Peter Kürpick hat große Pläne

Wie EPAM Systems Entwickler ködert

08.09.2021
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Keine Abteilungen, viele Freiheiten und alles digital: EPAM Systems ist weltweit erfolgreich und lockt die Entwickler. Der ehemalige SAP- und Software-AG-Manager Peter Kürpick soll nun den deutschen Markt bearbeiten.
Nach SAP, Software AG und Unify ist EPAM Systems die nächste Station: Peter Kürpick, Senior Vice President Germany und Chief Technology Officer (CTO).
Nach SAP, Software AG und Unify ist EPAM Systems die nächste Station: Peter Kürpick, Senior Vice President Germany und Chief Technology Officer (CTO).
Foto: EPAM Systems

Gegründet 1993 vom Weißrussen Arkadiy Dobkin, hat der US-amerikanische Spezialist für Software-Engineering eine erstaunliche Wachstumsstory hinter sich. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 2,78 Milliarden Dollar, die Mitarbeiterzahl beläuft sich auf knapp 48.000 (in 35 Ländern) und der Börsenwert liegt bei 36 Milliarden Dollar. Wirtschaftsmagazine wie Forbes und Fortune führen EPAM regelmäßig in ihren Listen der am schnellsten wachsenden Unternehmen weltweit.

"Wir bauen die Infrastruktur für einen Hyperscaler"

Hierzulande hat nun der ehemalige SAP-, Software-AG- und Unify-Manager Peter Kürpick den Auftrag, Markanteile zu gewinnen. Die in Berlin ansässige EPAM-Filiale zählt derzeit rund 250 Mitarbeiter, rund 100 davon kamen im Juli 2021 durch die Übernahme von CORE SE an Bord. Dabei handelt es sich um einen 2009 gegründeten Spezialisten für Transformationsprojekte, der seinen Fokus auf stark regulierte Branchen wie Finance, Biotech, Automotive und Logistik legt.

"Wir stellen weltweit jeden Monat rund 1.100 neue Mitarbeiter ein und sind im zweiten Quartal um fast 40 Prozent gewachsen", freut sich der Deutschland-Chef. Ein Grund dafür sei, dass man sich ganz auf das "Digital Platform Engineering" konzentriere und in Entwicklungsprojekten den gesamten Lebenszyklus der Softwareentwicklung abbilden könne. Kürpick war bereits von 2013 bis 2019 Board-Mitglied von EPAM und hat mitverfolgt, wie sich Gründer Dobkin früh von den anderen großen Beratungsunternehmen abgrenzte, indem er sich nicht mit Themen wie Beratung oder dem Management von Altsystemen aufhielt.

"Dobkin hat von Anfang an gesagt: 'Ich will nur Software schreiben, und ich will das in einer Qualität tun, wie es die großen Softwarefirmen machen'", so Kürpick. Mit diesem Ansatz habe der Gründer schließlich einen der großen Hyperscaler als Kunden gewonnen - was den Durchbruch bedeutet habe: "Für den bauen wir ganze Teile der Infrastruktur!" Hierzulande zählen Daimler und SAP zu den großen Kunden, auch in der Finanzwirtschaft gibt es offenbar erste Erfolge, der EPAM-Manager will aber noch keine Namen nennen.

EPAM will keine Abteilungsstrukturen

Neben dem Qualitätsanspruch nennt Kürpick die interne Aufstellung des Konzerns als Erfolgsfaktor. EPAM sei ein tief vernetztes, im Kern digitales Unternehmen das kurze Kommunikationswege habe und nahezu ohne Abteilungsstrukturen auskomme. "Alle Mitarbeiter werden über ein Tool verwaltet, in dem sämtliche Informationen über Skills, Lokation und Verfügbarkeit abgelegt sind." Aus diesem Pool werde dann für jeden Kunden ein "Value Creation Network" gebildet, in dem beispielsweise Experten für Java, Oracle-Datenbank, SAP, Mainframe etc. für ein Projekt zusammengezogen würden. EPAM bedient sich dabei aus dem eigenen Bestand, aber auch aus einem Kreis von Freelancern, die ihre Qualifikation nachgewiesen haben und über eine Website genauso wie die internen Professionals eingebunden werden können.

