Hamburger IT-Strategietage

Webasto-CIO rechnet mit Digitalisierungswelle

24.02.2021
Von 
Alexandra Mesmer war bis Juli 2021 Redakteurin von Computerwoche und CIO-Magazin.
In der Pandemie hat die IT gezeigt, was sie alles kann. Das macht im Top Management Appetit auf mehr, ist Thomas Mannmeusel, CIO von Webasto, überzeugt.
Thomas Mannmeusel, CIO von Webasto, sprach auf den Hamburger IT-Strategietagen über die virtuelle Prozessorganisation beim Automobilzulieferer.
Thomas Mannmeusel, CIO von Webasto, sprach auf den Hamburger IT-Strategietagen über die virtuelle Prozessorganisation beim Automobilzulieferer.

Die Forderung, die Silos in Unternehmen aufzubrechen, ist fester, schicker Bestandteil im Vokabular von Führungskräften, die mit der Zeit gehen wollen. Vielfach bleibt es aber beim vollmundigen Appell, ohne dass klar wird, wie das in der Praxis geht. Nicht so bei Thomas Mannmeusel, CIO der Automobilzulieferers Webasto, der 2019 mit weltweit 15.000 Beschäftigten in 30 Fabriken einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro erwirtschaftete. Hauptprodukte sind Schiebedächer und Standheizungen, die Webasto für alle wichtigen Automobilhersteller produziert.

Mannmeusel hat die Silos mit Hilfe einer virtuellen Prozessorganisation aufgebrochen und wurde dafür zum CIO des Jahres 2020 gewählt. Auf den Hamburger IT-Strategietagen gab er praktische Einblick, wie das Aufbrechen der Silos bei Webasto funktioniert.

Noch bevor Produktteams in der agilen Welt en vogue waren, hatte Webasto schon ein crossfunktionales Team im Einsatz. Dieses vereinheitlichte eingesetzte Systeme wie ERP, CAD, PLM, MES und BI, um dadurch Produkte schneller und einfacher entwickeln und an die weltweiten OEM-Partner liefern zu können. Dessen Teammitglieder hatten jahrelang so gut miteinander an den verschiedensten Unternehmensstandorten in der Welt agiert, dass sich Mannmeusel fragte, wie sich ein solches Team künftig organisatorisch verankern lasse.

Ein Mitarbeiter, zwei Chefs

Fünf Jahre später ist daraus die Ab­teilung "Global Process Optimization" (GPO) entstanden, die von Mannmeusel als Director und einem dreiköpfigen GPO-Office gesteuert wird. Sie liegt als virtuelle Organisation über den bestehenden Fachfunktionen, Geschäftsbereichen und regionalen Strukturen. Mittlerweile sind 40 Beschäftigte in die virtuelle Prozessorganisation eingebunden, die aber gleichzeitig in ihren angestammten Fachabteilungen verbleiben. Geht es zum Beispiel um die Zielvereinbarungen für das nächste Jahr, setzen sich Mitarbeiter, Abteilungsleiter und Prozessdirektor zusammen, um gemeinsam die Ziele abzustecken.

Ein Mitarbeiter, zwei Chefs - dieses Prinzip funktioniere laut CIO Mannmeusel aus verschiedenen Gründen gut. Zum einen könne man auf gute Erfahrungen mit einer Matrix-Organisation zurückgreifen. So sei es für Webasto-Mitarbeiter relativ normal, zwei Vorgesetzte zu haben. Zum anderen bekämen beide Parteien ihren Teil vom Kuchen. Der Fachbereichsleiter das IT-Wissen und die Prozessorganisation das Fachwissen.

"Innovation findet bei uns global statt"

Auch das verteilte Arbeiten von verschiedenen Standorten aus sei für Webasto nichts Neues. Schon vor Corona verstand sich die Webasto-IT, der weltweit 280 Mitarbeiter zugeordnet sind, als verteilte Organisation, so Mannmeusel: "Innovation findet bei uns global statt, jeder kann eine gute Idee einbringen, und diese Ideen kommen auch." Das virtuell vernetzte Arbeiten ist für den CIO das bevorzugte Organisationsmodell - vor Corona waren seine Mitarbeiter über die 30 Fabriken verteilt, heute über Hunderte von Home-Offices.

Die neue Rolle der IT

"In der Pandemie hat die IT gezeigt, was sie kann. Das macht Appetit auf mehr", ist Mannmeusel überzeugt. Darum rechnet er mit einer weiteren Digitalisierungswelle. Die CIOs haben Erwartungen im Top-Management geweckt, etwa dass durch Technologie Entwicklungszyklen von Produkten oder Services verkürzt beziehungsweise durch Digitalisierung neue Wachstumsfelder erschlossen werden. Webasto sieht zum Beispiel in Batterie- und Ladesystemen für die Elektromobilität solche neuen Geschäftsfelder.

Wann Digitalisierung zu messbaren Ergebnissen führen muss, hänge vom Thema ab, sagt der Webasto-CIO. Ein Lieferanten-Management-System müsse einen klaren Return-on-Investment haben. In Zukunftsfeldern wie Machine Learning oder digitaler Zwilling setze man dagegen auf einen Portfolio-Ansatz: Man probiert unterschiedliche Ansätze aus, schaut, was sie bringen und rechnet aber nicht damit, dass alle Ansätze wirklich erfolgreich sind.

Ein Grund, warum Thomas Mannmeusel seine virtuelle Prozessorganisation so gut zum Laufen bringen konnte, ist auch mit seiner Person verbunden. Er kam bereits 2009 als CIO zu Webasto und hatte die IT stabil aufgestellt, bevor er mit seiner virtuellen Prozessorganisation die bisherigen Abteilungsgrenzen aufbrechen konnte.