Kooperation mit AWS

Wie Stellantis den Automarkt aufrollen will

11.01.2022
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Der Autokonzern Stellantis baut gemeinsam mit AWS an einer neuen Softwarearchitektur. Die Arbeiten reichen von einer Plattform für die Fahrzeugentwicklung bis zum smarten Cockpit in zukünftigen Automodellen.
Autobauer Stellantis erfindet sich neu - wichtige Treiber dabei sind Software und die Cloud.
Autobauer Stellantis erfindet sich neu - wichtige Treiber dabei sind Software und die Cloud.
Foto: Stellantis

Der französische Autobauer Stellantis und Amazon Web Services (AWS) haben eine weitreichende Zusammenarbeit vereinbart. Mehrere Abkommen betreffen unterschiedlichste Bereiche und sind langfristig über viele Jahre hinweg angelegt. Beispielsweise wollen beide Konzerne bei der Entwicklung von Softwarelösungen für die neue digitale Plattform von Stellantis zusammenarbeiten.

AWS soll auch der bevorzugte Cloud-Anbieter für die künftigen Fahrzeugplattformen des Autobauers werden. Darüber hinaus ist geplant, verschiedene Entwicklungs- und Innovationsinitiativen zu starten sowie Tausende von Stellantis-Mitarbeitern in Software- und Cloud-Techniken weiterzubilden. Im Gegenzug hat Amazon zugesagt, elektrisch angetriebene Fahrzeuge von Stellantis in seinem Logistikfuhrpark einzusetzen.

Stellantis war 2019 aus der Fusion der Automobilhersteller Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und Groupe PSA hervorgegangen. Zu dem Konzern gehören namhafte Marken wie Alfa Romeo, Chrysler, Fiat, Lancia, Peugeot und Opel. Seit Januar 2021 firmiert Stellantis offiziell am Markt. Firmensitz ist Hoofddorp, südwestlich von Amsterdam in den Niederlanden. Weltweit beschäftigt der Autobauer über 400.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Stellantis baut Autos und Software

Erst Anfang Dezember 2021 hatte Stellantis-CEO Carlos Tavares eine umfassende Modernisierungsstrategie für das kommende Jahrzehnt ausgerufen. Im Zentrum stehen dabei die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte sowie die Entwicklung von Software-basierten Produkten und Services. Bis 2025 will der Autokonzern 30 Milliarden Euro in seine Transformation investieren. "Unsere Elektrifizierungs- und Softwarestrategien werden den Wandel zu einem nachhaltigen Mobility-Tech-Unternehmen unterstützen", sagte Tavares und kündigte neue KI-gestützte Technologieplattformen an, die ab 2024 auf sämtlichen Fahrzeugplattformen zum Einsatz kommen sollen.

Stellantis-Chef Carlos Tavares hat eine tiefgreifende Transformation des Autobauers angestoßen. Neben der Elektrifizierung geht es dabei vor allem auch um die Entwicklung von Software.
Stellantis-Chef Carlos Tavares hat eine tiefgreifende Transformation des Autobauers angestoßen. Neben der Elektrifizierung geht es dabei vor allem auch um die Entwicklung von Software.
Foto: Stellantis

Mit seiner Plattformstrategie will Tavares das Produktportfolio mit 14 Marken und über 100 Fahrzeugmodellen effizienter aufstellen. Künftig soll es mit der "Stellantis Architecture" (STLA) technisch nur noch vier Ausprägungen geben: Small, Medium, Large und Frame. Unterschiede gibt es in den Leistungen der Elektromotoren sowie in den Batteriekapazitäten, was sich in unterschiedlichen Reichweiten der Fahrzeuge niederschlagen soll. Geht alles nach Plan, werden die Small-Modelle 500 Kilometer schaffen, Medium kommt auf 700 Kilometer, und die Autos der Large- und Frame-Klasse sollen mit einer Batterieladung 800 Kilometer erreichen.

Die technische Basis für die kommenden Elektrofahrzeuge bilden drei neue Plattformen, die in den kommenden beiden Jahren aufgebaut werden sollen:

  1. Mit "STLA AutoDrive" arbeitet Stellantis gemeinsam mit BMW an Techniken für das autonome Fahren - aktuell auf den Leveln 2, 2+ und 3. Entsprechende Funktionen in den Fahrzeugen sollen laufend über Over-the-Air-Updates (OTA) ausgeliefert und auf den neuesten Stand gebracht werden.

  2. Bei "STLA Brain" handelt es sich um eine mit der Cloud verbundene Architektur, die elektronische Steuergeräte im Fahrzeug über einen Hochgeschwindigkeits-Datenbus mit dem zentralen Hochleistungsrechner (HPC) des Fahrzeugs verbindet. STLA Brain ist Service-orientiert angelegt. Das heißt, Hardware und Software sind voneinander entkoppelt. So könnten Entwickler neue Funktionen und Dienste schneller bauen und aktualisieren, ohne auf die Einführung neuer Hardware warten zu müssen. Die Architektur begünstige OTA-Updates. Das senke die Kosten für die Kunden und vereinfache die Wartung für Stellantis, hieß es.

