Gipfelgespräch

Was SAP und Munich RE sich zu sagen haben

04.09.2017
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.

SAP öffnet sich für Kooperationen

Nun - in der Vergangenheit hat SAP aus meiner Sicht immer sehr SAP-zentrisch agiert, auch beim Cloud-Ansatz. Im Zuge der jüngsten Kooperationen unter anderem mit Google und AWS scheint sich an dieser Stelle der Wind tatsächlich etwas zu drehen.

Holz: Sie sagen es, das ist tatsächlich so. Es gibt Dinge im Markt, die können wir nicht ignorieren. Das adressieren wir durch diese Offenheit. Die SAP-Cloud-Plattform läuft auch auf Google und AWS. Hier haben wir Partnerschaften aufgebaut. Damit gibt es dort in der Cloud einige Dinge, die man mit einer SAP-Cloud-Plattform sehr viel schneller entwickeln und realisieren kann. Wenn ein Kunde zum Beispiel eine App bauen möchte, die auf SAP-Daten zugreift, die aber auch Vorteile von Google oder AWS nutzt, dann bieten wir das an.

Wir haben außerdem die Möglichkeit, mit SAP Vora große Hadoop-Landschaften mit anzubinden. Damit verfolgen wir, was das Thema Big Data angeht, immer mehr eine Strategie, die signalisiert: Wir geben den Kunden die Möglichkeit, die Vielfalt des Marktes zu nutzen und sich ihre Lösung nach ihren individuellen Bedürfnissen zurechtzuschneiden. Das ist die Richtung, in die wir die SAP-Cloud-Plattform weiterentwickeln. Und das Feedback der Kunden bestätigt uns in dieser Strategie.

Denken Sie denn bei Munich Re schon konkret darüber nach, ihre Infrastruktur in einer Google- oder Amazon-Cloud zu betreiben?

Frank: Unabhängig vom Anbieter - ich denke schon, dass wir mittelfristig einen immer größeren Teil unserer Infrastrukturleistung - und vielleicht auch Softwareleistung - aus der Cloud beziehen werden. Sie haben es ja angesprochen: Immer wenn es ein entsprechendes Angebot aus der Cloud gibt, oder einen Software as a Service, der für uns passt, dann stellt sich natürlich die Frage, warum wir das selbst betreiben sollten. Das ist ja doch meistens aufwendiger.

Ich glaube, die Reise geht Richtung Cloud. Irgendwann wird es eine Option sein, die sowohl vom Risiko- wie auch vom Kostenstandpunkt vernünftig funktioniert. Momentan muss man allerdings sagen, dass der finanzielle Vorteil auf der Cloud-Seite oft nicht da ist. Gleichwohl stellen wir unsere Rechenzentren auf Cloud-Betrieb beziehungswiese mehr Automatisierung um, so dass wir quasi von den Prinzipien einer Cloud profitieren können. Aber wir sehen natürlich, dass sich die Lösungslandschaft Richtung Public Cloud verschieben wird.

Der Trend geht Richtung Public Cloud

Gibt es denn einen konkreten Zeitplan?

Frank: Einen Zeitrahmen haben wir an dieser Stelle nicht konkret festgelegt. Aber es wird aus meiner Sicht über die nächsten fünf bis zehn Jahre sicher die Ausnahme bleiben, sich noch eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Wenn man eine solche bereits hat und noch weiter betreibt, ist das sicher eine etwas andere Kostenfrage - was abgeschrieben ist, muss ich schließlich nicht noch einmal bezahlen. Der Trend geht aber in Richtung Public Cloud und darauf bereiten wir uns auch vor.

SAP forciert seine eigene Cloud-Strategie. Angesichts der Kooperationen mit Google und AWS - wird sich SAP als eigener Cloud-Betreiber eher aus dem Markt zurückziehen?

Holz: Unser eigenes Cloud-Angebot wird weiter bestehen bleiben. Wir haben viele Kunden, die Wert darauf legen, dass ihre SAP-Systeme bei uns und auf Wunsch auch in deutschen Rechenzentren betrieben werden. Weil die SAP-Anwendungen so entscheidend sind für einen stabilen Betrieb der Back-Office-Systeme, sagen eine erhebliche Zahl an Kunden, sie möchten das Ganze eben gerne in einer privaten oder der public Cloud von SAP laufen lassen.

Ich möchte noch einmal auf das Thema Innovation zurückkommen: Mit Digital Partners hat Munich Re einen eigenen Innovations-Ableger gegründet. Inwieweit ist der denn mit dem klassischen Applikationsbetrieb verzahnt?

Frank: Ich würde das mal so formulieren: Wir arbeiten momentan an der richtigen Balance: Wie viel Freiheit braucht eine Startup-ähnliche Geschäftseinheit, um nicht durch die Prozesse, Vorgehensweisen und bestehenden Lösungen eingeengt und eingeschränkt zu werden? Als Digital Partners die ersten Schritte machte und versuchte, sich am Markt zu etablieren, da waren wir sehr zurückhaltend, würde ich sagen. Es war auch vereinbart, dass Digital Partners an dieser Stelle eine große Eigenständigkeit behält. Was wir haben, ist im Prinzip eine Art Aufsichtsfunktion.

