Gipfelgespräch

Was SAP und Munich RE sich zu sagen haben

04.09.2017
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.

Seinen Mehrwert für das Unternehmen definieren

Das bedeutet natürlich einen gewaltigen Kulturwandel, gerade in der IT …

Frank: Absolut.

… man muss sich viel stärker mit dem Business auseinandersetzen, muss kommunikativer arbeiten, erklären, was die IT kann.

Frank: Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht, dass es für alle Kollegen in der IT - wahrscheinlich auch im Business - ein Mindset-Shift ist. Ich muss mich neu orientieren, wie ich meinen Mehrwert für das Unternehmen definiere, wie ich mit den Kollegen im Business zusammenarbeite, wie ich priorisiere und wie ich meinen weiteren Weg sehe. Das sind schon sehr umfangreiche Änderungen, die eine gewisse Zeit brauchen, aber natürlich auch ein gutes Change Management.

Im gleichen Kontext sehe ich auch unsere Partnerschaft zu SAP. Wir sehen immer wieder, dass wir von außen profitieren und uns gegenseitig befruchten, um dann gute Modelle für die Zukunft zu entwickeln.

Für SAP ändert sich damit auch die Art und Weise, wie Sie mit Kunden kommunizieren. Wo Sie früher mit dem IT-Leiter oder CIO zusammengesessen haben, müssen Sie heute dem Business erklären, was ihre Lösungen bringen. Das ist doch auch eine Herausforderung?

Holz: Absolut - SAP selbst steckt ja auch mitten in der digitalen Transformation. Das macht uns aber auch authentisch bei vielen unserer Kunden. Wir konnten schon immer auf eine gute Industrie-Expertise bauen. Jetzt müssen wir uns zunehmend darauf einstellen, auch die Ansprechpartner der Fachabteilungen beim Kunden entsprechend anzugehen und zu adressieren.

Frank: Aus Kundensicht war unser Verhältnis immer sehr stark davon geprägt, dass der Einstieg der SAP über die gute Basis auf der IT-technischen Seite erfolgt ist. Auch weil wir auf IT-Seite wussten, dass viele Probleme erst gar nicht auftreten, weil wir eine gute Partnerschaft haben, weil die Lösungen solide sind. Es war fast so, dass die IT-Organisation ein Stück weit - ich will jetzt nicht sagen, Teil Ihrer Sales-Organisation - aber sicher ein Stück weit Case-Treiber war.

SAP muss sich neu organisieren

Die IT-Abteilung als verlängerte Arm der SAP?

Frank: Ich glaube, dass sich SAP heute neu orientieren muss: Die Basis ist noch da, aber ein Stück weit aus dem Fokus geraten. Wir haben früher eine mehr auf die Technologie fokussierte Strategie verfolgt. Das war auch gut so, weil wir so Ordnung halten konnten und kaum Mehraufwände dadurch hatten, Technologie zusammenführen zu müssen. Dieser Weg ist heute gar nicht mehr durchzuhalten. Es kommen so schnell neue Lösungen auf den Markt, dass es immer schwieriger wird, diese im Blick zu behalten und einzuordnen. Als IT-Organisation sind wir nicht mehr Besitzer und Kontrolleuer aller IT-Aktivitäten.

Olaf Frank, Head of Global Applications bei Munich Re: "Es kommen so schnell neue Lösungen auf den Markt, dass es immer schwieriger wird, sie im Blick zu behalten und einzu­ordnen. Als IT-Organisation sind wir nicht mehr Besitzer und Kontrolleur aller IT-Aktivitäten."
Olaf Frank, Head of Global Applications bei Munich Re: "Es kommen so schnell neue Lösungen auf den Markt, dass es immer schwieriger wird, sie im Blick zu behalten und einzu­ordnen. Als IT-Organisation sind wir nicht mehr Besitzer und Kontrolleur aller IT-Aktivitäten."
Foto: Munich Re

Jeder von uns hat zu Hause mehr interessante Gadgets als in der Arbeit. Früher war das anders herum. Da waren wir diejenigen, die was Tolles brachten. Heute sind wir die, die im Weg stehen. Unsere Rolle im Moderieren und Orchestrieren dieser ganzen Technologielandschaft, die ändert sich gerade.

