Web

Digitale Mündigkeit

Wie sich "Datenfresser" auf Diät setzen lassen

11.04.2011
Zwei Mitglieder des Chaos Computer Clubs machen sich Gedanken über Privatsphäre und Datenschutz. Constanze Kurz und Frank Rieger zeigen in ihrem am Dienstag erscheinenden Buch "Die Datenfresser" Gefahren auf und geben Empfehlungen für eine neue digitale Mündigkeit.

Wenn das der Gesundheitsminister liest: In einem Szenario für das Jahr 2021 überträgt die Waage im Bad das gemessene Gewicht direkt an die Krankenkasse. Und der "NikeGoogle-Fitness-Manager" registriert jede sportliche Bewegung - wer nur auf der Couch liegt, muss mit einem höheren Tarif rechnen. Dieses Schreckensbild einer durchdigitalisierten Gesellschaft malen Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem am Dienstag erscheinenden Buch "Die Datenfresser". In ihrer Vision für 2021 erfassen Kameras und Gesichtserkennung jeden Schritt und verknüpfen die Daten zusammen mit den im Internet aufgezeichneten Spuren zu umfassenden Persönlichkeitsprofilen.

Die Datenfresser: Gesellschaftliche Folgen digitaler Technik im Blick.
Die Datenfresser: Gesellschaftliche Folgen digitaler Technik im Blick.
Foto: S. Fischer Verlag

So weit ist es noch nicht. Aber Ansätze sind zumindest vorstellbar. "Profile sind nützlich, um uns gezielt zum Kauf von mehr nutzlosem Tand oder interessanteren Büchern zu verleiten, uns effizienter zu verwalten und dazu, zukünftiges Verhalten zu prognostizieren", schreiben die beiden Autoren. Sie machen sich im Chaos Computer Club (CCC) seit Jahren Gedanken über die gesellschaftlichen Folgen digitaler Technik. Ihre Sorge gilt vor allem dem Geschäftsmodell von Internet-Unternehmen wie Google und Facebook, das darauf beruht, persönliche Daten ihrer Nutzer so aufzubereiten, dass Werbekunden ihre gewünschte Zielgruppe ansprechen können.

Wie sich der Appetit solcher "Datenfresser" entwickelt, beschreibt das Buch in einem weiteren Szenario, das in der Gegenwart spielt. Hier sammelt ein Online-Netzwerk für Haustierhalter möglichst viele Nutzerdaten und stellt sie nicht nur der Werbewirtschaft oder Herstellern von Haustierbedarf zur Verfügung, sondern bei Bedarf auch den Behörden. Schließlich wird das kleine Startup-Unternehmen verkauft und mit der Konkurrenz zusammengelegt - dabei interessiert sich der Käufer nicht für das mühsam gestaltete Web-Portal, sondern allein für die Nutzerdaten.

Scharf kritisiert wird von den Autoren die unter dem Schlagwort "Post-Privacy" entstandene Strömung, die den Schutz der Privatsphäre in der Internet-Gesellschaft für überholt erklärt. Wegen der Verflechtung von Informationen im Netz könne der Umgang mit Anhängern dieser Richtung, so meinen Kurz und Rieger, "im Ernstfall ähnlich riskant sein wie intimer Umgang mit habituellen Safe-Sex-Verweigerern".

Neben Unternehmen sind auch staatliche Behörden am Zugriff auf Nutzerdaten interessiert, wie die Autoren anhand der weiter andauernden Debatte zur Vorratsdatenspeicherung und der Einführung biometrischer Daten auf Ausweisdokumenten ausführen. Constanze Kurz und Frank Rieger warnen, dass "die Datenwährung, mit der wir faktisch für all die kostenlosen Internetdienste und auch für das Versprechen von mehr staatlicher Sicherheit bezahlen, uns später noch viel teurer zu stehen kommt, als wir momentan annehmen". Sie raten daher zu einer "ganz privaten Balance zwischen den Interessen des Individuums und den Möglichkeiten einer vollvernetzten Welt".

Inhalt dieses Artikels