Internet of Things in der Praxis

Wie Unternehmen vom Internet der Dinge profitieren

29.07.2016
Von   


Dr. Kay Müller-Jones ist Leiter Consulting und Services Integration bei Tata Consultancy Services (TCS).

Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Implementierung von IoT

Allerdings ist eine erfolgreiche Umsetzung einer IoT-Strategie kein "Selbstläufer". Bei der Analyse der IoT-Initiativen von Unternehmen durch TCS zeigte sich, dass im Wesentlichen fünf Faktoren darüber entscheiden, ob das Internet der Dinge zu einem Erfolg wird.

1. Neue Geschäftsoptionen ermitteln und nutzen

Unternehmen, die am stärksten vom IoT profitieren, stimmen ihre Strategie besser als Mitbewerber auf diese Technologie ab und entwickeln darauf zugeschnittene Geschäftsmodelle und Produktangebote.
Unternehmen, die am stärksten vom IoT profitieren, stimmen ihre Strategie besser als Mitbewerber auf diese Technologie ab und entwickeln darauf zugeschnittene Geschäftsmodelle und Produktangebote.
Foto: Tata Consultancy Services

Die Basis dafür ist eine umfassende Analyse von IoT-bezogenen Daten mit dem Ziel, die "wirklichen" Erfahrungen von Nutzern mit Produkten und Services zu ermitteln. Anhand dieser Daten können Unternehmen beispielsweise ermitteln, ob und in welchen Bereichen Kunden Hilfe benötigen und welche ergänzenden Funktionen Produkte bieten sollten. Außerdem ermöglichen solche Daten Rückschlüsse auf die Segmentierung der Kundenbasis. Darauf aufbauend können Unternehmen ihre Angebote besser auf bestehende und neue Zielgruppen abstimmen oder neue Services entwickeln.

Ein Beispiel: Ein Hersteller von Fertigungssystemen kann in Werkzeugmaschinen Sensoren implementieren, die Daten über deren Einsatz und den Abnutzungsgrad einzelner Komponenten übermitteln. Diese Daten wiederum ermöglichen es dem Hersteller, proaktiv Wartungsdienste anzubieten (Predictive Maintenance) und dadurch die Stillstandszeiten eines Systems zu minimieren. Ergänzend dazu kann der Hersteller auf Basis dieser Informationen seinen Kunden Vorschläge unterbreiten, wie dieser bestimmte Fertigungsvorgänge optimieren kann. Neben IoT-Plattformen sind dazu IT-Ressourcen wie Big Data-and-Analytics-Lösungen erforderlich. Diese, ebenso wie die IoT-Plattformen, Datenbanken, Server und Storage-Kapazitäten, lassen sich über eine Cloud beziehen.

Rolls Royce TotalCare: Sensoren in den Triebwerken geben Aufschluss über den Status der Systeme und ermöglichen es, diese proaktiv zu warten oder auszutauschen.
Rolls Royce TotalCare: Sensoren in den Triebwerken geben Aufschluss über den Status der Systeme und ermöglichen es, diese proaktiv zu warten oder auszutauschen.
Foto: Rolls Royce

Solche neuartigen Geschäftsmodelle sind bereits im Einsatz. Rolls-Royce hat beispielsweise für seine Flugzeugtriebwerke ein Vertriebsmodell namens "TotalCare" entwickelt. Es sieht vor, dass eine Fluggesellschaft die Triebwerke bei Rolls-Royce least, inklusive der Instandhaltungsarbeiten. Abgerechnet wird pro Flugstunde. Das heißt, Rolls-Royce bietet seinen Kunden die Dienstleistung "Lückenlose Verfügbarkeit von Triebwerken" an. Sensoren in den Triebwerken geben Aufschluss über den Status der Systeme und ermöglichen es Rolls-Royce, diese proaktiv zu warten oder gegebenenfalls auszutauschen.

2. Festlegen, welche Daten aus dem Internet der Dinge erfasst und analysiert werden sollen

Im Internet der Dinge besteht wahrlich kein Mangel an Daten. Daher kommt es darauf an, diejenigen Informationsbestände zu identifizieren, die für die IoT-Initiative eines Unternehmens relevant sind. Soll beispielsweise der Kundenservice optimiert werden, gilt es Informationen über die Erfahrungen von Nutzern mit entsprechenden Dienstleistungen zu erfassen. Hilfreich ist außerdem, ergänzend dazu Daten über die Produktqualität auszuwerten und Informationen über die Art und Weise zu sammeln, wie Kunden bestimmte Produkte verwenden.

