Great Place to Work

Wie Systemhäuser Mitarbeiter an sich binden

18.04.2019
Von 
Dr. Ronald Wiltscheck widmet sich bei ChannelPartner schwerpunktmäßig den Themen Software, KI, Security und IoT. Außerdem treibt er das Event-Geschäft bei IDG voran. Er hat Physik an der Technischen Universität München studiert und am Max-Planck-Institut für Biochemie promoviert. Im Internet ist er bereits seit 1989 unterwegs.
Bereits zum zweiten Mal hat Great Place to Work im Rahmen des Wettbewerbs „Beste Arbeitgeber in der ITK“ die arbeitnehmerfreundlichsten Systemhäuser in einer Sonderkategorie erfasst. Immerhin elf Systemhäuser haben sich das Prädikat verdient

Der Druck, neue Mitarbeiter einzustellen und bestehende Fachkräfte stärker an sich zu binden, steigt bei den Systemhäusern in Deutschland weiter an. Das ergab die jüngste Befragung deutscher Systemhäuser durch ChannelPartner. Benannten vor 2016 noch knapp zwei Drittel der Systemhäuser den Fachkräftemangel als ihre größte Sorge, sind es inzwischen 85 Prozent. Da die Auftragslage der Systemhäuser sehr gut ist, könnten die IT-Dienstleister bis zu zehn Prozent mehr Erlöse erzielen, wenn sie das benötigte Personal an Bord hätten, so die Schätzungen.

Es sind nicht nur die IT-Gurus, die den Systemhäusern fehlen, sondern auch betriebswirtschaftlich ausgebildete Fachleute: Diese könnten den Systemhausbetreibern helfen, ihr Geschäftsmodell auf eine neue Basis zu stellen, etwa durch den Umbau vom Konzept der "Feuerwehr-IT" ("Ich bin nur beim Kunden, wenn es dort brennt") hin zum Modell des sogenannten Managed-Services-Anbieters. Dieser erhält monatlich einen festen Betrag, mit dem alle notwendigen Leistungen abgegolten sind.

Datenprofis gesucht

Ähnlich wie andere IT-Dienstleister und große Anwenderunternehmen suchen auch Systemhäuser dringend­ nach Data Scientists, Security-, Artificial-Intelligence- und Augmented-Reality-Experten. Diese rar gesäten­ Fachkräfte heuern aber eher in Konzernen an, die entsprechend hohe Gehälter zahlen. In der Automobilindustrie kann ein Security-Experte schon nach drei Jahren mit einem Jahresgehalt von durchschnittlich 72.200 Euro rechnen, ab neunjähriger Berufserfahrung sind im Mittel 89.000 Euro drin, so eine Auswertung der Gehaltsprofis von Compensation­ Partner. Solche Summen sind in mittel­ständischen Unternehmen für Fachkräfte ohne Personalverantwortung nicht realisierbar.

Die Lösungsansätze für die System­häuser sind überschaubar: die Ab­wer­bung von Fachleuten von ­den Wettbewerbern, eine projektbezogene Zusammenarbeit mit anderen Systemhäusern und Beratungsunternehmen oder die eigene Ausbildung und Qualifizierung von Spezialisten. Angesichts der exzellenten Auftragslage wollen 78 Prozent der befragten Systemhäuser neue Stellen schaffen und so ihre Mitarbeiterzahl erhöhen. Die Übernahme anderer Firmen ist nur für 14 Prozent eine Option. Bei der Suche nach Young Professionals lassen sich die Systemhäuser einiges einfallen, wie der diesjährige Great-Place-to-Work-Wettbewerb zeigte.

Wo fühlt sich der Bewerber wohl?

