Glücksmanager Paul Dolan im Interview

Wie das Glück bei uns bleibt

24.01.2014
Von Thorsten Firlus-Emmrich
Einen Stift zwischen die Zähne stecken und grinsen ist albern, macht aber auch glücklich. Paul Dolan, Verhaltensforscher der London School of Economics erklärt, wie man sonst noch glücklich wird und vor allem bleibt.

Herr Dolan, was ist Glück?

Bevor ich die Frage beantworte, lassen Sie mich Erkenntnisse aus unseren Untersuchungen mitteilen. Die Spanne, in der im Schnitt eine Ehe glücklich ist, beträgt fünf Jahre. Mein Rat: Verschieben Sie den Zeitpunkt der Hochzeit, dann sind Sie länger ein glückliches Paar. Oder dies: Reich sein hilft! Die unzufriedensten Menschen sind übrigens männlich, weiß und Mitte 40. Exakt wie ich. Übrigens: Auch Affen haben eine Midlife-Crisis.

Dr. Paul Dolan
Dr. Paul Dolan
Foto: Dr. Paul Dolan

Danke, das ist sehr hilfreich.

Ein Schlüssel zu Zufriedenheit besteht darin, die Erwartungen zu senken. Alles, was darüber hinausgeht, macht Sie glücklich. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihre Erwartungen an das Gespräch zu senken.

Nicht genug. Ich frag noch mal: Was ist Glück?

Das ist die große Frage. Wir verwenden oft eher den Begriff des "subjektiven Wohlbefindens", verwendet als "Happiness". Es geht bei Umfragen über das Gefühl von Glück im Grunde immer um die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Gerne gemessen auf einer Skala von 1 bis 10, und meist beantwortet der Einzelne damit die Frage nach dem Gleichgewicht von angenehmen und unangenehmen Dingen im Leben. Im Gegensatz dazu steht das Erlebnis von Zufriedenheit. Sprich, wie wohl fühle ich mich, wenn ich Dinge tue wie fernsehen oder spazieren gehen.

Das klingt ein wenig abstrakt.

Ich habe ein Beispiel. Vor Kurzem traf ich mich mit einer Freundin, die bei der BBC arbeitet. Den ganzen Abend schimpfte sie. Über den Weg zur Arbeit, den Chef, die Kollegen, die Inhalte ihrer Arbeit. Sie hat richtig Dampf abgelassen. Gegen Ende des Gespräches sagte sie dann: "I love working for the BBC!" Sie meinte das ganz ernst. Trotz der täglichen Ärgernisse hatte sie ein positives Bild ihres Tuns und war glücklich.

Wie funktioniert das?

Wenn es über die Annehmlichkeiten des Lebens hinausgeht, dann benötigen wir für das Gefühl von Glück und Zufriedenheit die Begriffe "Purpose" und "Pointlessness". In etwa Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit. Das betrifft besonders die Arbeit, bei der wir Zufriedenheit oft aus Tätigkeiten gewinnen, die nicht unbedingt Spaß machen - lustiger wäre es vermutlich, Freunde im Pub zu treffen. Sinnhaftes muss nicht unbedingt Spaß machen - wie zum Beispiel fünf Abende hintereinander dem Kind die gleiche Geschichte vorzulesen. Aber es gibt Ihnen ein Gefühl von Zufriedenheit.

Wie das Glück bei uns bleibt
Wie das Glück bei uns bleibt
Foto: Christian Jung, Fotolia.com

Kann man Glück definieren?

Ist Glück ähnlich schwer zu definieren wie Frieden, der vielleicht mit "Abwesenheit von Gewalt" beschrieben werden kann? Ist Abwesenheit von Unglück automatisch Glück?

Nein. Es kommt darauf an, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Zeit, in der Sie unzufrieden waren, ist verlorene Zeit, Sie bekommen sie nicht zurück. Sie können ein glücklicher Mensch sein, obwohl Sie in Ihrem alltäglichen Leben Unglück erfahren. Gemeinhin denken zum Beispiel schlanke Menschen, dass sehr dicke Menschen unglücklich sein müssten. Aber das ist nicht so, sie fühlen sich beileibe nicht so schlecht, wie die Schlanken glauben. Sie können sogar zufriedener sein als Schlanke. Deswegen haben Appelle an fettleibige Menschen zum Abnehmen auch oft keinen Erfolg.

Ist Glück eine Frage des Verhältnisses zwischen positiven und negativen Erlebnissen?

Ich denke nicht, dass Sie das in Prozenten beziffern können. Eher kommen wir der Sache näher, wenn wir mit Adjektiven arbeiten - es ist möglich, gleichzeitig glücklich und aufgeregt oder gespannt zu sein. Sogar Ärger hat einige positive Aspekte, die helfen können, sich glücklich zu fühlen. Wenn es aber um politische Entscheidungen geht, also darum, wie die Gesellschaft gesteuert werden kann, dann ist es sinnvoll, auch mit negativen Begriffen zu arbeiten. Ein Beispiel: Wenn wir dafür werben, dass Menschen glücklicher sind, dann findet das kein großes Echo. Sagen wir aber umgekehrt, dass wir Unzufriedenheit und Elend verringern wollen, dann sagt die Politik sofort: Das ist ein Ziel, das wir teilen.

In Ihren Untersuchungen kommen Sie zu dem Schluss, dass vor allem die Pflege menschlicher Beziehungen Glück und Zufriedenheit fördern, also Dinge, die kein Geld kosten.

Eines kann ich mit großer Sicherheit über Ihr und mein Glück sagen: dass es erheblich zu unserer Zufriedenheit beträgt, wenn wir jeden Tag 15 Minuten mit Menschen verbringen, die wir mögen. Das gilt selbst für sehr introvertierte Menschen, auch sie wünschen Gesellschaft.

Überraschend ist diese Erkenntnis nicht.

Nein, als vergleichsweise radikalen Schritt empfinden es jedoch viele Menschen, sich konsequent von den Menschen fernzuhalten, die sie als unangenehm empfinden, und sich dafür mit anderen zu umgeben.

Glück oder Zufriedenheit kann man also nicht kaufen?

Es gibt Dinge, die kostenlos zu unserer Zufriedenheit beitragen, und andere, für die wir Geld opfern. Wenn Sie sich etwa mit Ihren Freunden in der Kneipe treffen, dann ist das Geld für die Getränke das Geld, das Sie für die Kontakte zahlen. Das gilt auch für grundlegende Dinge: So bedeutet ein kürzerer Arbeitsweg mehr Zeit für Kontakte. Das heißt unter Umständen, dass Sie mehr Geld für eine Wohnung in der Nähe Ihres Arbeitsplatzes ausgeben, dafür im Gegenzug aber Zeit für Ihr Sozialleben gewinnen.

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Kann Konsum glücklich machen?

Es gibt Experimente, die materielle und immaterielle Dinge vergleichen, um ihre Wirkung zu messen. Zum Beispiel Kinobesuch versus den Kauf einer Jacke. Aber bei einigen dieser Versuche habe ich den Eindruck, dass das Ergebnis schon feststeht, bevor die Untersuchung begonnen hat. In Wirklichkeit geht es im Leben um eine Balance von Materiellem und Immateriellem.

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