Das ist letztlich auch eine Herausforderung für die SAP: Die alte Basis schwindet und Sie stehen jetzt auch in Konkurrenz zu Startups aus Palo Alto, die schnell mit neuen interessanten Lösungen auf den Markt kommen, und die Sie als SAP dann an verschiedenen Stellen auch obsolet machen.

Holz: Wir schätzen diese Spannungsverhältnisse aber auch. Weil immer wieder neue Marktbegleiter entstehen, die uns Impulse geben. Das ist für uns ein ständiger Ansporn, hier flexibel zu reagieren und auf die Trends mit unseren SAP-Lösungen Antworten zu geben.

Wir sind nicht immer mit jeder Anwendung der erste im Markt, aber die Kunden, die auf SAP-Architekturen setzen, können gewiss sein, dass die richtigen Themen bedient werden. Wenn ich sehe, dass wir allein in diesem Jahr Bereiche wie Blockchain, Machine Learning (ML) und Künstliche Intelligenz (KI) mit in unser Portfolio aufgenommen haben, dann sind das doch Trends, die ziemlich aktuell sind. Von der Cloud gar nicht zu sprechen - das machen wir schon seit vielen Jahren erfolgreich.

Daniel Holz, Managing Director von SAP Deutschland: "Wir sind nicht immer mit jeder Anwendung der Erste im Markt, aber die Kunden, die auf SAP-Architekturen setzen, können sicher sein, dass die richtigen Themen bedient werden."
Daniel Holz, Managing Director von SAP Deutschland: "Wir sind nicht immer mit jeder Anwendung der Erste im Markt, aber die Kunden, die auf SAP-Architekturen setzen, können sicher sein, dass die richtigen Themen bedient werden."
Foto: SAP

Aber ich gebe Ihnen vollkommen Recht. Es ist ein ständiger Wettbewerb, dem wir uns stellen müssen. Um auch weiterhin bestmögliche Angebote für unsere Kunden zur Verfügung zu stellen.

Frank: Die Relevanz der SAP sehe ich weiterhin in Back-Office-Projekten, die zugegebenermaßen in aller Regel nicht besonders innovativ sind. Gerade bei den neuen Themen ist es natürlich immer mit einem gewissen Risiko verbunden, wenn man auf ein Startup und eine neue Technologie setzt. Aber genau in diesen neuen Bereichen ist eben die Frage: Schafft es die SAP, eine eigene Option zu bieten und das Ganze gleichzeitig ein Stück weit in die eigene Landschaft zu assimilieren. Dadurch würde uns natürlich ein Stück weit das Risiko genommen. Und für SAP wäre es natürlich ein gutes Verkaufsargument: Wenn wir etwas nutzen können, für das wir nicht in erster Linie selbst das Risiko auf uns nehmen müssen, es auszuprobieren, weil es bereits vorgedacht und ausprobiert ist.

Holz: Das ist genau der Vorteil. Wir haben ja bereits über das Thema End-to-end-Geschäftsprozesse gesprochen. Nur wenn Prozesse durchgängig in einer integrierten Architektur umgesetzt sind, lassen sich auch die Geschwindigkeitsvorteile erzielen, die von Unternehmen wie Munich Re gefordert werden. Das ist wiederum ein Punkt, warum viele Kunden, die sich auch Best-of-Breed-Lösungen ansehen, am Angebot von SAP interessiert sind. Weil wir genau das gewährleisten.

Hype um Innovation weicht Realismus

Es geht also eigentlich um die Plattform, auf der ich Back-Office-Anwendungen betreiben, aber eben auch innovative Services anbinden kann, sei es von SAP oder von einem anderen Anbieter aus dem Ökosystem?

