Huawei Global Analyst Summit 2019

Wie Huawei auf dem Innovationspfad bleiben will

26.04.2019
Von 


Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Auf dem 16. Analystenkongress in Shenzen hat Huawei seine Vision einer volldigitalisierten und informationsgetriebenen Welt vorgestellt. Der chinesische ICT-Konzern will sich dabei weder von Moore‘s Law oder Shannons Limit noch von den Spionagevorwürfen der US-Regierung bremsen lassen.

Ken Hu, Deputy Chairman und Rotating CEO von Huawei, hielt sich in seiner Eröffnungsrede auf der jährlichen Analystenkonferenz nicht lange bei den (gewohnt guten) Geschäftsergebnissen des vergangenen Jahres auf. "Wir hatten einige Herausforderungen", erklärte er vor gut 700 Analysten, Journalisten und anderen "Key Opinion Leaders". Doch wenngleich es immer Höhen und Tiefen gebe, sei es wichtig, das große Ziel im Auge zu behalten.

Ken Hu, Deputy Chairman von Huawei, präsentierte die Vision seines Unternehmens.
Ken Hu, Deputy Chairman von Huawei, präsentierte die Vision seines Unternehmens.
Foto: Huawei

Basierte Huaweis Vision in der Vergangenheit auf einer vollkommen vernetzten Welt, stellt sich der chinesische ICT-Konzern nun eine Zukunft vor, in der die Interaktion mit Maschine ohne Knöpfe und Tasten funktioniert. "Wir nennen es Zero Search", erklärte der derzeit amtierende Huawei-CEO. Die Verknüpfung der virtuellen mit der realen Welt soll dem Menschen eine Super-Sicht auf alles ermöglichen. Als bereits heute mögliche Anwendungsbeispiele verwies Hu auf die Inspektion von Tunneln durch vernetzte Drohnen oder die Diagnose von Augenkrankheiten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz.

5G kam viel schneller als erwartet

Die Grundlage einer solchen intelligenten Welt stellt dem Huawei-Manager zufolge die Vernetzung mit 5G dar. Im Vergleich zu 4G sei die neue Mobilfunkgeneration viel schneller angekommen als erwartet, erklärte Wu. Als Resultat rechnet Huawei für 2025 bereits mit weltweit 2,8 Milliarden 5G-Nutzern, die über 6,5 Millionen Basisstationen versorgt werden. Sei das erste Device für 4G noch ein LTE-Modem als USB-Stick gewesen, so der amtierende Huawei-Chef, würden bereits im ersten 5G-Jahr mehr als 40 Smartphones mit 5G-Unterstützung erwartet. Huawei selbst werde im Mai als erstes 5G-Handy das faltbare Mate X auf den Markt bringen, ein weiteres und mit 600 Dollar (relativ) günstiges Gerät sei für Ende des Jahres geplant.

5G sei aber nicht einfach nur ein schnelleres 4G, fuhr Wu fort, es sei eine Revolution, da es eine neue Benutzererfahrung ermöglicht. So könne sich etwa ein Kameramann dank der extrem hohen Datenraten (eMBB - Enhanced Mobile Broadband) und der niedrigen Latenzzeit von 5G ohne Kabel bewegen. Der Huawei-Manager prophezeite für 2019 einen Wendepunkt für VR/AR, da sich die Inhalte für die Brillen dank 5G-Technologie aus der Cloud (CloudVR) übertragen ließen. Dies mache die Geräte nicht nur günstiger und leichter, sondern bei der Verwendung würde wegen der niedrigen Latenzzeit auch kein Schwindelgefühl aufkommen. Als Resultat rechnet Huawei für 2025 mit 340 Millionen privaten Nutzern von VR/AR, im Business-Bereich soll sogar neun Prozent aller Mitarbeiter die Technologie nutzen.

Auch Vorteile für Netzbetreiber

5G biete aber auch für die Betreiber der Netze enorme Vorteile, hob Hu ferner hervor, da diese leistungsfähiger, intelligenter und mit 99 Prozent weniger benötigten Komponenten nicht zuletzt einfacher würden. Ähnlich wie beim Wechsel von 3G auf 4G lasse sich auch mit 5G die Kosteneffizienz somit um das Zehnfache oder noch mehr verbessern. Seit der zweiten Jahreshälfte 2018 entwickelten die Carrier daher eine klare pragmatische Sicht auf 5G, erklärte der Topmanager, nachdem sie vorher keine klare Vorstellung gehabt hätten, wo neben Themen wie Autonomen Fahren oder Smart Factory der allgemeine Business Case bei 5G liege. "Wir müssen nicht über den Business Case von 5G reden, das in Release 15 unterstützte eMBB reicht als Business Case aus", so der Huawei-Vorsitzende.

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Als Konsequenz erwarten die Chinesen für dieses Jahr wieder ein zweistelliges Umsatzwachstum im Carrier-Geschäft, nachdem sie dort 2018 einen leichten Rückgang verbucht hatten. Der Optimismus kommt nicht von ungefähr: Bis Ende März 2019 hatte Huawei nach eigenen Angaben 40 kommerzielle Verträge für 5G mit führenden globalen Carriern unterzeichnet und mehr als 70.000 5G-Basisstationen auf der ganzen Welt ausgeliefert.

