Freund oder Feind?

Wie KI die Arbeitswelt verändert

13.08.2018
Von   


Steffen Lorenz arbeitet als Principal Consultant für die Software AG Deutschland GmbH. Als Diplom-Wirtschaftsinformatiker beobachtet und bewertet er aktuelle Wirtschaftstrends, individuelle Kundenanforderungen und neueste Technologien. Als Experte schreibt Steffen Lorenz über Lösungsstrategien zur erfolgreichen Transformation in Richtung Digitales Unternehmen.
Die einen preisen künstliche Intelligenz (KI/AI) als Heilsbringer für die deutsche Wirtschaft. Die anderen befürchten, dass Maschinen den Menschen vom Arbeitsmarkt verdrängen werden. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Künstliche Intelligenz gehört zu den wegweisenden Antriebskräften der Digitalen Revolution. In vielen Bereichen wird sie bereits eingesetzt und übernimmt Tätigkeiten, die zuvor Menschen erledigt haben. Viele Arbeitnehmer fürchten deshalb um ihren Arbeitsplatz. Bill Gates prognostiziert sogar, dass dem Staat durch den Einsatz von intelligenten Maschinen wertvolle Einkommenssteuereinnahmen verloren gehen, und fordert als Ausgleich die sogenannte Roboter-Steuer.

KI hat das Potenzial, viele Mitarbeiter zu ersetzen, gleichzeitig entstehen durch KI aber auch neue Arbeitsplätze und Berufsbilder.
KI hat das Potenzial, viele Mitarbeiter zu ersetzen, gleichzeitig entstehen durch KI aber auch neue Arbeitsplätze und Berufsbilder.
Foto: LeoWolfert - shutterstock.com

Die Angst der Menschen scheint begründet, wenn man sich das Ergebnis einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ansieht: Computer sind in der Lage, mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten von acht Millionen Beschäftigten zu erledigen. Dadurch könnten bis 2025 1,5 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig – und das ist vielen Menschen nicht bewusst – entstehen durch KI aber etwa genauso viele neue Arbeitsplätze und ganz neue Berufsbilder.

Unternehmen brauchen neue Strategien und Organisationsformen

Dass neue Technologien wie KI nicht nur Auswirkungen auf Arbeitsplätze, sondern auch Einfluss auf die gesamte Organisationsstruktur von Unternehmen haben können, zeigt das Beispiel der Commerzbank. Im Rahmen des Projekts „Campus 2.0“ will sie Prozesse straffen, um Produkte schneller an den Markt zu bringen. Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen sollen dafür in sogenannten Clustern interdisziplinär und agil zusammenarbeiten.

Zwar plant die Commerzbank 9.600 bestehende Vollzeitstellen abzubauen, aber es werden auch neue IT-Mitarbeiter benötigt, um das eigene Know-how zu stärken und mehr selbst zu entwickeln. So will die Commerzbank einen eigenen Bereich aufziehen, der sich „Big Data Advanced Analytics“ nennt. Hier sollen rund 100 Mitarbeiter mit einem fachlichen Fokus auf Daten und Datenverarbeitung arbeiten – wie beispielsweise Data Scientists, die sich überlegen, wie die Bank neue Produkte entwickeln und sich im Markt differenzieren kann.

Most wanted: Data Scientists und Personality Designer

Der Data Scientist ist ein wichtiges Beispiel für ein neues Berufsbild, das dank KI entstanden ist. Das Magazin Harvard Business Review hat ihn sogar zum „Sexiest Job of the 21st Century“ gekürt. Data Scientists sind „Datenspezialisten“, die Daten analysieren und daraus Wissen zum Nutzen des Unternehmens extrahieren. Neben Tätigkeiten in den Bereichen Big Data Analytics, Visual Analytics und Big-Data-Architektur müssen Data Scientists Geschäftsmodelle berücksichtigen beziehungsweise neu entwickeln. Sie werten also nicht nur Daten aus, sondern bringen diese auch in betriebswirtschaftliche Zusammenhänge.

