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Web 2.0: "Die Menschen quatschen und quatschen und hören nicht mehr auf"

26.07.2007

Viel Mist – und viele mündige Nutzer

Völlig anderer Ansicht ist David Weinberger, Autor des Bestsellers "Everything is Miscellaneous". Er glaubt, dass Web 2.0-Tools dem Nutzer dabei helfen, Irrelevantes und Inkorrektes von Wichtigem und Seriösem zu trennen. Es sei richtig, dass sich im Web jeder auslassen könne, dass – anders als bei den konventionellen Medien - kein Pförtner den Einlass kontrolliere, dass es viel Mist gebe und zu viele Stimmen, die nichts zu sagen hätten. Gleichzeitig sei das Netz aber selbst die Instanz, die diesen Missstand bekämpfe. Von den ersten Usenet-Diskussionsforen über Wikipedia bis hin zu Sites, die Anwendern das Taggen von Informationen ermöglichen, gab es laut Weinberger immer Vorrichtungen und Techniken, um Ideen und Informationen miteinander zu verbinden, zu sortieren und zu bewerten.

Die Menschen seien nicht so dumm, allen Web-Inhalten blind zu vertrauen. "Öffnen Sie wahllos eine Seite der Enzyklopädia Britannica und sie finden sofort Inhalte, denen sie vertrauen können. Im Web würden Sie nie so vorgehen. Dort verlassen wir uns, angefangen bei der Webadresse, auf eine breite Palette an Mechanismen und Zeichen, denen wir vertrauen und die uns lenken. Das populärste Beispiel sei Ebay, wo Nutzer Angebote beurteilen und zugleich selbst beurteilt werden.

Foto: kenyarmosh.com

Für Weinberger ist das Web ein Spiegel der Menschheit, der sehr viel mehr Nuancen und Extreme anzeigt, als alle bisherigen Medien. "Das Web bietet mehr von allem: mehr Verunglimpfungen, mehr Ehrerbietungen. Mehr Porno und mehr Liebe. Mehr Ideen und mehr Zerstreuung. Mehr Lügen und mehr Wahrheit. Mehr Experten und mehr Profis. Das Web ist Überfluss, während die konventionellen Medien stets mit Mangel zurecht kommen mussten – sowohl wirtschaftlich als auch das Wissen und die Inhalte betreffend."

Wenn Keen den Verlust des "erkenntnistheoretischen Anker der Wahrheit" beklage, den er in den alten Medien finde, und wenn er den respektierten, sich der Verantwortung stellenden Experten vermisse, dann gelte das allenfalls für einige Fakten und für Inhalte, die man auch in den Almanachen finde. Gehe es darum, die Welt zu verstehen – einschließlich Wissenschaft, Politik und Künste – dann biete das Web sehr viel mehr.

"Primaten mit unbegrenzten Botschaften auf unbegrenzten Kanälen"

Keen stimmt Weinberger in der Feststellung zu, dass das Web weniger ein Medium als ein Spiegel sei. Entscheidend sind für ihn aber die Folgen: "Web 2.0 macht uns zu Affen. Das ist die Folge des neuen Überflusses, des 'Long Tail', wenn Sie so wollen. Primaten mit unbegrenzten Botschaften auf unbegrenzten Kanälen."