CEO, CIO, CDO

Wer hat die digitale Führungskompetenz?

Raoul Nacke ist geschäftsführender Gesellschafter von Eric Salmon & Partners in Deutschland und leitet dort gemeinsam mit Sophie Wigniolle das internationale Geschäft. Das Unternehmen ist auf die Suche, Beurteilung und Auswahl von Führungskräften und Aufsichtsräten sowie auf Leadership Consulting spezialisiert.
Lutz Tilker ist Partner von Eric Salmon & Partners. Er verantwortet die Themen IT, Telekommunikation und High-Tech. Darüber hinaus ist er für das alle Branchen übergreifende Thema Führungskräfte für IT- und Digitalisierungsaufgaben zuständig.
Kann ein CIO gleichzeitig CDO sein? Nein! Ein Grund: Kraft seines Amtes ist er technisch orientiert, während der CDO neue Geschäftsmodelle vor allem kommerziell vordenken muss. Welche Verantwortung CDO, CIO und auch der CEO in Sachen Digitalisierung haben, lesen Sie hier.
  • IT-Kompetenz beinhaltet nicht automatisch auch Digitalkompetenz.
  • Immer mehr Unternehmen schaffen die Stelle des Chief Digital Officers.
  • Digital Natives übernehmen bereits Managementpositionen und verändern die Führungskultur.

Ob die Digitalisierung eine Revolution oder Evolution bedeutet, kann diskutiert werden. Absehbar ist aber, dass die Führungskultur und damit das Management sich erheblich, wenn nicht sogar revolutionär verändern muss. Ein Paradigmenwechsel ist unaufhaltsam.

Hierbei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Zum einen sind wir es inzwischen gewohnt, dass Informationen überall - im privaten sowie im beruflichen Bereich - in hoher Dichte und Menge verfügbar sind. Zum anderen steht ein Generationswechsel in der Führung an, weil die ersten Digital Natives bereits Managementpositionen übernehmen. Diese neue Generation ist mit den digitalen Kanälen der Kommunikation aufgewachsen und wird diese auch in der Führungskultur einfordern. Die Dynamik der Digitalisierung erfordert zudem, Informationen zu teilen und damit auch die Transition in eine Unternehmenskultur, die auf Transparenz, Vernetzung, Partizipation und Flexibilität basiert. Hierarchische Führungsstrukturen werden hier mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.

Die kommerzielle Dimension innerhalb des Digitalisierungsprozesses liegt im Verantwortungsbereich des CDOs.
Die kommerzielle Dimension innerhalb des Digitalisierungsprozesses liegt im Verantwortungsbereich des CDOs.
Foto: Photon photo - shutterstock.com

Ein CDO gehört in den Vorstand

Digitalisierung ist ein Top-down-Prozess, so dass zukünftig in jedem Unternehmen, dessen Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung verändert werden, auch digitale Kompetenz im Vorstand und in der Geschäftsführung vertreten sein muss. Bei E-Commerce-Firmen ist dies bereits Standard. Etliche Betriebe haben einen Chief Digital Officer (CDO) installiert, der entweder Teil des Vorstands/der Geschäftsführung ist oder zumindest an den CEO berichtet. Eine aktuelle internationale Studie von Eric Salmon & Partners, bei der über 400 Führungskräfte aus einem repräsentativen Branchendurchschnitt befragt wurden, zeigt, dass bereits 40 Prozent der interviewten Unternehmen die Position des CDO geschaffen haben.

Der CEO muss Digitalisierung provozieren

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Stellt sich die Frage: Wird sich die Rolle des Vorstandsvorsitzenden oder CEO aufgrund der Digitalisierung verändert? Auf jeden Fall wird sich der Verantwortungsbereich des CEO in Sachen "digital" erweitern. Die Digitalisierung als Top-down-Prozess im Unternehmen muss vom CEO geleitet werden. Allerdings wird er nur in den seltensten Fällen der Innovator sein, was von ihm heute als Digital Immigrant auch nicht erwartet werden kann. Trotzdem muss der CEO Antreiber, Moderator und zu einem gewissen Grad auch ein Provokateur der digitalen Initiativen werden, um diejenigen, die mit der Planung und Umsetzung betraut sind, auch den notwendigen Rückhalt zu geben. Digitalisierung heißt auch Change Management, was erfahrungsgemäß schon ohne eine digitale Dimension herausfordernd genug ist.