Mittlerweile gibt es auch schon einige interessante Kooperationen, die wir im Zuge der Innovationsinitiativen eingegangen sind. Ein Teil des Offerings beinhaltet im Prinzip auch Back-Office und Betreuung des Prozesses. Da kommen Sie natürlich automatisch an die Stelle, wo es darum geht, Lösungen zu betreiben - im eigenen Rechenzentrum oder ausgelagert. Von daher gibt es natürlich schon Überschneidungsthemen, die hier auftreten. Wir versuchen aber grundsätzlich, relativ viel Freiheit zu lassen und uns selten einzumischen.

Innovation braucht den richtigen Mix aus Freiheit und solider Basis

Ist das so eine Art Grundprinzip, wie Sie mit dem Thema Innovation umgehen?

Frank: Wir haben mehrere Innovationsinitiativen am Laufen, die alle ein Stück weit nach diesem Schema aufgesetzt sind. Das Problem, in das man früher oder später läuft, ist: Fängt man zu viele von diesen Sachen an, dann muss man irgendwann auch wieder zusehen, wie man das Ganze konsolidiert. Sonst rechnet es sich nämlich nicht und wir fangen an, einen ganzen Zoo an verschiedenen Lösungen zu verwalten.

Wir diskutieren momentan, wie das richtige Setup aussehen könnte, der richtige Mix aus Freiheit und einer soliden Basis aus Standardausrüstung. Mein Eindruck ist: Je stärker die Initiativen Fuß fassen, umso mehr realisieren diese auch, dass man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss. Als Innovationstreiber muss man sich darauf konzentrieren, das differenzierende Merkmal zu kultivieren und sich nicht unbedingt um das langweilige Payment im Backend kümmern. Von daher vertreten wir an dieser Stelle momentan die IT-Auffassung, dass wir an verschiedenen Stellen Mehrwert leisten können - sicher mit einer etwas anderen Geisteshaltung und auch einem anderen Baukasten, als wir es auf der reinen Backend-Seite tun.

Und letztlich geht es aber doch auch darum, das Ganze in Mehrwert für das eigene Business umzumünzen?

Frank: Ja absolut - Gunter Dueck hat es einmal so beschrieben: Es reicht nicht, dass ich nachmache, was andere machen, nur um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Beim Design Thinking, InnoLabs und dem Ausprobieren neuer Technologien muss man sich genau überlegen: Warum tue ich das? Tue ich das, um Einsichten zu gewinnen und Geld damit zu verdienen. Oder tue ich das, weil es sich irgendwie gut anfühlt, in Jeans ins InnoLab zu gehen. Das ist die Balance, die Unternehmen finden müssen - sicher nicht ganz trivial.

Design Thinking
Design Thinking
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Und wie kann das funktionieren?

Frank: Man kann sicher nicht schon an Tag eins mit einem fixen Business Case kommen. Es dreht sich in gewisser Weise auch um kulturelle Fragen: Kann sich hier etwas entwickeln? Können Sie kreativ werden? Können Sie die Leute motivieren, sich aus ihrem Daily Business herauszuwagen und neue Sachen auszuprobieren? Von daher brauchen Sie eine gewisse Freiheit, aber Sie brauchen genauso auf der anderen Seite einen Mechanismus, wie aus einer Idee über einen endlichen Zeitraum entweder etwas Erfolgreiches oder eben nichts wird. Bei Venture Capitalists funktioniert das recht gut. Die haben dafür recht rigide Maßstäbe entwickelt.

Das ist auch so ein Punkt, wo wir momentan noch unseren Weg finden müssen. Wie viel Freiheit lassen wir am Anfang und wann muss man eigentlich in einen relativ eng getakteten Review-Prozess kommen, in dem irgendwo auch eine gewisse Erwartung an einen Return ihren Platz haben muss? Das ist aus meiner Sicht sicher ein schwieriges Thema.

Inwieweit fühlen Sie sich dabei durch die Insurtechs getrieben, die sich mit einzelnen Services in die Wertschöpfungskette der Versicherungen einklinken wollen?

Frank: Wir nehmen das Phänomen sehr ernst und versuchen, uns selbst ein Stück weit daran zu beteiligen. Wenn es gute Ideen gibt, wollen wir daran natürlich teilhaben. Letztlich ist Digital Partners auch so eine Art an Insurtechs angelehnte Initiative. Wir versuchen also, die Trends aufzunehmen, aber auf der anderen Seite auch, nicht jedem Hype hinterherzulaufen. Es geht darum, möglichst klar zu verstehen, welche Themen gewisse Geschäftspotenziale beinhalten und welche nicht.

Zweifellos gibt es Veränderungen im Markt. Die Frage ist nicht, ob sondern in welcher Geschwindigkeit und mit welcher Vehemenz sich die Geschäftsmodelle verändern. Ich glaube, das ist die entscheidende Frage. Wir haben Programme im Unternehmen, mit denen wir versuchen, uns diesen Herausforderungen gesamtheitlich zu stellen und uns für die Zukunft fit zu machen. Also: Wir nehmen das sehr ernst, aber ohne in Panik zu geraten.