch in ihrem Heimatland Schweden noch etwas ungewöhnlich. Zumal der Gastgeber aus der nicht gerade als besonders umweltfreundlich bekannten LKW-Branche stammt, die Rede ist von der VW-Tochter Traton, der Holding-Gesellschaft mit den LKW-Marken MAN, Scania und Volkswagen Caminhões e Ônibus (VWCO). Und doch, so erläuterte CEO Andreas Renschler auf dem Traton Innovation Day im schwedischen Södertälje, habe man das Bild ganz bewusst gewählt, denn auch Traton wolle seinen Beitrag in Sachen Nachhaltigkeit leisten.

Traton for future: CEO Andreas Renschler setzt voll auf Elektromobilität.
Traton for future: CEO Andreas Renschler setzt voll auf Elektromobilität.
Foto: Manfred Bremmer

Nicht nur, dass die mehr als 50.000 Mitarbeiter weltweit im Rahmen des Scania Climate Day am 20.September den Betrieb gestoppt hätten, um mehr über die Folgen des Klimawandels zu lernen - und darüber, was Scania dagegen unternehmen will. Traton plane zudem, führender Hersteller bei Elektrobussen und -Trucks zu werden, verkündete Renschler. Um dieses Ziel zu erreichen, will die Gruppe in den nächsten fünf Jahren mehr als eine Milliarde Euro ihres Forschungs- und Entwicklungs-Budgets (F&E) in Elektromobilität stecken.

Das Interesse der Kunden an E-Mobilität wachse bereits deutlich, führte Renschler aus. Aktuell bremsten jedoch noch die fehlende Ladeinfrastruktur sowie hohe Anschaffungs- und Betriebskosten für batteriebetriebene Fahrzeuge eine stärkere Marktdurchdringung. "Wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind, könnte in zehn bis 15 Jahren jeder dritte Lkw und Bus unserer Marken mit alternativen Antrieben fahren - die meisten davon voll elektrisch." Und dies sei noch eine konservative Schätzung, fügte er hinzu.

Mittelfristig TCO-Parität mit Dieselfahrzeugen

Da Batteriezellen über die Zeit günstiger werden und länger halten, erwartet Traton, dass mittelfristig batteriebetriebene Lkw im Verteilerverkehr und Stadtbusse über ihren Lebenszyklus hinweg bei den Kosten mit Dieselfahrzeugen gleichziehen werden. Eine erste Probe aufs Exempel erfolgt ab kommenden Jahr, wenn der brasilianische Bier- und Getränkehersteller Ambev insgesamt 1.600 Elektro-Lkws von VWCO einsetzt.

Bis 2023 soll ein gutes Drittel der Fremdfahrzeugflotte von Ambev mit Strom - aus sauberen Quellen - betrieben werden und dabei über 30.000 Tonnen CO2 einsparen. Das Besondere bei dem Projekt: Um die E-Mobilität in Brasilien zu fördern, baut die Traton-Tochter zusammen mit Partnern ein komplettes Netzwerk für E-Lkws auf, das alles einbezieht - von der Fertigung über die Ladeinfrastruktur bis hin zum Lebenszyklus der Batterien.

Hoher Preis, Zusatzgewicht durch die schweren Akkus und geringe Reichweite bremsen aktuell noch die Verbreitung von Elektro-Lkws.
Hoher Preis, Zusatzgewicht durch die schweren Akkus und geringe Reichweite bremsen aktuell noch die Verbreitung von Elektro-Lkws.
Foto: Manfred Bremmer

Auch in Europa laufen bereits diverse Bemühungen von Seiten der Traton-Gruppe an, umweltfreundliche Antriebstechnik auf die Straße zu bringen. So testet Scania zusammen mit Norwegens größtem Lebensmittelhändler Asko Brennstoffzellen-Lkws mit elektrischem Antriebsstrang, wobei der Wasserstoff der Brennstoffzelle aus erneuerbaren Energien stammt. Asko plant zudem, einen elektrischen Fernverkehr-Lkw von Scania zu testen.

