Beratermangel entgegenwirken

Wie Auftraggeber und Berater das leidige Thema Reisezeit entkrampfen können

Frank Rechsteiner ist Geschäftsführer der Personalberatung Hype.
Viele Berater wollen raus aus ihrem Job, weil sie das ständige Herumreisen satthaben. Um ihre begehrten Mitarbeiter nicht zu verlieren, sollten ihnen die Beratungshäuser flexible Arbeitsmodelle anbieten – und davon auch die eigenen Kunden überzeugen.

Aktuelle Studien belegen: Die Unlust auf Mobilität beschleicht SAP-Consultants spätestens dann, wenn's in die Lebensphase der Familiengründung geht. Statt Woche für Woche kräftezehrend auf Achse zu sein, setzen sie lieber auf Jobs, die ihnen eine ausgewogene Work-Life-Balance erlauben. Das Nachsehen haben die Arbeitgeber, die ohnehin schon gewaltig unter dem Mangel an Beratern im Allgemeinen und solchen mit SAP-Know-how im Besonderen leiden. So fand das Weiterbildungsportal kursfinder.de kürzlich heraus, dass SAP-Berater auf Platz 4 der meistgesuchten IT-Fachkräfte rangieren.

Viele Berater leiden unter den z unflexiblen Arbeitszeiten. Unternehmen müssen dagegen steuern.
Viele Berater leiden unter den z unflexiblen Arbeitszeiten. Unternehmen müssen dagegen steuern.
Foto: Liderina - shutterstock.com

Keine lückenlose Präsenz erforderlich

Statt tatenlos der Abwanderung gerade junger Kräfte zuzusehen, sollten die Beratungshäuser schleunigst umdenken. Ist in den Kundenprojekten tatsächlich eine lückenlose Präsenz der Consultants vonnöten? So lautet die Gretchenfrage, die sich eindeutig mit "Nein" beantworten lässt. Vor allem große Beratungshäuser gingen in den vergangenen Jahren mit gutem Beispiel voran und machten sowohl bei nationalen als auch internationalen Projekten deutlich, dass viele Aufgaben von Beratern remote aus der Geschäftsstelle oder dem Home-Office erledigt werden können. Auch bei zeitkritischen Projekten zeigt die Erfahrung, dass ein direkter Kontakt mit dem Kunden nur punktuell erforderlich ist: etwa beim Projektstart für die Erstellung des Anforderungskatalogs, bei gemeinsamen Workshops und Meilensteingesprächen sowie zum Abschluss bei der Vorstellung der Projektergebnisse.

Sollen flexible Arbeitsmodelle gelingen, empfehlen sich für die Beratungshäuser folgende organisatorischen Schritte:

Überzeugen Sie die Kunden von Ihrem neuen Remote-Ansatz!

Ohne das Einverständnis der Kunden läuft natürlich nichts. Ein gewichtiges Argument, diese auf Ihre Seite zu bringen, dürfte die finanzielle Ersparnis sein. Da an den "Remote-Tagen" für die Berater keine Reisekosten und Reisezeiten entstehen, lassen sich die Tagessätze entsprechend reduzieren. Darüber hinaus schonen Kunden ihre Personalressourcen, wenn sich ihre IT- und Fachmitarbeiter nicht ständig vor Ort um die externen Berater kümmern müssen - und sich stattdessen auf ihr Tagesgeschäft konzentrieren können.

Installieren Sie ein IT-gestütztes Projekt-Management!

Natürlich müssen Kunden in jeder Phase über den aktuellen Projektstand genau im Bilde sein. Gerade wenn die externen Berater nicht immer persönlich ansprechbar sind, ist der Einsatz spezieller Projektmanagement-Tools unverzichtbar, um den Kunden Transparenz über Termine, inhaltliche Fortschritte und Kostenrahmen zu gewähren. Nur so ist es auch möglich, bei Planabweichungen wie drohenden Verzögerungen oder Budgetüberschreitungen Korrekturen vorzunehmen.