Frank: Das Thema Plattform gewinnt für uns laufend an Bedeutung. Aber auch da ist die richtige Strategie nicht immer einfach zu finden. Es gibt viele interessante Plattformen mit gewissen Teilausschnitten, die dort bedient werden. In Sachen Cloud zum Beispiel kommt man an Amazon und Microsoft sowieso nicht vorbei - der Zug ist abgefahren, denke ich.

Die Frage ist dann: Schafft man es auf SAP-Seite, dafür ein Angebot zu schnüren? Das war ein wenig das Problem in der Vergangenheit beziehungswiese der jüngeren Vergangenheit. Wir sehen immer wieder Angebote, die zwar eine gute Überschrift bedienen, ohne jedoch wirklich einen Mehrwert zu liefern. Wir haben uns oft genug mit Themen beschäftigt, weil die Überschrift gut war. Aber der entscheidende Aspekt für uns ist natürlich: Wie können wir das in Geschäftserfolg umwandeln.

Ich habe den Eindruck, dass der Hype rund um das Thema Innovation derzeit wieder etwas dem Realismus weicht, weil man zunehmend feststellt: Nicht alles, wofür man Geld ausgeben kann, hilft einem auch, Geld zu verdienen - auch wenn es sich gut anhört.

Was heißt das konkret auf die SAP gemünzt?

Frank: Für uns ist die Frage: Wo kann die SAP uns Lösungen bereitstellen, von mir aus auch auf Basis von Plattformen und Partnernetzwerken, und wo muss man realistisch sagen, dass der Wettlauf an dieser Stelle eigentlich vorbei ist, weil sich dort das Lösungs-Set eines anderen Anbieters etabliert hat. Schafft es SAP also, schnell genug umzuschalten - von "will ich auch haben" auf "mach ich halt woanders mit, weil es sich schon durchgesetzt hat".

Können Sie hier ein Beispiel beschreiben?

Frank (zögert): Ich will jetzt an dieser Stelle nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern (lacht). Sagen wir mal so: Beim Thema Big Data sind wir früh mit SAP HANA gestartet. Damals war es oft nicht viel mehr als ein Schlagwort. Egal welche Frage man an SAP hatte, die Antwort war immer: SAP HANA. Das hat sich dann im Laufe der Zeit konkretisiert und wir sind immer besser vorangekommen.

Wir haben auch gemeinsam mit Themen in der Cloud angefangen. Jetzt stellt sich heraus, zum Beispiel bei der HANA Enterprise Cloud: Es steht Cloud dran und wir fanden es auch gut, dass es Cloud ist. Im zweiten Schritt muss man aber schon genau darauf schauen, was wirklich drin ist und wofür man bezahlt. Da sehen wir momentan: Ja die SAP ist dabei, dieses Offering so zu schneiden, dass es allmählich Gestalt annimmt für etwas, das man langfristig nutzen kann. Doch Amazon hat an dieser Stelle - Microsoft ist noch ein bisschen hinterher - eine andere Professionalisierungstiefe.

Und wenn SAP jetzt mit Amazon und Microsoft in Sachen Cloud-Lösungen kooperiert, stellt sich aus meiner Sicht natürlich die Frage: Was ist das, was die SAP-Cloud an dieser Stelle als differenzierendes Merkmal ins Feld führen kann?

Gut, sie läuft in Deutschland. Und es gibt andere Kriterien. Aber das Thema ist letztlich eine Cloud-Lösung. Hier gilt es, weiter zu konkretisieren, ob es sich lohnt, selbst zu investieren und einen Unterschied zu machen. Man sollte sich aber auch fragen, an welcher Stelle man nicht etwas hinterherlaufen sollte, was sich längst am Markt etabliert hat. Das wäre so ein Beispiel, ohne tiefer in die Details einzusteigen. Ich weiß nicht wie Sie das sehen, das würde mich auch einmal interessieren.