MAN wiederum hat bereits im September 2018 am österreichischen Produktionsstandort Steyr die ersten elektrisch betriebenen Lkws vom Typ MAN eTGM an neun Mitgliedsunternehmen des österreichischen Council für nachhaltige Logistik (CNL) übergeben. Konkret handelt es sich dabei um vier Kühlfahrzeuge, einen Getränkelaster sowie drei Fahrzeuge für Wechselkoffer und eine Sattelzugmaschine. Die Elektro-Lkws bilden damit laut MAN die gängigsten Verteiler-Transportaufgaben in der urbanen Logistik ab.

Experimente mit Hybrid-Lkws

Wie man auf dem Traton Innovation Day selbst "erfahren" konnte, lassen die elektrisch betriebenen LKWs in Sachen Drehmoment und niedrige Fahrgeräusche keine Wünsche offen. Showstopper beim eTGM sind aktuell jedoch noch - zumindest im Alltagsbetrieb - das hohe Zusatzgewicht durch die schweren Akkus und die geringe Reichweite von maximal 130 Kilometern.

Um weite Fahrstrecken überbrücken zu können oder das Gewicht zu senken, experimentieren die Marken jedoch eifrig mit verschiedenen Techniken. So testet Scania etwa einen Oberleitungs-Hybrid-LKW, der bei vorhandener Infrastruktur voll elektrisch fahren und den Akku für den "Offline"-Betrieb laden kann. Interessant ist auch ein erdgasbetriebener Hybrid-LKW, der beispielsweise in Umweltzonen automatisch auf Elektroantrieb schaltet - gesteuert wird das Ganze über die Geofencing-Lösung Scania Zone.

Auf dem Traton Innovation Day präsentierte die VW-Tochter zahlreiche Lkws mit alternativen Antriebskonzepten.
Auf dem Traton Innovation Day präsentierte die VW-Tochter zahlreiche Lkws mit alternativen Antriebskonzepten.
Foto: Manfred Bremmer

Daneben bemüht sich die Traton-Gruppe, bei den Fahrzeugen die Energieeffizienz und Akkulaufzeit zu erhöhen, um so mehr Reichweite zu erzielen. Außerdem wird versucht, mit Schnellladetechnik die Standzeit zu reduzieren. So genügen beispielsweise dem MAN-Transporter eTGE 45 Minuten für eine Schnellladung von null auf 80 Prozent Ladekapazität - benötigt wird dazu allerdings eine Gleichstromladestation mit CCS und 40 Kilowatt Leistung.

Die Software macht den Unterschied

Themen wie diese zeigen, dass wie bei der Konzernmutter Volkswagen auch bei der Lkw-Tochter ein Umdenken stattgefunden hat. Dies bestätigt auch Traton-CEO Renschler auf dem Innovation Day: "Wir wollen auf die digitale Überholspur und wandeln uns immer stärker von Hardware- zum Software- & Service-Anbieter."

Der Wandel zeigt sich Renschler zufolge auch daran, dass heute bereits fast 2000 Software-Ingenieure für die Marken arbeiten - dies entspreche knapp 30 Prozent aller beschäftigten Ingenieure der Traton-Gruppe. Bei künftigen Projekten erfordere die Entwicklung mehr Zeit auf der Software- als auf der Hardware-Seite, erklärte Scania-Chef Henrik Henriksson. Gleichzeitig hoffe man, auch die Vorteile von Agile Development nutzen zu können, um die Entwicklungszeiten zu verringern, kürzere Produktzyklen einzuführen und die Kunden stärker einzubeziehen sowie kontinuierliche Verbesserungsprozesse zu etablieren - "nicht täglich, aber auch nicht im Jahreszyklus", räumte der Scania-Chef ein.