Die zum ersten Mal ausgezeichnete BRANDMAUER IT aus der Südpfalz versucht zum Beispiel schon während des Bewerbungsgesprächs herauszufinden, in welcher Abteilung­ sich der Kandidat am wohlsten füh­len könnte: "Einem offenen und kom­mu­­ni­kativen Bewerber, der gerne andere für eine Sache begeistert und Erfüllung darin findet, anderen zu helfen, wird beispielsweise ein Platz im Support mit viel Kundenkontakt gut gefallen. Einen zurückhaltenden Bewerber mit einem Hang zu Zahlen, Daten und Fakten setzen wir hingegen eher im Backend ein", schildert BRANDMAUER-Geschäftsführer Volker Bentz.

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Im Vorjahr war BUCS IT bereits das arbeitnehmerfreundlichste Systemhaus mit einer Mitarbeiterzahl unter 50. Nachdem es dem IT-Dienstleister aus Wuppertal gelang, seine Beleg­schaft netto um 32 Prozent zu er­höhen, belegt er nun im Ranking der Systemhäuser mit über 50 Mitarbeitern auch wieder den ersten Platz. Für BUCS spielt die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter eine sehr wichtige Rolle. Dabei gibt die Firmenleitung ihren Mitarbeitern kein bestimmtes Training vor, sondern die Mitarbeiter entscheiden sich selbständig für eine Fortbildung, die für sie sinnvoll erscheint. Nach Prüfung und Zusage der Team- und Personalleitung kann der Mitarbeiter auch seine Kollegen für die ausgewählte Schulung begeistern. Team-Spirit wird bei BUCS also großgeschrieben.

ATIX aus Garching bei München legt großen Wert auf Nachhaltigkeit: kostenlose Bio-Getränke, Kaffee aus fairem Ökoanbau, Milch und Obst aus Biobetrieben der Region. Das Wasser wird im Unternehmen direkt aufbereitet, um Plastikflaschen zu vermeiden.

Sich beim Grillfest näherkommen

Neu in der Rangliste der arbeitnehmerfreundlichsten Systemhäuser ist Inway Systems. Der Microsoft-Gold-Partner bindet die Neuzugänge von Anfang an eng an das Bestandsteam an. Im Rahmen eines Persönlichkeitstests findet die Personalabteilung rasch heraus, welcher Mitarbeiter zu welchem Team am besten passt, so dass sich 92 Prozent der Inway-Mitarbeiter als ­"Familie" bezeichnen. Und es gibt noch eine weitere Maßnahme, um neue Mitarbeiter rasch zu integrieren. Es ist nämlich deren Aufgabe, ein Grillfest zu organisieren. So werden etwaige Vorbehalte rasch überwunden. "Das eingeschweißte Team der 'Neuen' bietet uns allen jedes Jahr aufs Neue ein abwechslungsreiches Programm', berichten die Firmenlenker Matthias Schuster und Michael Maier übereinstimmend.

Ebenfalls in Eigenregie wird die Weihnachtsfeier bei Windhoff Software Services organisiert. Ein fester Bestandteil ist dort die sogenannte Talentshow. Einzelne Mitarbeiter oder Teams treten mit einer kurzen Showeinlage auf der Bühne auf und können dabei einen attraktiven Preis gewinnen. Für die Vorbereitung dieser Show acts stellt die Firmenleitung ein Budget zur Verfügung. Mitglieder der Geschäftsführung müssen auf jeden Fall auf die Bühne, das schafft laut Windhoff-Leitung eine zusätzliche Nähe zu den Mitarbeitern.

Nähe zu den Mitarbeitern kann man auch ganz profan herstellen, indem man den Firmensitz dahin verlegt, wo viele der begehrten Fachkräfte wohnen - diesen mutigen Schritt ging ein Unternehmen aus dem Landkreis Trier. Kurze Arbeitswege verringern den Stress der Mitarbeiter, und das führt dann schon fast automatisch zu glücklicheren Kunden.

Zu den arbeitnehmerfreundlichsten Systemhäuser 2019 zählten laut Great Place to Work BUCS IT, Inway Systems, Windhoff Software Services, Axsos, Lecos, Babtec Informationssysteme, datac Kommunikationssysteme, ATIX, BRANDMAUER IT und TSO-Data Nürnberg.