Sorgen Sie für einen regelmäßigen Informationsaustausch!

Wichtig für die Remote-Zusammenarbeit ist der regelmäßige Austausch aktueller Projektinformationen zwischen Kunden und Beratungsunternehmen. Dies steigert die Transparenz und trägt zur Vertrauensbildung bei. Im Rahmen eines Kommunikationsplans sollte festgelegt werden, über welche Wege und wie kommuniziert wird. Sinnvoll ist es, die Stakeholder beim Kunden an Meilensteinen und in bestimmten Zeitabständen über den Projektstatus zu informieren, offene Fragen zu beantworten und Abstimmungen vorzunehmen. Dazu bieten sich reale und virtuelle Meetings, Präsentationen mit Key Notes, E-Mails oder auch Chats an. Für aktuelle Fragen sollte selbstverständlich eine ständige Hotline zur Verfügung stehen.

Teilzeitmodelle auch auf Leitungsebene

Immer mehr IT-Consultants möchten zumindest vorübergehend in Teilzeit arbeiten - etwa um ihren Nachwuchs zu betreuen oder ihre kranken Eltern oder andere Angehörige zu pflegen. Auch dieses Arbeitsmodell ist problemlos umsetzbar, wenn es in Abstimmung mit dem Kunden erfolgt. Ein Beispiel dafür ist MaibornWolff, ein auf IT-Beratung und Software Engineering spezialisiertes mittelständisches Unternehmen in München, das sich auf die Konzeption und Entwicklung individueller Lösungen konzentriert.

Simon Eisenried ist Leiter Recruiting bei MaibornWolff und konnte mit offenen, ehrlichen Gesprächen die Vorurteile insbesondere auf Kundenseite abbauen.
Simon Eisenried ist Leiter Recruiting bei MaibornWolff und konnte mit offenen, ehrlichen Gesprächen die Vorurteile insbesondere auf Kundenseite abbauen.
Foto: MaibornWolff

Um Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, in der Beratung zu arbeiten, auch wenn sie nicht zu 100 Prozent reisebereit und damit mobil sind, bietet MaibornWolff Teilzeitmodelle an - sogar für Projektleiter. "Die größte Herausforderung lag zunächst auf der Seite der Kunden, da dort Unsicherheit bestand, ob ein solches Zeitmodell auf Leitungsebene überhaupt funktionieren kann", erinnert sich Simon Eisenried, Leiter Recruiting bei MaibornWolff. Doch sei es mit offenen, ehrlichen Gesprächen gelungen, die Ängste der Kunden abzubauen. Heute stellt das Teilzeitangebot auf jeder Hierarchieebene für MaibornWolff einen deutlichen Wettbewerbsvorsprung im Recruiting dar.

Termine und Budget müssen stimmen

Ob Teilzeit- oder Remote-Modelle, Home-Office oder Zeitwertkonten: Nur wer heute Arbeitsmöglichkeiten bietet, die flexibel an die wechselnden Lebenssituationen der Berater anpassbar sind, wird beim Recruiting reüssieren. Die Erfahrung zeigt, dass sich auch die Kunden davon überzeugen lassen - selbst wenn sie zunächst als Haupthemmschuh gelten. So zählt für die meisten Auftraggeber, dass die externen Consultants ihre IT-Projekte in erster Linie termin- und budgetgerecht abschließen sollten. Ein zuverlässiges Projekt-Management mit regelmäßigem Informationsaustausch schafft die besten Voraussetzungen dafür - auch ohne dass die Berater ständig vor Ort und auf Achse sein müssen. Um neue Potenziale in der Personalgewinnung zu erschließen, sollten die Beratungshäuser dem Beispiel einiger Pioniere in der Branche folgen und den Remote-Ansatz in ihre Rekrutierungs- und Kommunikationsstrategie integrieren.