  3. "STLA SmartCockpit" baut auf STLA Brain auf und soll den Fahrzeuginsassen KI-basierte Anwendungen wie Navigation, Sprachassistenz, E-Commerce-Marktplätze und Zahlungsdienste bieten. Dafür kooperiert Stellantis mit verschiedenen IT-Anbietern. Beispielsweise wurde erst kürzlich das Joint Venture Mobile Drive mit dem chinesischen Auftragsfertiger Foxconn vereinbart. Es zielt auf die Entwicklung spezieller Mikrocontroller ab. Im Rahmen der Partnerschaft sollen vier Chip-Familien entstehen, die über 80 Prozent des Bedarfs von Stellantis an Mikrocontrollern abdecken, hieß es. Die Franzosen versprechen sich davon eine erhebliche Vereinfachung der Lieferkette.

KI passt smartes Auto-Cockpit individuell an

Um das SmartCockpit voranzutreiben, soll AWS die Kooperation von Stellantis und Foxconn gezielt verstärken. Das STLA SmartCockpit soll dann ab 2024 in Millionen von Stellantis-Fahrzeugen weltweit eingesetzt werden , heißt es in einer Mitteilung. Die Rede ist von individuell zugeschnittenen, intuitiven Erlebnissen durch KI-gestützte Anwendungen für Unterhaltung, Alexa-fähige Sprachassistenz, Navigation, Fahrzeugwartung, E-Commerce-Marktplätze und Zahlungsdienste.

Die SmartCockpit-Plattform soll den Fahrern angepasste Amazon-Produkte und -Lösungen bieten, auf die Stellantis marken- und fahrzeugspezifische Funktionen aufsetzen will. Entsprechende Dienste sollen über einen App-Store angeboten werden. Informationsangebote und Funktionen seien dabei auf die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Fahrzeuginsassen abgestimmt.

Das SmartCockpit soll künftig in allen Stellantis-Fahrzeugen eingebaut werden und sich individuell anpassen lassen.
Das SmartCockpit soll künftig in allen Stellantis-Fahrzeugen eingebaut werden und sich individuell anpassen lassen.
Foto: Stellantis

"STLA SmartCockpit wird sich an das Verhalten und die Interessen der Kunden anpassen", heißt es bei Stellantis. Beispielsweise könnte das Auto einen Familienausflugs-Planer anbieten, der Medieninhalte, Sehenswürdigkeiten, Restaurants und andere unterhaltsame Stopps entlang der Route empfiehlt. Andere Fahrzeuge könnten mit einem digitalen Offroad-"Coach" ausgestattet sein, der den Kunden helfe, die Leistung zu optimieren, wenn der Weg in anspruchsvolles Gelände führt.

Außerdem soll das Cockpit Amazons Smart-Home- und Sicherheitsdienste unterstützen. Anwender können dann ihr Zuhause von unterwegs aus im Auge behalten und verwalten. Umgekehrt sollen sich Fahrzeuge mithilfe von Alexa-fähigen Geräten von zu Hause aus managen lassen, indem beispielsweise die Standheizung im Fahrzeug über einen benutzerdefinierten Alexa Skill aktiviert, Zubehör bestellt oder ein Werkstatttermin vereinbart wird.

Fahrzeugdaten in der AWS-Cloud analysieren

Neben der Entwicklung des SmartCockpit wollen Stellantis und AWS auch an anderer Stelle enger zusammenarbeiten. Gemeinsam will man an der nächsten Generation von Cloud-fähiger Infrastruktur für Fahrzeugplattformen arbeiten. Die Pläne sehen vor, die derzeitige Fahrzeugdaten-Pipeline über alle Marken und Regionen hinweg in ein Cloud-basiertes Datennetz von AWS zu migrieren und dabei das Echtzeit-Daten-Streaming des Cloud-Anbieters zu nutzen. Mit Hilfe von Datenanalysen und Machine Learning sollen die Ingenieure von Stellantis in die Lage versetzt werden, schneller digitale Produkte entwickeln zu können - beispielsweise für eine stärkere Personalisierung oder eine präzisere vorausschauende Wartung der Fahrzeuge.

Beide Unternehmen wollen darüber hinaus eine Cloud-basierte Produktentwicklungsumgebung mit dem Namen "Virtual Engineering Workbench" bauen. Diese soll den Ingenieuren automatisierte Arbeitsabläufe für das Management von Softwareentwicklung und -tests, Hochleistungssimulationen, Training von Modellen für maschinelles Lernen sowie die Erfassung und Analyse von Daten bieten.

Um die Entwicklungsaktivitäten zu beschleunigen und die Zeit bis zur Markteinführung neuer Services zu verkürzen, wollen Stellantis und AWS ein globales Netzwerk von AWS-gestützten Innovation Hubs einrichten, in denen Experten beider Unternehmen zusammenarbeiten sollen, um Innovationen voranzutreiben. In einer Softwareakademie sollen die dafür benötigten Fachkräfte aus- und weitergebildet werden. Bis 2024 will Stellantis mehr als 5.000 Entwickler und Ingenieure in AWS-bezogenen Cloud-Technologien ausbilden.

