Innovationsmanagement

Wenn die IT ein Startup gebiert

28.05.2020
Von  und
Mary K. Pratt ist freiberufliche Journalistin in Massachusetts.


Florian beschäftigt sich mit vielen Themen rund um Technologie und Management. Daneben betätigt er sich auch in sozialen Netzen.
Die IT-Abteilung eines internationalen Versicherungskonzerns hat zuerst eine Innovation hervorgebracht – und anschließend ein Startup.
Eine IT-Abteilung, deren Innovationskraft nicht nur zur Ausbildung innovativer Lösungen gereicht, sondern im Stande ist, komplette Startups hervorzubringen, ist für viele Unternehmen die Idealvorstellung.
Eine IT-Abteilung, deren Innovationskraft nicht nur zur Ausbildung innovativer Lösungen gereicht, sondern im Stande ist, komplette Startups hervorzubringen, ist für viele Unternehmen die Idealvorstellung.
Foto: Gearstd - shutterstock.com

Von der IT-Abteilung wird zunehmend erwartet, Innovationen zu liefern, die ihrem Unternehmen völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Die Technik-Experten beim internationalen Versicherungskonzern Liberty Mutual nahmen das wörtlich: Sie entwickelten eine intelligente Workplace-Plattform, um die Mitarbeitererfahrung und -produktivität zu optimieren - am Ende entstand aus der finanziell einträglichen Software ein neues Startup.

Laut des aktuellen "State of the CIO 2020"-Reports betrachten inzwischen zwei von drei CIOs als ihre Hauptaufgabe, neue Einnahmequellen zu erschließen. Das bedeutet für gewöhnlich, vorhandene gewinnträchtige Prozesse zu optimieren oder in Kooperation mit den Fachabteilungen neue zu ermöglichen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen, in denen die IT-Abteilung Produkte hervorbringt, die sich an andere Unternehmen verkaufen lassen.

Genau das hat die IT von Liberty Mutual gerade mit einer zunächst beim Versicherer intern genutzten Mitarbeiter-Plattform namens "MyHub" vollbracht. Ein Beispiel das zeigt, wie CIOs, Technologie-Spezialisten und ganze Unternehmen eine Innovationskultur schaffen, die zu neuen Erfolgen führt.

Geistige IT-Brandstiftung

Ursprünglich war "MyHub" dazu gedacht, die Mitarbeiter des Versicherers bei administrativen Aufgaben zu unterstützen - etwa bei der Bearbeitung von Reisekostenabrechnungen. Mit der Zeit entwickelte sich die Plattform zu einem solchen Effizienz-Booster, dass die Verantwortlichen von Liberty Mutual sich dazu entschieden, die Plattform unter dem Namen "Workgrid" auch an andere Unternehmen zu verkaufen.

Zur ersten Niederkunft des Projekts kam es bereits im Jahr 2013: Damals befanden sich CIO James McGlennon und sein IT-Team in einer Umbruchphase - agile Entwicklungsmethoden und Cloud Shift hielten die Experten in Atem. Neu zusammengestellte Teams arbeiteten in Sprints, leierten Kooperationen mit den Fachabteilungen an und nahmen an Hackathons teil. "Wir haben neue Ideen in Prototypen verwandelt und wollten die Business-Leute dazu anstacheln, neue Risiken einzugehen. Die Idee war, sie mit dem unternehmerischen Geist der Softwareentwickler anzustecken und herauszufinden, wie wir ihnen dabei helfen können, ihre Ideen in die Tat umzusetzen", erinnert sich CIO McGlennon.

So hatten die Verantwortlichen von Liberty Mutual schnell einen beziehungsweise mehrere "pain points" ihrer Belegschaft identifiziert: Administrative Alltagsaufgaben wie Urlaubsplanung, Mitarbeiterumfragen, Reisekostenabrechnungen oder das Absegnen von Bestellungen. Um diese Tasks abzuarbeiten, mussten die Mitarbeiter zwischen Systemen und Applikationen hin- und herwechseln, was negative Folgen für Effizienz und Produktivität hatte. "Wir sahen hier eine großartige Möglichkeit", so McGlennon. "Wir haben uns schließlich dazu entschieden, eine Lösung zu bauen, die sämtliche Informationen mit nur einem Klick auf den Bildschirm bringt - und zwar ohne das System zu verlassen. Die erwarteten Produktivitätsvorteile sahen sehr vielversprechend aus."

