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Web-Erfinder Berners-Lee wird geadelt

02.01.2004
Tim Berners-Lee wird für sein Konzept des Hypertext-Netzes WWW von der britischen Königin zum Knight Commander, Order of the British Empire geschlagen.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Tim Berners-Lee (48), Erfinder des World Wide Web und Director des World Wide Web Consortium (W3C), wird von der britischen Königin zum Knight Commander, Order of the British Empire (zweithöchster Rang des Ordens), geschlagen und damit in den Adelsstand erhoben werden, wie das W3C am Silvestertag mitteilte. "Dies ist eine Ehrung, die der ganzen Web-Development-Gemeinde gebührt, ebenso wie den Erfindern und Entwicklern des Internet, deren Arbeit das Web ermöglicht hat", übte sich der Geehrte in Bescheidenheit. "Ich nehme sie an als Unterstützung für den Geist des Web, dieses dezentralisiert aufzubauen, es nach bestem Bemühen offen und fair zu halten sowie sicher zu stellen, dass seine grundlegenden Techniken für jedermann zwecks breiter Nutzung und Innovation zur Verfügung stehen, ohne dass man dafür Lizenzgebühren zahlen muss."

Die Anerkennung verdeutliche gleichzeitig, so Berners-Lee weiter, welch große Verantwortung Urheber und Nutzer teilten: "Informationstechnik verändert die Welt, und wer sich damit befasst, kann sich nicht von ihren technischen und sozialen Auswirkungen abkoppeln. Wir tragen Verantwortung dafür, dass diese Arbeit allen zugute kommt und müssen die verschiedenen Bevölkerungen berücksichtigen, denen sie dient."

Tim Berners-Lee wurde in London geboren. Er schloss 1976 das Queen's College an der Oxford University ab. Während seiner dortigen Zeit bastelte er mit Lötkolben, TTL-Gates, einem M6800-Prozessor und einem alten Fernseher seinen ersten Computer. 1980 entwickelte er während einer Tätigkeit als beratender Softwareingenieur am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf eine Software für assoziative Speicherung von Daten ähnlich der Strukturen des menschlichen Gehirns. "Enquire" wurde nie veröffentlicht, bildete aber die konzeptionelle Basis für die spätere Entwicklung des Web.

1989, weiterhin am CERN, schlug Berners-Lee ein weltweites Hypertext-Projekt vor, das als World Wide Web bekannt werden sollte. Auf Basis der früheren Enquire-Arbeiten wurde es entworfen, um Menschen die Zusammenarbeit zu ermöglichen, indem sie ihr Wissen in einem Netz aus miteinander verwobenen Hypertext-Dokumenten kombinieren. Berners-Lee schrieb im Oktober 1990 auch gleich den ersten WWW-Server ("httpd") und passenden Client ("World Wide Web"). Er ist außerdem Autor der ersten Fassung der Formatierungssprache HTML (Hypertext Markup Language), über die sich Dokumente untereinander verlinken lassen.

Der erste WWW-Client wurde im Dezember 1990 CERN-intern bereit gestellt, und noch im gleichen Monat erfolgte die erste erfolgreiche Demonstration des Zusammenspiels von Web-Servern und -Clients über das Internet. Der gesamte Code wurde im Sommer 1991 im Netz veröffentlicht und damit für jedermann zugänglich. Zwischen 1991 und 1993 arbeitete Berners-Lee an der Weiterentwicklung der Web-Architektur und verbesserte seine anfänglichen Spezifikationen für URIs, HTTP (das Hypertext Transfer Protocol) und HTML.

1994 dann gründete Berners-Lee mit Unterstützung des inzwischen verstorbenen Directors des Laboratory for Computer Science (LCS) am Bostoner MIT, Michael Dertouzos, das World Wide Web Consortium, für das er aktuell als Director tätig ist. Mit Teams am Computer Science and Artificial Intelligence Lab (CSAIL) des MIT, beim European Research Consortium for Informatics and Mathematics (ERCIM) sowie an der Keio University in Japan koordiniert das W3C die weltweite Entwicklung des Web.

Berners-Lee wurde 1999 vom "Time Magazine" als einer der 100 schlauesten Köpfe des 20. Jahrhunderts gewählt. Er ist Distinguished Fellow der British Computer Society, Honorary Fellow der Institution of Electrical Engineers und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Im Jahr 2001 wurde er zum Fellow of the Royal Society ernannt und erhielt im Jahr 2002 den Japan Prize. 1998 war er McArthur-Forschungsstipendiat. Berners-Lee ist Inhaber zahlreicher Ehrendoktorwürden, darunter der seiner Alma Mater aus dem Jahre 2001. Am MIT ist er Inhaber des 3Com Founders Chair und außerdem Senior Research Scientist am CSAIL.

In seinem 1999 bei Harper-Collins veröffentlichten Buch "Weaving The Web" rekapituliert der Wissenschaftler die Geburt und Entwicklung des Web. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel "Der Web-Report" im Econ-Verlag erschienen. (tc)