Was die geschäftlichen Schwerpunkte angeht, hält sich das Unternehmen ebenfalls mit festen Strukturen zurück und organisiert sich lose in drei sogenannten Practices. Da ist zunächst der Branchenfokus, der unter anderem Healthcare, Financial Services und Automotive in den Mittelpunkt rückt. Dann gibt es die "Cloud Practice": EPAM fokussiert sich auf die drei großen Plattformen Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud Services - und setzt in diesem Umfeld Kundenprojekte um. Und schließlich gibt es die "Digital Experience Practice": Projekte werden von der Kundenschnittstelle oder App bis zur Backend-Integration realisiert.

Letzteres bedeutete für EPAM einen großen Schritt: "Ursprünglich waren wir eher die Jungs, die im Keller die IT zusammengeschraubt haben", sagt Kürpick. Doch im Zuge des digitalen Wandels sei man um End-to-End-Lösungen nicht mehr herumgekommen. Shop-Lösungen, Datenbewirtschaftung, Logistik - der Kunde erwarte oft alles integriert und aus einer Hand.

Tools für die digitale Transformation

Tools spielen bei EPAM eine große Rolle, nicht nur für die interne Organisation. Mit TelescopeAI verfügt das Unternehmen über eine Plattform, die verschiedene Aspekte der digitalen Transformation unterstützt. Beispielsweise gibt es eine Lösung zur Unterstützung des Topmanagements, um den digitalen Umbau ganzheitlich zu steuern und zu monitoren.

Ein weiteres Tool erhalten IT- und Produktteams, um Skills und Projekte zu managen und dabei - dank KI-basierter Insights - ständig Optimierungen vorzunehmen. Andere Werkzeuge beschäftigen sich mit der Steuerung betrieblicher Prozesse, der Unterstützung von Teams, die mit Compliance- und Regulatorik-Themen betraut sind oder mit branchenspezifischen Regularien und Standards, die bei der Transformation zu berücksichtigen sind.

Um den Fortschritt von Projekten mit EPAM-Beteiligung verfolgen zu können, erhalten Kunden ebenfalls Werkzeuge an die Hand. "Die sehen dann zum Beispiel auf einem Dashboard, dass wir bei Sprint 27 von insgesamt 36 geplanten Sprints angekommen sind. Und können jederzeit Korrekturwünsche anbringen", führt Kürpick aus. Stolz ist er auf ein weiteres Tool, das dem Kunden helfen soll, die Migrationsfähigkeit von Altanwendungen in die Cloud zu beurteilen. "Mit migVisor sind wir zu einem präzisen Readiness-Check im Stande. Dieses Tool nutzt auch Google."

Über 700 Menschen kümmern sich um das Recruiting

Bleibt die Frage nach dem vor allem in Deutschland knappen Personal: Wie findet EPAM die Professionals, die für sein People Business nötig sind? "Wir haben da eine richtige Maschine aufgebaut", sagt Kürpick. "Über 700 Menschen beschäftigen sich weltweit damit, die besten Talente zu finden und einzustellen."

Da EPAM viele Freiräume biete - man gehöre beispielsweise zu den 20 größten Open-Source-Kontributoren der Welt - falle das gar nicht so schwer. "Wir sind ein sehr technisches Unternehmen, das ist für viele IT-Experten reizvoll". Zudem gebe es Möglichkeiten, sich zu entfalten. Wer nebenher sein eigenes Startup gründen wolle, bekomme das in 90 Prozent der Fälle genehmigt.

Hinzu komme, dass es keine Abteilungsstrukturen und kaum Bürokratie gebe. Die Beschäftigten hätten zudem große Freiheiten bezüglich ihrer Aufgaben: "Ein Automotive-Experte kann bei uns ohne weiteres auch an einem Projekt für die Pharmaindustrie mitarbeiten. So etwas spricht sich rum."