Digitalisierung

Was man von der Softwarebranche lernen kann - und was nicht

Philipp Depiereux ist Gründer und Geschäftsführer von Digitalberatung und Startup-Schmiede etventure. In dieser Funktion begleitet er Konzerne und Mittelständler bei der digitalen Transformation, und baut selbst erfolgreich Startups auf. Er ist überzeugt: Die Digitalisierung erfasst alle Branchen. Wollen Unternehmen auch in Zukunft noch ein erfolgreiches Geschäftsmodell haben, müssen sie jetzt handeln.
Die Softwarebranche gilt als Vorbild in Sachen Digitalisierung, andere Unternehmen können viel von ihr lernen. Und dennoch liegen Theorie und Praxis weit auseinander.

Im digitalen Zeitalter, so heißt es, werden nur diejenigen wirklich erfolgreich sein können, die ihr Kerngeschäft auf Internet und Technologie stützen. Ein Blick auf die Liste der weltweit teuersten Unternehmen bestätigt diesen Eindruck. Die Top 5 liest sich wie ein Verzeichnis der bekanntesten Technologieriesen - Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook. Unter den teuersten zehn Unternehmen basieren sieben auf einem digitalen Geschäftsmodell. Auch der deutsche Spitzenreiter - der Softwareanbieter SAP - ist ein Tech-Urgestein und landet immerhin auf Platz 62.

Vor allem in punkto Agilität können Unternehmen von der Softwarebranche Einiges lernen
Vor allem in punkto Agilität können Unternehmen von der Softwarebranche Einiges lernen
Foto: everything possible - shutterstock.com

Muss ich jetzt auch zum Softwareanbieter werden?

Der Wettbewerb wird also schon heute von Software und Daten dominiert - mit steigender Tendenz. Viele Unternehmen stellen sich vor dem Hintergrund der digitalen Transformation deshalb die Frage, ob sie ebenfalls zum Softwareanbieter werden müssen, um langfristig bestehen zu können.

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Sicherlich, Unternehmen müssen in Zukunft immer mehr Produkte und Services anbieten, bei denen die Software-Komponente eine entscheidende Rolle spielt. Technologien wie Cloud Computing, Künstliche Intelligenz oder das Internet der Dinge werden bereits in fast allen Branchen eingesetzt. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Unternehmen ihr Kerngeschäft von Grund auf ändern müssen. Dennoch können sie von der Softwarebranche einiges lernen.

Mehr Innovation durch Agilität und Startup-Kultur

Gerade in Sachen Unternehmenskultur nimmt die Technologiebranche eine Vorreiterrolle ein. Vor allem US-amerikanische Internetriesen wie Apple, Google oder Facebook pflegen häufig eine Unternehmenskultur und agile Form der Zusammenarbeit, die sie nicht nur bei Arbeitnehmern beliebt macht, sondern langfristig zu wirtschaftlichem Erfolg führt.

Dynamische Prozesse, flache Hierarchien und schnelle Entscheidungswege sind hier auch dann noch Teil der Firmen-DNA, wenn das Unternehmen die Startup-Phase längst hinter sich gelassen hat. Die meisten Softwareunternehmen fördern Kreativität und Innovation und handeln dabei stets umsetzungsorientiert. Wer schon mal gescheitert ist, gilt nicht als Verlierer, sondern als mutig und erfahren - eine Denkweise, von der auch konservative, etablierte Unternehmen anderer Branchen profitieren können.

Und auch an den Methoden der Technologiebranche sollten sich andere Unternehmen orientieren, wenn sie ebenso innovativ und disruptiv handeln wollen. Design Thinking und Lean Startup etwa gehören vor allem im Silicon Valley zu vielfach erprobten Ansätzen und haben einstige Startups wie Dropbox oder LinkedIn groß gemacht.

Auch das Konzept der Agilität ist ursprünglich eine Erfindung der Softwareentwicklung und wurde erst im Nachhinein auf andere Unternehmensbereiche ausgedehnt. Agile Entwicklungsmethoden verfolgen den MVP-Gedanken: Sie fokussieren auf ein Minimum Viable Product mit nur wenigen Basisfunktionalitäten, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Kunden ausgerichtet sind. So können Projekte sofort und ohne Verzögerung starten.

Iterationen erfolgen dann gemeinsam mit den Kunden: Ihr Feedback fließt direkt in den weiteren Entwicklungsprozess mit ein und hilft dabei, das Produkt stetig zu optimieren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Agilität ist nutzerorientiert und hilft Unternehmen, sich kontinuierlich an veränderte Kunden- und Marktanforderungen anzupassen.

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Leonie Beck

Ich finde ebenfalls, dass sich Unternehmen bei der Digitalisierung nicht nur auf IT-Projekte beschränken sollten. Allerdings denke ich, dass viele Softwares (wie Online-Todolisten, Warenerfassungsprogramme oder Finanzsoftwares wie Bilendo) es vielen Firmen überhaupt erst ermöglichen, dass sie an andere Digitalisierungsprojekte außerhalb der IT-Abteilung denken können.

Immerhin ist einer der größten Vorteile, den die Digitalisierung für Unternehmen darstellen soll, der, dass "sich wiederholende" Prozesse einfach automatisiert werden können, damit sich der Mensch, der sich zuvor damit quälen musste, anderen Aufgaben widmen kann.

Sollten Digitalisierungsprojekte, die über die IT hinausgehen, dann nicht auf diesen aufbauen?

Sascha Thattil

Guter Beitrag, der hoffentlich hilft das "Mindset" in Unternehmen zum Thema Digitalisierung zu ändern.

Besonders der sogenannte Minimum Viable Product oder "Prototyp" Ansatz ist spanned.

Zu sehr wird von Anfang an für Komplexität geplant (wie bei dem Bundesagentur für Arbeit Projekt). Hier sollte man besonders John Gall's Law beachten: Zuerst einfache Systeme gestalten und dann langsam komplexer werden, nicht umgekehrt :)

"A complex system that works is invariably found to have evolved from a simple system that worked. The inverse proposition also appears to be true: A complex system designed from scratch never works and cannot be made to work. You have to start over, beginning with a working simple system."

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