'Build it like you'd sell it'

CIO McGlennon und IT-Experte Brett Caldon, der die Teamleitung bei diesem Projekt innehatte, nennen verschiedene Faktoren für die Innovationsfähigkeit der Liberty Mutual IT. Einerseits seien IT und Business bei Liberty Mutual seit jeher gut miteinander vernetzt und auf Kollaboration ausgerichtet - das habe die IT erst in die Lage versetzt, überhaupt ermitteln zu können, an welchen Stellen technologisches Verbesserungspotenzial besteht.

Auch der Support durch die Führungsebene sei ein wesentlicher Faktor, so Caldon: "Diese Entwicklung nahm ihren Lauf auf der Führungsebene und deren Vision darüber, wohin die technologische Reise des Unternehmens geht. Dabei wurden wir nicht als Cost Center, sondern als Enabler betrachtet."

Dass die IT-Abteilung auf agile und Cloud-native Entwicklungsmethoden setzte, spielte natürlich auch eine Rolle - genauso wie ihre Herangehensweise an die digitale Transformation, wie Caldon erklärt: "Die IT hat ein neues Produkt-Mindset adaptiert, das auf dem Motto 'build it like you'd sell it' basiert. Wir arbeiten mit selbstbestimmten, autonomen Teams, die das Business mit einbeziehen, um Software zu bauen."

Die Vorgabe war im Jahr 2013, eine technologische Lösung für die zeitraubenden Alltagstasks zu finden - dabei sollte allerdings keine Lösung gefunden werden, die die Technologie bis zum Letzten ausreizt, sondern eine, die wirklichen Mehrwert bringt.

Im ersten Schritt fanden sich IT und Fachabteilungen deswegen zur Ideenfindung zusammen. Die IT-Abteilung fertigte auf dieser Grundlage Prototypen an und holte regelmäßig Feedback ein. Das Ziel war die Auslieferung eines Minimum Viable Product, das nach und nach verbessert werden sollte. Mitte 2015 wurde die Softwarelösung nach ersten Tests unternehmensweit für 50.000 Mitarbeiter ausgerollt - wobei die Feedback-Phase zu diesem Zeitpunkt immer noch lief, wie Caldon betont.

Im Jahr 2017 wurde Workgrid Software, LLC als hundertprozentige Tochtergesellschaft von Liberty Mutual Insurance ausgegründet. Die Markteinführung der gleichnamigen Workplace-Plattform erfolgte im Juni 2018.

Wege zur innovationsschwangeren IT

Laut Gartner-Analyst Jackie Fenn kooperieren immer mehr CIOs mit ihren Business-Kollegen, um neue Einnahmequellen zu generieren. In den meisten dieser Fälle konzentrieren sich CIOs auf die Produktentwicklung und nutzen Daten und Analysen dazu, digitale Produkte zu kreieren, die mit dem Kerngeschäft des Unternehmens in Zusammenhang stehen.

Der Fall von Liberty Mutual sticht hierbei hervor - auch weil der Vorstand des Unternehmens erkannt hat, dass die IT ein wirklich einzigartiges Produkt hervorgebracht hat, das auch für andere Organisation nützlich sein könnte und diese Chance entsprechend genutzt hat. Gleichzeitig reiht sich der Versicherungskonzern damit in die überschaubare Liste der innovativen Firmen ein, die zunächst eine Software für den internen Gebrauch entwickelt haben und im Anschluss das kommerzielle Potenzial des Produkts erkannt haben. Ein weiteres Beispiel hierfür wäre etwa American Airlines, deren automatisiertes Booking-System die Grundlage für das branchenweite Ticketing-System Sabre legte.

"Jedes Unternehmen verfügt über Insights die Aufschluss über oder Anregungen für interessante, interne Lösungen geben können und darüber hinaus", so Gartner-Analyst Fenn. "Organisationen, die diese Potenziale ausschöpfen wollen, sollten auf agile Methoden setzen, die Bereitschaft zum Experimentieren mitbringen und eine Fail-Fast-Mentalität verinnerlichen. Das ist es, was den Menschen innere Motivation verleiht."

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation CIO.com.