Digitalisierung

Wie Insurtech-Firmen die Versicherungen herausfordern

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Große Versicherungskonzerne sehen Insurtechs heute meist nicht mehr als unmittelbare Bedrohung. Die Traditionsunternehmen suchen vielmehr den Kontakt zu den Startups, um von ihnen zu lernen und Anregungen für das eigene Geschäft zu bekommen.

PricewaterhouseCoopers (PwC) hat in seinem aktuellen "Global FinTech Survey 2017" auch die Insurtech-Szene untersucht. Demnach standen den Berater 189 Versicherungsmanager aus 40 Ländern Rede und Antwort. Die meisten von ihnen sehen ihre Geschäftsmodelle durch die Startups unter Druck. Die Mehrheit (56 Prozent) hält die eigenen Umsätze in einer Größenordnung von 1 bis 20 Prozent durch Insurtechs gefährdet, jedes fünfte Unternehmen fürchtet sogar, dass 20 bis 40 Prozent der Einnahmen wegbrechen könnten. Tatsächlich behaupten 52 Prozent der Befragten, nur wegen des Drucks der Newcomer die Beschäftigung mit Disruption in den Mittelpunkt der eigenen Strategie gestellt zu haben.

Versicherungskonzerne suchen Partnerschaften mit Insurtechs

Die Traditionsunternehmen haben inzwischen allerdings ihre Schockstarre überwunden und sind aktiv geworden. Immerhin 45 Prozent partnern mit den innovativen Startups, vor einem Jahr waren es nur 28 Prozent. Zwei Aspekte gelten dabei als besonders spannend: Versicherungsgesellschaften möchten näher an ihre Kunden heran - nur 16 Prozent kommunzieren derzeit mit ihrer Klientel mobil und nur 25 Prozent über die Website. Und sie wollen Risiken mithilfe ausgefeilter Datenmodelle und fortgeschrittener Analytics besser identifizieren und quantifizieren können. Verhaltensabhängige Versicherungsverträge, wie sie etwa bei Kranken- oder KfZ-Versicherungen aufkommen, sind ein weiteres Thema, ebenso das Automatisieren von Verwaltungsprozessen mit Robotics Process Automation (RPA).

Daten-Analytics (84 Prozent) und mobile Technologien (58 Prozent) sind der Untersuchung zufolge die IT-Investitionsschwerpunkte für die nächsten zwölf Monaten. RPA liegt bereits auf dem dritten Rang: Im Back-Office-Betrieb werden damit heterogene Systeme intelligent verknüpft und Prozesse automatisiert - ein Trend, der mittelfristig massive Auswirkungen auf die Arbeitsplätze haben dürfte. Artificial Intelligence (AI) und IT-Sicherheit sind für jeweils ein Drittel der Befragten (33 Prozent) ebenfalls zentrale Investitionsfelder.

Blockchain gewinnt an Bedeutung

Während die FinTechs im Bankenumfeld zu 22 Prozent IoT-Ausgaben priorisieren wollen und zu acht Prozent "Distributed-Ledger-Technologien (Blockchain), ist es bei den Versicherungen umgekehrt: 22 Prozent setzen auf IoT und acht Prozent auf die Blockchain. PWC erklärt das damit, dass Versicherungen mehr und mehr präventive statt reaktive Risiko-Management-Modelle verfolgen. Die Versicherher senken in diesen Szenarien die Risiken für ihre Kunden, indem sie permanent in Echtzeit Daten erheben und analysieren.

Auch wenn die Blockchain für die meisten Versicherungsfirmen noch keinen Investitionsschwerpunkt darstellt, ist das Interesse groß. "Die Unternehmen verstehen den Wettbewerbsvorteil, den diese Technologie für das Design neuer Produkte und Services bringen kann", heißt es im PwC-Report. Die Hälfte der befragten Unternehmen untersuchen demnach die Technologie derzeit im eigenen Haus oder schließen sich entsprechenden Blockchain-Initiativen an. Zwei Drittel glauben, schon 2018 ein erstes Blockchain-basierendes Produktivsystem im Einsatz zu haben.

