GE Digital Minds + Machines Europe 2017

Wie GE die digitale Transformation der Industrie vorantreiben will

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Auf seiner Hausmesse in Berlin präsentierte GE Digital neue, auf seiner Industrial-IoT-Plattform Predix basierende Lösungen und Partnerschaften, die die Transformation jenseits der Fabrikmauern beschleunigen und die nächste industrielle Revolution ermöglichen sollen.

"Willkommen im Zeitalter des Umbruchs, in dem das Alte verschwindet und das Neue noch nicht ganz dessen Platz eingenommen hat", begrüßte GE-Vizechefin Beth Comstock in ihrer Keynote die über 1000 Besucher der Minds + Machines Europe 2017. Wie Comstock, die kurzfristig für den zurückgetretenen GE-CEO Jeff Immelt eingesprungen war, ausführte, befinden sich derzeit viele Unternehmen in einer Situation, wo sie irgendwo zwischen der physischen und der digitalen Welt agieren müssen.

Passendes Industrie-Ambiente: Die Minds + Machines Europe 2017 fand im Berliner Westhafen statt.
Passendes Industrie-Ambiente: Die Minds + Machines Europe 2017 fand im Berliner Westhafen statt.

Auch wenn in der EU etwa nur 30 Prozent der Companies ihre IoT-Daten analysierten und zur Entscheidungsfindung nutzten, ist die Vize-Chefin davon überzeugt, dass Europa dabei das Zeitalter der digitalen Industrie anführen könne: "Investitionen in die Technologie - einschließlich der Automatisierung, Fertigung und künstlichen Intelligenz, sowie der Beherrschung dieser Bereiche - können die Industrie transformieren und ihre Produktivität steigern."

Comstock zufolge führt für Industrieunternehmen ohnehin kein Weg an neuen Technologien vorbei, wenn sie die Produktivität weiter steigern wollen. "Die IT-Systeme Lean Management und ERP haben jeweils 4 bis 4,5 Prozent zur Steigerung der Produktivität beigetragen, aber das war's dann auch", erklärte sie. "Jetzt ist es Zeit für die IT, sich mit OT zu verbinden und dabei zu helfen, die Industrie voranzutreiben."

Beth Comstock, ViceChair GE, sieht die Industrie in einer Übergangsphase.
Beth Comstock, ViceChair GE, sieht die Industrie in einer Übergangsphase.

Der US-amerikanische Mischkonzern General Electric hatte selbst aus dieser Erkenntnis heraus vor sechs Jahren den Weg zu einem digitalen Industrieunternehmen eingeschlagen, indem er kurzerhand seine IT-Abteilung durch eine Digital-Abteilung ersetzte und - (angeblich) mangels geeigneter Lösungen am Markt - mit Predix eine eigene IIoT-Plattform zum Sammeln und Auswerten von Maschinendaten entwickelte. Die entstandene Lösung reicht vom Edge bis in die Cloud und schließt sowohl Security wie auch Data Governance mit ein.

Aus der Industrie - für die Industrie

Wie John Gordon, Chief Product Officer von GE Digital, erklärte, wurde die Lösung zuvor in allen zwölf GE-Sparten - von Aviation bis Erneuerbare Energien - eingesetzt, um zu testen, für welches Segment Predix am besten geeignet sei. Dabei habe sich gezeigt, dass sämtliche Geschäftsbereiche damit ähnlich signifikante Verbesserungen vorweisen konnten. Dies sei der Beweis, dass das Verknüpfen von Assets, Umgebungen, Menschen und Geschäftsfeldern greifbare Vorteile liefere, unabhängig von Sektor, Größe oder Lage eines Unternehmens, so Gordon. Predix sei in der Lage, Maschinen sicher anzubinden und Daten im Edge-Bereich zu sammeln, um auf dieser Basis Echtzeitanalysen zu erstellen und "digitale Zwillinge" zu bauen, die Einblicke in die vergangen Performance und künftige Ergebnisse geben, so der Produktchef.

Der Aufbau der Predix IIoT-Plattform
Der Aufbau der Predix IIoT-Plattform
Foto: GE Digital

Vor knapp zwei Jahren öffnete der Siemens-Rivale dann die Plattform, um sie Partnern und Anwenderunternehmen als Basis für spezifische Lösungen bereitzustellen. Offiziellen Angaben zufolge konnte GE Digital bereits 700 Partner für Predix gewinnen, rund 10.000 Entwickler haben sich registriert, um das SDK herunterzuladen.

Auch wenn GE Digital (wie auch Siemens) keine Nutzerzahlen für seine IIoT-Lösung herausgibt, gibt es bereits einige bekannte Predix-Kunden: So nutzt beispielsweise der Aufzughersteller Schindler Predix als Basis für sein digitale Lösung "Schindler Ahead", mit deren Hilfe der aktuelle Status von über einer Million Aufzüge und Rolltreppen weltweit überwacht und mögliche Probleme via Predictive Maintenance bereits im Vorfeld erkannt werden - weitere Verwertungszwecke für die gesammelten Daten und Erkenntnisse nicht ausgeschlossen. Bei DB Cargo werden derzeit in einem ersten Schritt 250 Diesellokomotiven mit einem digitalen Diagnosesystem von GE auf Predix-Basis ausgestattet, um Betriebsausfälle zu reduzieren und Wartungstermine besser zu planen.

