Hamburger IT-Strategietage 2021

Open Grid Europe CIO Ralf Werner

Wenn Künstliche Intelligenz das Gasnetz steuert

28.02.2021
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Karriere und Management in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit über 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Für seine Digitalisierungsinitiative wurde Ralf Werner von Open Grid Europe zum CIO des Jahres gekürt. Zu Recht, wie sein Vortrag in Hamburg bewies.
Ralf Werner, CIO des Gastransporteuers OGE, auf den Hamburger IT-Strategietagen: "Wir haben damals unser Scheitern akzeptiert, uns 2018 eine neue IT- und Digitalstrategie verpasst und sind ab dann nach dem Motto 'think big, start small' vorgegangen."
Ralf Werner, CIO des Gastransporteuers OGE, auf den Hamburger IT-Strategietagen: "Wir haben damals unser Scheitern akzeptiert, uns 2018 eine neue IT- und Digitalstrategie verpasst und sind ab dann nach dem Motto 'think big, start small' vorgegangen."

Digitale Transformation in der Energiebranche? Das ist nicht leicht und kam beim Gastransporteur OGE (Open Grid Europe) erst mit dem zweiten Anlauf ins Rollen. 2016 hatte man vier Projekte am Start, die allesamt nach der Ideation-Phase scheiterten. "Wir haben damals unser Scheitern akzeptiert, uns 2018 eine neue IT- und Digitalstrategie verpasst und sind ab dann nach dem Motto 'think big, start small' vorgegangen", blickte ein entspannter CIO Ralf Werner auf den Hamburger IT-Strategietage zurück.

Tanker ohne Ladung, Segelboote mit MVPs

Ralf Werner setzte die digitale Transformation seines Unternehmens mit einer Seereise auf dem Ozean der Energiebranche gleich: "Mit einem Tanker aus konservativen Strukturen und einer auf Sicherheit beruhenden Kultur versuchten wir, in See zu stechen." Knapp fünf Jahre später ist der Tanker in See gestochen, erstmal ohne Ladung, denn diese war über kleine leichte Segelboote verteilt, die als Beiboote den Tanker auf dem digitalen Kurs hielten.

Ein Grund, warum die digitale Reise beim zweiten Mal nicht abgebrochen werden musste, war die Besatzung der Segelboote. Zum einen waren sie interdisziplinär, das heißt Softwareentwickler arbeiten mit Designern, Data Analysten, aber auch mit Mitarbeiter aus den Fachbereichen Hand in Hand an Minimum Viable Products (MVPs). Die Mitarbeiter aus den Fachbereichen konnten sich für den Einsatz auf den Segelboten per Video bewerben.

CIO Werner ist noch heute sichtlich stolz, dass er aus jedem der 14 Fachbereiche des Unternehmens eine tolle Bewerbung erhielt. Zusammen mit der RWTH Aachen vermittelte man ihnen über sechs bis acht Wochen lang das nötige digitale Wissen, das diese als "Digital Experts" und Multiplikatoren in ihre Fachbereiche mitnehmen und dort verproben konnten. "So haben wir unsere Digitalisierung in die Fläche bekommen", resümiert Werner.

Daneben war auch der Blick über den Tellerrand für die OGE ein wichtiger Erfolgsfaktor auf der digitalen Reise. Neben der RWTH Aachen arbeitete man mit Studenten, Absolventen, mit Startups und dem Digital Campus Zollverein in Essen zusammen, in dem sich auch große Arbeitgeber der Region wie Thyssenkrupp, RAG oder Haniel engagieren.

Verdichter-Station erst im 3D-Modell

Die Bandbreite der verprobten Technologien ist groß. So hat OGE Blockchain-Anwendungen getestet, aber auch den möglichen Einsatz von Augmented und Virtual Reality. Insbesondere die AR- und VR-Anwendungen sieht Werner als zukunftsträchtig und sehr hilfreich an. So lassen sich die Verdichter-Stationen mit den riesigen Gasturbinen maßstabsgetreu in AR planen, was vielen nutzt: "Die eigenen Planungsleute können durch die 3D-Anlage laufen, bevor sie gebaut wird. Dank des 3D-Modelles können wir mit den Bürgern in die Diskussion kommen und ihnen Ängste nehmen." Schließlich sind die Verdichterstationen in Hallen untergebracht, die bis zu 30 Metern hoch sind. AR und VR spart auch Zeit in der Ausbildung. Mit einem echten Schweißgerät können die Auszubildenden virtuelle Nähte ziehen.

KI zeigt Störungen an Pipeline auf

Auch für Künstliche Intelligenz haben die digitalen Teams beim Gastransporteur Einsatzfelder gesucht und gefunden. Ein Beispiel ist die Steuerung des 12.000 Kilometer langen Gasnetzes. "Das ist wie eine Badewanne mit sehr vielen Zuflüssen", beschrieb Werner. Da die Pipelines mit Sensorik ausgestattet sind, ist die KI-Anwendung in der Lage, echte von künstlichen Störungen herauszufiltern. In der Vergangenheit dauert es mitunter jahrelang, bis auffiel, dass "ein Bagger eine Pipeline angekratzt hat".

Kratzt ein Bagger an einer bereits verlegten Pipeline, kommt ihm die Künstliche Intelligenz mittlerweile auf die Schliche. Früher blieben solche Störungen oft jahrelang unentdeckt.
Kratzt ein Bagger an einer bereits verlegten Pipeline, kommt ihm die Künstliche Intelligenz mittlerweile auf die Schliche. Früher blieben solche Störungen oft jahrelang unentdeckt.
Foto: OGE

Die digitale Reise ist für Ralf Werner noch lange nicht beendet. Das Zukunftsziel, nicht mehr Gas, sondern eines Tages Wasserstoff und Biogas, also grüne Stoffe, durch die Leitungen zu transportieren, könne auch nur mit den passenden Technologien erreicht werden. "Wir versuchen, mit MVPs neue Technologien in unser Gasgeschäft reinzubringen, um sie in Zukunft auch im Bereich Wasserstoff nutzen zu können", so Werner. Eine Wasserstoff-App, die alle Produzenten, Konsumenten und Tankstellen in Deutschland anzeigt, hat sein digitales Team schon als MVP gebaut.