Darüber hinaus machten derzeit laufende 5G-Testnetze Hoffnung auf künftige Geschäfte. Und werde 5G mangels Lizenzvergabe noch nicht ausgerollt, dann investierten die Betreiber in die Abdeckung ihrer bestehenden 4G-Netze - als Fallback oder für die Sprachübertragung (VoLTE). Nicht zuletzt sei durch den mit 5G erwarteten Anstieg der Bandbreite um das Zehn- bis Hundertfache auch eine Kapazitätserweiterung für den Rücktransport und die Übertragung der Daten erforderlich, wo Huawei laut Angaben von Hu weltweit führend sei.

Herausforderung Cyber-Security

Auf dem Weg zur intelligenten vernetzten Welt gebe es jedoch noch einige Hürden zu nehmen, erklärte Hu. So hätten noch immer 50 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zum Internet und 43 Prozent der EU-Bürger fehlten grundlegende digitale Kenntnisse. Außerdem sei die Benutzererfahrung mit zu vielen verschiedenen Geräten und Apps nach wie vor stark fragmentiert. Vor allem aber mangele es noch am grundlegenden Vertrauen der Anwender in die neuen Technologien, lenkte der amtierende Huawei-Chef das Thema seiner Eröffnungsrede auf die aktuellen Spionagevorwürfe gegen sein Unternehmen.

Was das Thema Cyber-Security betrifft, müsste Huawei einen besseren Job machen, räumte Hu selbstkritisch ein und verwies auf den 2018 beschlossenen Transformationsplan, um diese Herausforderungen besser zu adressieren. In diesem Zusammenhang habe man im März ein neues Cyber-Security Center in Brüssel eröffnet. Cyber-Security sei aber kein politisches, sondern ein technologisches Problem, weshalb Huawei einen systematischen und allgemein anerkannten Lösungsansatz wähle, erklärte Hu. Wenn das Thema Cyber-Security jedoch auf die politische Ebene gehoben werde, schaffe dies eine riesengroße Herausforderung - nicht nur für einen Anbieter, sondern für die ganze Industrie und die Handelsbeziehungen auf breiterer Ebene. Das schlechteste Resultat wäre nämlich eine fragmentierte Entwicklung, welche Innovationen ausbremst und die Kosten in die Höhe treibt.

Huawei Cyber Security Lab in Shenzen
Huawei Cyber Security Lab in Shenzen
Foto: Manfred Bremmer

Noch klarere Worte fand John Suffolk, Senior Vice President und Global Cyber Security & Privacy Officer (GSPO) bei Huawei, in einem der Medien-Round-Table der Veranstaltung. Er habe schon vor einiger Zeit realisiert, dass er die Amerikaner niemals davon überzeugen werde, dass die Technologie von Huawei für die chinesische Regierung nicht zugänglich ist, erklärte der frühere CIO und CISO der britischen Regierung. "Ob sie wirklich daran glauben, dass Huawei schreckliche Menschen sind oder dass China ein schreckliches Land ist, weiß ich nicht", sagte er. "Wir können nur sagen: 'Leute, wenn ihr kommen und schauen wollt, kommt und schaut. Wenn Ihr kommen und testen wollt, kommt und testet. Wenn Ihr eine Verifizierung durchführen möchtet, seid Ihr herzlich eingeladen. Wir glauben nicht, dass wir noch viel mehr tun können." Bislang jedoch habe die US-Regierung noch keine Beweise vorgelegt, um ihre Behauptung zu stützen.

Mit Grundlagenforschung zu neuen Lösungen

Auf dem Analystenkongress kündigte William Xu, Chief Strategy Marketing Officer und Leiter des neugegründeten Institute of Strategic Research bei Huawei, unter dem Stichwort "Innovation 2.0" verschiedene Initiativen an, um die technische Weiterentwicklung der Company voranzutreiben. In den vergangenen 30 Jahren basierte das starke Wachstum von Huawei auf technologischen Durchbrüchen, mit deren Hilfe vorhandene Bottlenecks beseitigt wurden, erklärte Xu, etwa All IP 2006, All Cloud 2011 oder All Intelligence 2016. Mittlerweile seien Gesetze wie Moore's Law oder Shannon's Limit jedoch nahezu ausgereizt, so dass es ohne neue Erfindungen und theoretische Durchbrüche keine Zukunft für die ICT-Industrie gebe.

Schon fast ausgereizt: Moore's Law und Shannons Limit
Schon fast ausgereizt: Moore's Law und Shannons Limit

Als Konsequenz will sich Huawei auf Bereiche konzentrieren, die vom Chipdesign über Materialwissenschaften bis hin zu Kühltechnologien reichen. Außerdem plane das Unternehmen Investitionen in die Erforschung von aufstrebenden theoretischen Bereichen, wie beispielsweise Optical Computing, DNA-basierte Datenspeicherungstechnologie und Atomically Precise Manufacturing, sagte Xu. "Huawei verfügt über 60 Labore, die sich auf Basistechnologien konzentrieren, mehr als 700 Doktortitel in Mathematik und über 200 Doktortitel in Physik und Chemie", so der Huawei-Vorstand. Außerdem kündigte Xu an, dass sein Unternehmen künftig mindestens 300 Millionen Dollar jährlich für Kooperationen mit Universitäten bereitstellen werde. Das Geld soll Wissenschaftler bei der langfristigen Grundlagenforschung unterstützen und ihnen den Publikationsdruck nehmen.