Viele Versicherungsgesellschaften, so zeigt die Untersuchung weiter, erhoffen sich von der Zusammenarbeit mit Insurtechs einen Innovationsschub. Den Unternehmen fehlen Mitarbeiter mit der richtigen Qualifikation, um innovativer sein zu können. Deshalb glauben 84 Prozent der Befragten, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren durch Partnerschaften mit Insurtechs sowie durch deutlich steigende interne Anstrengungen (82 Prozent) Innovationsfortschritte erzielt werden können. Die eigen Fähigkeit, mit Innovatoren außerhalb des Unternehmens gut zusammenarbeiten zu kölnnen (Co-Creation) wird aber nur von 17 Prozent der Versicherungsmanager als gut bezeichnet. Bei Finanzdienstleistern und Banken ist diese Zahl mit 30 Prozent deutlich höher.

Gartner: Versicherungen kaufen zu

Wie die Analysten von Gartner bereits im vergangenen Jahr ermittelten, sind die meisten der großen Versicherungsgesellschaften längst direkt oder indirekt über ihre Venture-Capital-Arms in Insurtechs investiert. Die großen Anbieter von Lebens-, Sach- und Unfallversicherungen sollen demnach bis Ende 2018 zu 80 Prozent Startups gekauft oder eine Kooperation mit ihnen gestartet haben.

Das Spektrum der Insurtechs ist breit gefächert. Mikroversicherungen zur Abdeckung kleinerer Risiken - etwa im Online-Handel - sind häufig zu finden, ebenso Vergleichsportale, die Preise und Versicherungswerte analysieren. Ein Unternehmen wie Check 24 lässt sich kaum noch als Startup bezeichnen, das Unternehmen besetzt die Kundenschnittstelle und hat mit diesem Ansatz die Kräfteverhältnisse im Markt massiv verschoben.

Teilweise decken die Newcomer auch Risiken ab, die zuvor nicht versicherbar waren - zum Beispiel die Online-Reputation, das Ausleihen von Fahrzeugen oder das Nutzen von Gegenständen oder Wohnungen in Sharing-Modellen. Hinzu kommen Anbieter auf der betrieblichen Seite, die beispielsweise Versicherungsrisiken berechnen, Schäden ermitteln oder andere Teile der Prozessketten von Versicherungen übernehmen (Siehe auch die kostenlose Oliver-Wyman-Studie zum Thema "Zukunft von Insurtech in Deutschland" (PDF)).

Zwei Drittel der Insurtechs haben ihre Zentralen derzeit in den USA. In Asien arbeiten Länder wir Singapur und China (hauptsächlich Hongkong und Shanghai) daran, die Entstehung eines lokalen Insurtech-Ökosystems voranzutreiben. Gartner nennt sechs Optionen für Versicherungen, um sich die Entwicklungen der Insurtechs zu sichern:

  • Partnerschaft: Zum Beispiel arbeitet die AXA Versicherung mit dem Carsharing-Dienst BlaBlaCar zusammen. Nutzer des Dienstes sind automatisch bei AXA versichert und schließen dafür keine Police ab und zahlen keine Extragebühr.

  • Kauf: Versicherungen übernehmen die intellektuellen Assets und stellen die Mitarbeiter ein.

  • Kauf von Lösungen/Produkten: Man kauft beim Insurtech-Unternehmen ein wie bei einem Softwarehaus.

  • Investieren: Über den eigenen Venture-Capital-Arm kaufen Versicherungen einen Unternehmensanteil - so wie ihn sich beispielsweise die Münchner Allianz bei Simplesurance gesichert hat. Der E-Commerce-Anbieter von Produktversicherungen verkauft nun europaweit in mehr als 1500 Online-Shops auch Allianz-Produkte.

  • Inkubator: Man unterstützt Startups durch Mentoring, Arbeitsräumlichkeiten und kollaborativen Austausch, um sie später in den eigenen Startup-Accelerator zu übernehmen - sofern sie sich vorher gegen etwaige Mitbewerber durchsetzen.

  • Man versichert den Betrieb oder die Assets der Insurtechs.