Maersk Drilling wiederum setzt in einem Pilotprojekt auf einem seiner Bohrschiffe "SeaStream Insight", eine von GE entwickelte Predix-basierte Asset-Performance-Management- (APM-)Lösung für marine Zwecke, ein. Ziel des Projekts ist es mit Hilfe eines Digital Twins des Schiffes die Produktivität der Bohraktivitäten zu erhöhen. Außerdem sollen die Wartungskosten durch das frühzeitige Erkennen von potenziellen Schwachstellen um bis zu 20 Prozent gesenkt werden.

Nicht zuletzt wegen dieser Beispiele, bei denen nur bedingt General-Electric-Hardware zum Einsatz kommt, sieht sich GE Digital gegenüber Wettbewerbern aus dem klassischen IT-Umfeld im Vorteil. "Predix ist keine weitere allgemeine IoT-Plattform, sondern die Plattform für die Digitale Industrielle Transformation", erklärte Gordon. "Wir haben den Blick auf die Daten und das Domain-Wissen, wir verstehen die physikalischen Modelle und die klimatischen Faktoren. Das alles ist schwer nachzuvollziehen, wenn man nicht ein Industrieunternehmen ist."

Der Predix-Produktchef verwies außerdem auf die hohe Komplexität und die Riesenmengen an Daten, welche die Plattform bereits verarbeite: "Alle zwei Minuten startet ein mit GE-Turbinen ausgestattetes Flugzeug und verursacht pro Flug ein Terabyte an Daten. Bestehende Systeme können mit diesen Datenmengen nicht umgehen."

Hauptdifferenzierungsmerkmal, auch gegenüber Wettbewerbern, die ebenfalls aus der Industrie stammen, wie Siemens, ist laut Gordon jedoch die Möglichkeit, mit Predix ein Asset-Modell zu erstellen und dieses als digitalen Zwilling zu betreiben. "Sammle Daten und lass Daten die Story erzählen", erklärte er. Im Laufe der Zeit werde der Digital Twin zunehmend genauer, aus der Simulation werde ein selbstlernendes System.

Doch es geht noch schneller: GE selbst verwaltet nach eigenen Angaben 700.000 digitale Zwillinge von 50.000 Assets, auf die Kunden zurückgreifen können. Dank vergleichbarer Modelle sollen sie so in der Lage sein, ohne lange Anlernzeit schnell eigene Erkenntnisse zu gewinnen. Zudem gibt es mit Predix Studio die Möglichkeit, innerhalb weniger Stunden weitere Fähigkeiten zu entwickeln, indem per Drag & Drop verschiedene Daten-Quellen miteinander in Relation gebracht werden.

Neue Lösungen vorgestellt

Neben dem Herausstellen der Funktionen und Vorteile war es ein weiteres Ziel der Veranstaltung, den Besuchern verständlich zu machen, dass sie mit Predix keine Plattform, sondern eine Innovations-Roadmap für ihr Unternehmen kauften. So stellte GE Digital auf der Minds + Machines Europe 2017 eine integrierte Lösung vor, die auf der Plattfom die Lösung des im November 2016 übernommenen Field-Service-Management-Spezialisten ServiceMax mit dem Asset Performance Management Portfolio verknüpft. Die Kombination soll ab Ende 2017 verfügbar sein und es Industrieunternehmen ermöglichen, den gesamten Lebenszyklus von Anlagen vorherzusagen, zu verwalten und zu warten.

Ein weiterer Schritt in diese Richtung stellt auch das Investment von GE Ventures in Avitas Systems dar - ein neues datengesteuertes Unternehmen, das vorausschauende Datenanalytik, Drohnen und künstliche Intelligenz einsetzt, um fortschrittliche Inspektionsdienste für die Öl- und Gas-, Transport- und Energiewirtschaft zu liefern.

Die von Predix angetriebene Lösung der Company hilft Kunden bei der Analyse von Inspektionsdaten, integriert regulatorische und externe Quellen wie das Wetter, identifiziert Fehler automatisch und empfiehlt optimale Inspektions- und Wartungspläne. Das System kann Daten aus verschiedenen Quellen kombinieren und unabhängig voneinander die Beziehungen zwischen ihnen für tiefere Erkenntnisse analysieren und das Benutzerfeedback einbeziehen, um die Fehlererkennung intelligenter und genauer zu machen.

Avitas schätzt, dass dank der Durchführung von Inspektionen auf der Grundlage des erwarteten Risikos, anstatt auf Basis von regelmäßigen Zeitintervallen die Kosten um bis zu 25 Prozent sinken. Gleichzeitig könne man dazu beitragen, die Lebensdauer der Anlage zu erhöhen.

Eine weitere Neuvorstellung war das von GE Power für Versorgungsunternehmen entwickelte Branchenpaket "Digital Utility". Wie Ganesh Bell, Chef der GE-Sparte ausführt, adressiert die Predix-basierte Lösung die neuen Anforderungen der Versorger infolge der Energiewende, indem sie die Trennung zwischen Produktion und Handel aufhebt und die Echtzeit-Maschinendaten mit der Rentabilität der Anlagen verbinden. Energie- und Versorgungsunternehmen sollen so in die Lage versetzt werden, langfristig und kurzfristig sowie tagesaktuell effizient mit Strom zu handeln.

Digital Utility enthält zu diesem Zweck Updates für die Operations-Optimierungssoftware von GE Power, einschließlich eines geschlossenen Analysekreislaufs für umfassende Effizienz. Darüber hinaus verbinden GEs APM-Lösungen für Energieunternehmen nun alle Anlagen über das gesamte Electricity Value Network (EVN) in einer integrierten Applikation und bieten den Kunden eine Übersicht aller Anlagen, die Strom an das Stromnetz liefern.