Wenn IT auf Betriebswirtschaft trifft

Was Programmierer von Höhenkletterern lernen können

Manuel Marburger ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens muve GmbH.
Wenn IT auf Betriebswirtschaft trifft, geht es oft rau zu. Doch ein scharfer Ton und Misstrauen schaden dem Betriebsklima und letztlich der Firma. Dabei helfen eine Handvoll Kommunikationsregeln, um effektiver zusammenzuarbeiten. Lernen können Büroarbeiter dabei von Risikoberufen wie den Industriekletterern. Hier ein paar Tipps aus der Höhe.
Beim Klettern gibt es zwei Sicherungen - das reicht.
Beim Klettern gibt es zwei Sicherungen - das reicht.
Foto: Dudarev Mikhail - shutterstock.com

Wer schwebend in einer Höhe von bis zu 160 Metern arbeitet, muss Vertrauen haben - in seine Kollegen und vor allem in sich selbst. Das ist das Wichtigste. Ebenso zentral ist das Vertrauen in die Technik. Etwa, dass das Backup sicher ist. Beim Klettern gibt es hierfür Redundanzen, also zweite Sicherungen. Das reicht. Eine Nummer drei ist nicht notwendig. Diese Grundlage gilt auf allen Arbeitsebenen. In einem Projekt sollte der Programmierer dem Betriebswirt vertrauen. Er ist der Fachmann für finanzielle und ökonomische Aspekte, er ist darin so gut ausgebildet wie ein Softwareentwickler oder Ingenieur in seinem Fachgebiet. Dieser Umstand sollte natürlich der Realität entsprechen und erprobt sein. Ist einer der beiden Gesprächspartner unzuverlässig oder neu im Job, hilft auch die beste Ausbildung (erstmal) wenig.

Vertrauen und Wertschätzung

Fehlt Vertrauen oder hält eine Abteilung die andere für unzuverlässig oder inkompetent, hilft es, genau das ansprechen. Und zwar in einem wertschätzenden Tonfall. In der Luftfahrt gibt es Crewtrainings, die menschlichem Versagen vorbeugen sollen. Dabei geht es exakt um diese Art der Wertschätzung. Insbesondere, wenn jüngere und ältere oder hierarchisch auseinander stehende Kollegen miteinander arbeiten, hilft diese Kommunikationstechnik, die auch von Höhenkletterern angewandt wird.

Verständlich wird das an einem Beispiel: Ein junger Betriebswirt hat Bedenken wegen eines vermeintlich hohen Preises für eine Hardwarekomponente, die er beschaffen soll. Der Programmierer, ein erfahrener Ingenieur, ist überzeugt, dass sich der Preis lohnt. Denn aufgrund der besseren Ausstattung ist die Rechenleistung höher. Anstatt dem Betriebswirt über den Mund zu fahren: "Da fehlt dir die Erfahrung. Ich bin der Entwickler und ich sage dir, nicht der Preis ist entscheidend, sondern wie ich programmiere", geht er auf ihn ein. Gemeinsam besprechen sie die Möglichkeiten: "Wir können die günstigen Komponenten nicht nehmen, weil wir sonst zu langsam sind", sagt der IT-Mann. Aber das Sonderangebot ist unschlagbar günstig", entgegnet der Kaufmann. Sie diskutieren wenige Minuten. Schließlich fragt der Entwickler: "Was halten Sie für angemessen"? Sie einigen sich darauf, ein Muster der günstigen Komponente zu ordern und damit einen Probelauf zu machen. "Das ist prima", freute sich der Betriebswirt. Der Ingenieur hatte seine Bedenken ernst genommen. Er hat vermieden, eine gespannte Atmosphäre zu hinterlassen. Das Team funktioniert so, wie es soll, mit voller zwischenmenschlicher Leistung.

Kritik sachlich hören

Doch manchmal ist es so, dass Kollegen Angst haben, Bedenken gegenüber Vorgesetzten oder Älteren zu äußern. Es bedarf daher einer Sensibilisierung, vor allem bei den Chefs und den alten Hasen im Betrieb. Sie müssen lernen: Wer Kritik persönlich nimmt und impulsiv auf sie reagiert, raubt sich womöglich die Chance, effektiver und wettbewerbsfähiger arbeiten zu können. Das wäre dann nicht im Sinne des Unternehmens. Und es beschädigt den Nachwuchs, der ja heute wegen des Fachkräftemangels schneller "Tschüss" sagt, als noch vor Jahren.

Zwei weitere Aspekte, die in der Höhe lebensverlängernd sind, sind schnelle Reaktion und Flexibilität. Wenn ich an einem Windrad hänge und das Wetter plötzlich umschlägt, muss ich in Sekunden Entscheidungen treffen, um am Leben zu bleiben. Das impliziert zum einen, Veränderungen von außen akzeptieren und annehmen zu können. Zum anderen ist das Überleben in der Höhe vor allem einer guten Planung zu verdanken. Weitsicht ist in sämtlichen Arbeitsabläufen - auch im Büro - wichtig: Wie sehen Schnittstellen aus? Welche Konsequenz hat mein Handeln oder Nicht-Handeln auf Kollegen, die mir Zu- oder Nacharbeiten?

Konzentration und Weite

Hinzu kommt die Fähigkeit zur Konzentration. Ablenkung an der Fassade hängend, kann den Absturz bedeuten. Deshalb gibt es dort keine vibrierenden Handys, denn die stören nachweislich die Konzentration. Die Herausforderung ist, das auch auf langen Strecken zu leisten. Nicht nachlässig werden. Im Büro kann das bedeuten, Räume und Zeiten zu schaffen, die frei sind von E-Mail- oder Messanger-Diensten. Oder sogar das Telefon abstellen, wenn ich mich tief konzentrieren muss. Das gilt übrigens auch für Kreativprozesse, wie das Erfinden - wo es um das Gegenteil von Konzentration geht: um Weite, um einen offenen Geist. Das kann nicht gelingen, wenn ich mich ständig ablenken lasse.

Goldene Regeln aus der Luftfahrt und dem Höhenklettern

• klar - vermeide unpräzise Begriffe

• direkt - vermeide Andeutungen

• prägnant - sag nur, was für diese Botschaft nötig ist

• rechtzeitig - spreche es an, wenn es die Situation erfordert