Der CIO kommt aus der New Economy

In vielen Unternehmen übernimmt der CIO auch die Rolle des CDO. Ob dieses Modell Erfolg verspricht, wird die Zukunft zeigen, wobei Zweifel angebracht sind. Die Position des CIO hat sich in den letzten 15 Jahren etabliert und ist klar umrissen. Als sie geschaffen wurde, befand sich die globale Wirtschaft in einer Transformation, angestoßen durch die New Economy. Damals gab es Stimmen, die den CIO als den zukünftigen CEO propagierten, was jedoch nicht eintraf. Genauso wenig ist nun zu erwarten, dass der CDO zukünftig der Königsweg zum CEO ist.

Es gilt zu betonen, dass IT-Kompetenz nicht automatisch auch Digitalkompetenz beinhaltet; denn eine erfolgversprechende digitale Strategie gründet auf kommerziellen und technischen Ecksteinen. Die kommerzielle Dimension innerhalb des Digitalisierungsprozesses wird Aufgabe des CDO sein, wohingegen die technische Plattform weiterhin in der Verantwortung des CIO liegt. Hinzu kommt, dass ein CDO Erfahrung in unterschiedlichen Online-Kanälen sowie in der Monetarisierung von E-Commerce-Modellen mitbringen muss. Dieses Know-how kann der CIO in seiner bisherigen Rolle kaum erworben haben. Besonders anspruchsvoll wird es für die Unternehmen der Old Economy werden, den CDO, der mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Online-Geschäftsmodell kommt, in den Betrieb zu integrieren.

Konzern versus Mittelstand

Einen Unterschied zwischen einem Konzern und einem typisch deutschen Mittelständler wird es wahrscheinlich nicht geben. Digitale Geschäftsmodelle sind auf- und abwärts skalierbar und damit eher unabhängig von der Unternehmensgröße. In der digitalen Genese gibt es aber Unterschiede zwischen Branchen und dem internationalen Setup eines Unternehmens. Der Handel wurde schon sehr früh mit digitalen Geschäftsmodellen (Amazon, Ebay etc.) konfrontiert, genauso wie die Medienindustrie, bei der das Produkt "Papier" heute digital schon kannibalisiert ist. Dagegen werden regionale handwerkliche Branchen wie zum Beispiel die Bauindustrie oder der Baustoffgroßhandel eher nicht sofort von der Digitalisierung betroffen sein.

Verzahnung mit externen Ressourcen

Ein Unternehmen der Old Economy, welches in den letzten Jahrzehnten ein erfolgreiches Geschäftsmodell international oder global betrieben hat, zum Beispiel im Maschinenbau, wird nicht umhinkommen, digitale Kompetenz von extern einzukaufen. Trotz der Tatsache, dass solche Betriebe digitale Kompetenz aufgrund junger und digital sozialisierter Fach- und Führungskräfte schon im Haus haben, werden sie den Kopf, der die digitale Transformation plant und umsetzt - sprich den CDO - extern suchen müssen. Auch wenn die heutigen CDOs qua Lebensalter Digital Immigrants sind, haben sie sich doch bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere mit digitalen Geschäftsmodellen beschäftigt. Erfolgreich wird nur eine Verzahnung und Vernetzung beider sein, nämlich der internen Digital Natives und der extern zugekauften digitalen Führungskompetenz.

Führungs- und Digitalkompetenz: Verträgt sich das?

Das Spannungsfeld zwischen Führungskompetenz und -kultur sowie den Anforderungen aufgrund der Veränderung durch digitale Transformation ist groß. Erfolgreiche Companies der neuen digitalen Economy funktionieren im Vergleich zu den etablierten Unternehmen der Old Economy ganz anders. Auf der einen Seite sind flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, eine "Always-on-Kultur" mit Dissoziation der Entscheidungsfindung auf Teams und Projektgruppen mit sozusagen kollektiver Intelligenz Standard. Dagegen finden sich in der Old Economy meist festgelegte und zu einem gewissen Grad regulierte Arbeitsstrukturen, klare Entscheidungs- und Rollenverteilung und definierte Zeiten der Anwesenheit als Maßstab. Auf der einen Seite eine Unternehmens- und Führungskultur, die von der Transparenz der Information lebt, und auf der anderen Seite nach wie vor Führungspersönlichkeiten, deren Mantra in der Kontrolle von Informationen liegt, was sich nur sehr schwer in Einklang bringen lässt. (pg)