3. Die Führungskräfte und Mitarbeiter im Unternehmen dazu animieren, überkommende Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen

Unternehmen, die IoT mit Erfolg einsetzen, zeichnen sich durch eine spezielle Unternehmenskultur aus. Dies ist ein wesentlicher Faktor, der bei der Umsetzung von IoT-Initiativen oft unterschätzt wird. Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter bereit sind, ihre Sicht von Kunden und Produkten sowie von Geschäftsprozessen auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu modifizieren. Denn die Informationen von IoT-Komponenten können ein völlig anderes Bild der Realität ergeben als die bislang gehegten Vorstellungen von Produkt- und Marketing-Verantwortlichen.

Somit müssen alle Mitarbeiter willens sein, Kernelemente zu ändern: Geschäftsentscheidungen, Produktstrategien und die Art, wie Kunden angesprochen und betreut werden. Das erfordert eine "Unternehmenskultur des Wandels", die dem disruptiven Charakter des Internets der Dinge Rechnung trägt.

Doch diese Unternehmenskultur ist in vielen Branchen noch unterentwickelt. So moniert Andreas Zilch, Senior Vice President beim Marktforschungsunternehmen PAC Germany, dass deutsche Unternehmen dazu tendieren, bei der Auswahl und Implementierung von IoT-Lösungen zu komplexe und langwierige Auswahlverfahren zu verwenden. Außerdem wird häufig nach einer "Lösung für die Ewigkeit" gesucht, die 10 bis 15 Jahre Bestand hat. Solche Prozesse und Vorgaben sind in einem hoch dynamischen Umfeld wie IoT nicht akzeptabel. Unternehmen müssen vielmehr bereit sein, sich schnell auf neue Marktgegebenheiten und technologische Entwicklungen einzustellen. Ansonsten laufen sie Gefahr, gegenüber Mitbewerbern ins Hintertreffen zu geraten.

4. IoT-Know-how aufbauen

IoT-Technologien komplett in Eigenregie zu entwickeln, kommt für die wenigsten Anwender in Betracht. Praktikabel ist eine zweigleisige Vorgehensweise: Ein Teil des Know-hows wird im eigenen Haus aufgebaut. Dies gilt nicht nur für IoT, sondern auch für Technologien, die damit eng verknüpft sind, etwa Big Data & Analytics und Cloud Computing.

Ein weiterer Teil des Fachwissens und der Lösungen wird über externe Beratungsunternehmen und Anbieter bezogen. Denkbar ist zudem, die Implementierung und das Management einer IoT-Umgebung externen Spezialisten zu überlassen. Entsprechende Anbieter verfügen beispielsweise über IoT-Frameworks und Telematik-Lösungen, die sich an eine Vielzahl von Einsatzszenarien anpassen lassen. Das Adaptieren von Kernprozessen und die Entwicklung neuer Produkte und Services, die auf IoT aufsetzen, erfolgt dagegen im Unternehmen.

5. Integration von IoT-Daten in Enterprise-Systeme forcieren

Ob sich die Investitionen in das Internet der Dinge auszahlen, hängt zudem davon ab, inwieweit sich eine IoT-Umgebung mit den Enterprise-IT-Systemen koppeln lässt. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Entscheidungsträgern eines Unternehmens valide Informationen zur Verfügung stehen, auf deren Grundlage sie die Geschäftsstrategie anpassen können.

Fazit: IoT ist die neue Normalität

Das Internet of Things wird in bald kein Hype-Thema mehr sein, sondern in der Mehrzahl der Unternehmen zur "Normalität" zählen, und dies unabhängig davon, in welcher Branche sie tätig sind. Als eines der Kernelemente des digitalen Wandels wird IoT allerdings dazu führen, dass Unternehmen von althergebrachten Geschäftsmodellen und Prozessen Abschied nehmen müssen. Doch dieses disruptive Element ist durchaus positiv zu bewerten. Denn es eröffnet Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen die Möglichkeit, neue Wege zu beschreiten und Lösungen für die Herausforderungen zu finden, mit denen sie sich im Zeitalter der Globalisierung konfrontiert sehen. (mb)