Stellantis ist nicht der einzige Fahrzeughersteller, der sich mit Unterstützung von Cloud-Anbietern neu aufstellt. Auch Volkswagen will mit Hilfe von AWS seine Produktion digitalisieren und effizienter machen. Darüber hinaus wollen die Wolfsburger auch selbst Software entwickeln und mit VW.OS eine eigenes Betriebssystem für kommende Modelle auf die Straße bringen.

Auch BMW hat eine strategische Kooperation mit AWS angekündigt: Als Teil einer weitreichenden Zusammenarbeit wollen die Münchner Daten aus Geschäfts- und Betriebsbereichen in über 100 Ländern in die AWS-Cloud umziehen. Der Umzug beinhalte zudem eine Reihe von zentralen IT-Systemen und Datenbanken, beispielsweise aus dem Vertrieb, der Produktion und der Wartung, hieß es. Die Ziele der Münchner: Die Agilität der Softwareentwicklung erhöhen, neue Erkenntnisse durch Datenanalysen gewinnen und schneller neue Kundenerlebnisse schaffen.

Amazon will Elektro-Lieferfahrzeuge von Stellantis einsetzen

Die Kooperation zwischen Stellantis und Amazon geht aber noch weiter. So sehen die Vereinbarungen zwischen dem Autobauer und dem Cloud-Anbieter ferner vor, dass Stellantis die Fahrzeugflotte von Amazon neu ausrüstet. Bereits seit 2018 setzt der Online-Händler Zehntausende von leichten Nutzfahrzeugen (LCVs) für die Zulieferungen auf der letzten Meile in Nordamerika und Europa ein. Dazu zählen Fahrzeuge wie der Ram ProMaster, Fiat Ducato sowie Peugeot und Citroën LCVs.

Um die Paketlieferungen umweltfreundlicher zu gestalten, will Amazon als erster Kunde das batterieelektrische Fahrzeug "Ram ProMaster" von Stellantis einsetzen, das 2023 auf den Markt kommen soll. Der Autobauer hat den E-Lieferwagen mit speziellen Funktionen für die Zustellung auf der letzten Meile entwickelt. Amazon hat die Franzosen dabei unterstützt und will das Fahrzeug nun auf Routen in den gesamten Vereinigten Staaten einsetzen.

Andy Jassy, Ex-CEO von AWS und heute Chef von Amazon, gewinnt mit Stellantis einen weiteren Großkunden für sein Cloud-Angebot und baut damit seinen Branchen-Footprint im Automobilsektor weiter aus.
Andy Jassy, Ex-CEO von AWS und heute Chef von Amazon, gewinnt mit Stellantis einen weiteren Großkunden für sein Cloud-Angebot und baut damit seinen Branchen-Footprint im Automobilsektor weiter aus.
Foto: AWS

"Wir freuen uns, gemeinsam mit Stellantis am Umbau der Automobilindustrie zu arbeiten und das Cockpit-Erlebnis neu zu definieren", kommentierte Andy Jassy, CEO von Amazon, die Kooperation. "Wir entwickeln Lösungen, die Stellantis dabei unterstützen werden, vernetzte, individuelle Erlebnisse an Bord anzubieten, so dass jeder Moment des Fahrens smart, sicher und auf den einzelnen Insassen zugeschnitten sein kann." Es gehe um die Transformation von Stellantis von einem traditionellen Automobilhersteller zu einem weltweit führenden Unternehmen in softwaregesteuerter Entwicklung und Engineering. Stellantis-CEO Tavares ergänzt: "Durch den Einsatz von KI und Cloud-Lösungen werden wir unsere Fahrzeuge in personalisierte Lebensräume verwandeln und das gesamte Kundenerlebnis verbessern."

Zeitplan und Ziele des Autobauers sind ambitioniert. Aktuell hat Stellantis weltweit zwölf Millionen vernetzte Autos auf den Straßen, in denen schon gebührenpflichtige Dienste angeboten werden können. Bis 2026 soll diese Zahl auf 26 Millionen Fahrzeuge anwachsen und vier Milliarden Euro zum Jahresumsatz beitragen. Bis 2030 sollen es dann schon 34 Millionen Fahrzeuge sein, der zusätzliche Jahresumsatz soll sich bei etwa 20 Milliarden Euro einpendeln.

Auf Basis seiner Datendienste will der Autobauer zudem in neue Geschäftsfelder einsteigen. Noch im laufenden Jahr möchte Stellantis ein nutzungsbasiertes Versicherungsprogramm auf den Markt bringen, das über die firmeneigenen Finanzinstitute in Europa und Nordamerika angeboten werden soll. In den folgenden Jahren soll das Angebot weltweit ausgebaut werden.