Ein weiterer neuer Beruf, der in vielen Unternehmen gefragt ist, ist der Personality Designer. Er beschäftigt sich damit, wie ein Chatbot oder ein digitaler Assistent auf verschiedene Anfragen reagiert und sich ausdrückt. Er ist derjenige, der die „Ähs“ einbaut und ab und zu einen Witz einfließen lässt, damit das Gespräch mit Robotern möglichst menschlich und authentisch klingt. So können Firmen spezifischer auf ihre unterschiedlichen Kundengruppen eingehen und ihren Kunden die Angst vor der Kommunikation mit einer Maschine nehmen.

Gefordert sind Umschulungen und lebenslanges Lernen

Bei der jetzigen Arbeitsmarktsituation ist es für Unternehmen nicht einfach, Fachspezialisten wie Data Scientists oder Personality Designer zu finden. Deshalb müssen sie auch der bestehenden Belegschaft die Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Um mit den Anforderungen der Digitalisierung Schritt zu halten, müssen Mitarbeiter flexibel sein und den Willen zur kontinuierlichen Weiterbildung haben.

Im Gegenzug sollten Organisationen ihren Angestellten Freiräume verschaffen und sie darauf vorbereiten, dass sie sich immer weiterentwickeln und teilweise neu erfinden müssen. Dabei ist KI für viele Mitarbeiter gar kein Neuland: Im privaten Bereich nutzen sie die neue Technologie bereits ganz selbstverständlich – zum Beispiel in Form von Sprachassistenten auf dem Handy.

Wo KI bereits heute zum Einsatz kommt

Apple hat vor gut sechseinhalb Jahren mit Siri erstmals einen Sprachassistenten auf das Smartphone gebracht. Heute nutzt bereits jeder dritte Deutsche Siri, Alexa und Co. Google demonstrierte kürzlich auf der Google I/O 2018, wie der Google Assistant einen Termin beim Friseur vereinbart und einen Tisch im Restaurant reserviert. Für die Terminvereinbarung beim Friseur benötigt der Assistent lediglich den Namen der Firma und einen Zeitraum. Den Termin trägt er anschließend automatisch in den Kalender des Nutzers ein.

Auch im Arbeitsalltag übernimmt KI Routinetätigkeiten und regelbasierte Aufgaben. In der Finanz- und Versicherungsbranche prüft die intelligente Technologie zum Beispiel, ob Transaktionen mit einer betrügerischen Absicht vorliegen oder trifft Risikoabschätzungen. Das entlastet die Mitarbeiter und bietet ihnen mehr Raum für kreative, soziale und dienstleistende Tätigkeiten wie beispielsweise den Kundenservice.

KI ersetzt den Menschen nicht – sie assistiert

Die Digitalisierung ist eine Medaille mit zwei Seiten. Auf der einen Seite entsteht Druck auf bisherige Berufsbilder und Beschäftigungsverhältnisse, auf der anderen Seite kommen neue Tätigkeitsfelder und Berufe hinzu. KI übernimmt heute vorwiegend Assistenten-Funktion und verschafft Mitarbeitern mehr Freiräume, um sich qualitativ höherwertigen Tätigkeiten zu widmen.

So intelligent wie ein Mensch wird eine künstliche Intelligenz jedoch nie sein. Sobald soziale Kompetenz oder eine persönliche Interaktion gefordert ist, stoßen Roboter an ihre Grenzen. Einfühlungsvermögen, Humor, Gefühle wie Liebe, Angst, Hass und Freude – das sind Dinge, die eine KI nicht leisten kann. Deshalb wird die Technologie den Menschen nie ersetzen. Der echte Mehrwert entsteht dann, wenn Mensch und Maschine gemeinsam agieren, und beide ihre Stärken einbringen.