Traton komme zugute, dass neue Themen wie Elektromobilität, Vernetztes und Autonomes Fahren den Konzern als Arbeitgeber für Softwareentwickler interessant machen, fügte er hinzu: "Früher hatten wir Schwierigkeiten, uns gegen Google, Apple und Co. zu behaupten, heute sind wir attraktiv für Spitzentalente."

Dank innovativer Themen wie Elektromobilität, Autonomes und Vernetztes Fahren sieht Scania-Chef Henrik Henriksson sein Unternehmen auch beim Kampf um IT-Talente im Vorteil.
Dank innovativer Themen wie Elektromobilität, Autonomes und Vernetztes Fahren sieht Scania-Chef Henrik Henriksson sein Unternehmen auch beim Kampf um IT-Talente im Vorteil.
Foto: Manfred Bremmer

Für die wachsende Popularität bei IT-Spezialisten dürften auch so futuristische Konzeptfahrzeuge wie der im Sommer vorgestellte Scania NXT sorgen. Der acht Meter lange Bus lässt sich je nach Bedarf mit verschiedenen Modulen ausstatten. So ist theoretisch denkbar, dass der NXT in der Früh und abends Pendler zu und von ihrer Arbeitsstätte befördert und untertags - selbstverständlich mit einem anderen Modul - als Müllfahrzeug fungiert. Geliefert würde der autonome Bus als Offboard-Lösung, so Henriksson, mit der Möglichkeit, ihn in den virtuellen Kontrollturm einer Stadt einzubinden.

400 Entwickler für Autonomes Fahren

Apropos Autonomes Fahren: Bei Traton arbeiten rund 400 Entwickler an einer gemeinsamen Plattform für Autonomes Fahren, verriet Christian Levin, Forschungs- und Entwicklungsvorstand und Chief Operation Officer bei Traton. Damit müsse man sich nicht vor anderen Akteuren auf dem Gebiet verstecken. Zudem wolle man Möglichkeiten prüfen, die Expertise der VW-Mutter und ihrer Partner beim Autonomen Fahren zu nutzen.

Es gibt innerhalb der Traton-Gruppe auch schon eine Reihe von autonomen Fahrzeugen in Tests und im realen Einsatz. So fährt bereits seit 2018 ein Scania-Lkw autonom in einer australischen Mine von Rio Tinto. Im Rahmen des Innovation Day wurde außerdem das neue Scania-Konzept-Fahrzeug AXL ohne Fahrerhaus erstmals im Einsatz vorgestellt, ein Kipplaster mit Verbrennungsmotor, der sich mit Hilfe von Kameras, GPS-Antennen, Radar- und Lidar-Sensoren orientiert.

Damit nicht genug: Ende des Jahres soll ein elektrischer Scania-Bus autonom im Großraum Stockholm im Test Fahrgäste zwischen einer neuen Wohnsiedlung und einer nahe gelegenen U-Bahnstation befördern. Und in wenigen Monaten beginnt ein Praxistest von MAN mit dem Hamburger Hafen, bei dem Trucks abschnittsweise hochautomatisiert auf der Autobahn zum Hafengelände fahren. Dort steigt der Fahrer aus, der Lkw fährt autonom in das Container-Terminal Altenwerder, wird automatisch entladen und kehrt selbstständig wieder zum Fahrer zurück.

Ziel: Mehr als eine Million vernetzte Lkw bis 2025

Auch das Thema Vernetzte Lkws will die VW-Tochter vorantreiben - ermöglichen die gesammelten Daten Traton doch Rückschlüsse für die weitere Verbesserung der Fahrzeuge sowie neue Angebote und Geschäftsmodelle. Insbesondere in Hinblick auf die geplante Elektrifizierung der Flotte sieht der Konzern einen großen Bedarf an Daten auf sich zukommen. Die Daten gehören zwar dem Kunden, merkte Traton dazu an, werden aber gesammelt und ausgewertet, um Vorteile zu generieren, beispielsweise für das Energie-Management oder die Optimierung der Software, um eine höhere Reichweite der Elektro-Lkws zu erreichen.

Die Kunden wiederum können ihre Kosten senken, sowie ihre Fahrzeuge und Flotten effizienter steuern und besser auslasten, verspricht Traton. Sie profitierten unter anderem von höherer Verfügbarkeit, geringeren Wartungskosten, niedrigerem Kraftstoffverbrauch und besserer Routenplanung - was auch der Umwelt zugute komme. Außerdem sieht der Konzern mit der Vernetzung auch neue Geschäftsmodelle wie das Management von Over-the-Air-Updates und Cyber-Security am Horizont auftauchen.

Um hierfür die Voraussetzungen zu schaffen, ist seit Anfang 2019 fast jeder neu ausgelieferte schwere und mittelschwere Lkw von Scania und MAN entsprechend vernetzt. VWCO liefert seine Fahrzeuge seit Anfang September 2019 serienmäßig mit entsprechender Anbindung aus. Waren es Ende 2018 noch rund 450.000 Fahrzeuge, stieg die Zahl 2019 dank dieser Maßnahmen auf rund 600.000 und bis Ende 2025 sollen deutlich mehr als eine Million Fahrzeuge innerhalb der Traton-Gruppe vernetzt sein.

Digitalisierung als Beitrag zum Klimaschutz

Eine andere Möglichkeit für Unternehmen, den Flottenverbrauch zu senken, ist die Telematik, ein Markt, der laut Schätzungen der Unternehmensberatung Deloitte von 2,3 Milliarden Euro im Jahr 2016 auf fast zehn Milliarden Euro im Jahr 2026 wachsen soll. So fahren Lkws derzeit in Europa - je nach Berechnung - im Durchschnitt nur mit einer Kapazitätsauslastung von rund 50 bis 60 Prozent. Gelingt es intelligenten digitalen Lösungen, die Zahl der Leerfahrten oder nur wenig ausgelasteten Fahrzeugen zu senken, würde auch der CO2-Ausstoß zurückgehen.

Auch beim Thema Logistik geht es bei Traton zunehmend um Lösungen statt Produkte.
Auch beim Thema Logistik geht es bei Traton zunehmend um Lösungen statt Produkte.
Foto: Manfred Bremmer

Dass Digitalisierung auch in der Logistik einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, haben MAN und Scania schon relativ früh erkannt und seit 2016 zweistellige Millionen-Euro-Beträge in Software-Firmen investiert, beispielsweise die digitale Spedition Sennder. Außerdem gründete der Konzern 2016 mit RIO eine eigene Digitalmarke. Das Unternehmen entwickelt digitale Services für das gesamte Logistik-Ökosystem und vernetzt mittlerweile mehr als 115.000 Lkw über seine offene, Cloud-basierte Plattform.

Richtete sich das Angebot bisher vor allem an kleine Flotten und Spediteure, soll RIO nun ein völlig neues Kundensegment erschließen. Wie Traton auf dem Innovation Day ankündigte, werde die Digitaltochter künftig die Konzernlogistik der Volkswagen Gruppe dabei unterstützen, ihre Prozesse zu digitalisieren. Ziel der Zusammenarbeit sind signifikante Einsparungen durch transparentere und effizientere Prozesse.

Allein in Europa koordiniert die Volkswagen Konzernlogistik täglich rund 18.000 Lkw-Transporte im weit verzweigten Netzwerk aus Lieferanten, Produktionsstätten, Absatzmärken und Händlern. Um den immer weiter steigenden Material- und Warenfluss gemeinsam mit 13 Konzernmarken gewährleisten zu können, brauche es eine leistungsfähige und zukunftssichere IT-Lösung, erklärte Thomas Zernechel, Leiter Volkswagen Konzernlogistik: "Die Optimierung der Auslastung durch weitere Reduzierung von Leerfahrten und Standzeiten wird uns außerdem helfen, unsere Klimaschutzziele zu erreichen."