Was ist ein Lean Startup?

04.07.2021
Von 
Bastian Seebacher ist freier Mitarbeiter der Redaktionen CIO und COMPUTERWOCHE.
Die Lean-Startup-Methode basiert auf dem Lean-Manufacturing-Prinzip und zielt darauf ab, Unternehmen und Produkte schnell und risikolos zu entwickeln.
Startup ist nicht gleich Startup - man unterscheidet beispielsweise zwischen Branchen, verschiedenen Reifegraden und unterschiedlichen Gründungskonzepten.
Startup ist nicht gleich Startup - man unterscheidet beispielsweise zwischen Branchen, verschiedenen Reifegraden und unterschiedlichen Gründungskonzepten.
Foto: mavo - shutterstock.com

Junge Tech-Unternehmen durchlaufen in der Regel verschiedene Entwicklungsstadien von der Orientierungsphase (im Fachjargon "Pre-Seed" genannt) über die Planungsphase ("Seed") bis hin zur eigentlichen Gründung ("Startup"). Zudem gibt es grundlegend unterschiedliche Konzepte und Methoden, mit denen Startups ins Leben gerufen werden. Wer besonders schnell und effizient gründen will, für den eignet sich die Lean-Startup-Methode.

Lean Startup - Definition

Die Lean-Startup-Methode dient der Entwicklung von Unternehmens- beziehungsweise Produktideen. Ziel ist es, gemäß der Design-Thinking-Methode, ein Minimum Viable Product (MVP) - also ein Produkt, welches immer noch entwickelt wird - mit möglichst geringem Zeitaufwand und niedrigen Kosten auf den Markt zu bringen.

Perfektion spielt bei dieser Methode keine Rolle, da das Motto lautet: "learning by doing". Essenzieller Bestandteil dieser Vorgehensweise ist der ständige Austausch mit potenziellen Kunden und deren Feedback. Nach der Analyse der Kundenrückmeldungen wird anschließend weiter am Produkt gearbeitet, um es so stetig zu verbessern. Diesen Prozess nennt man auch "Build, Measure and Learn".

Entwickelt wurde die Methode des Lean Startup vom Entrepreneur und Autor Eric Ries. 2008 erwähnte er sie erstmals in seinem Blog "Startup lessons learned". Drei Jahre später veröffentlichte er sein Buch "The Lean Startup", in dem er die Grundlagen der Methode erläutert. Seit Ries seine Methode 2011 mit Unternehmern weltweit teilte, sind viele neue und erfolgreiche Startup-Unternehmen auf der Grundlage seiner Ideen entstanden wie zum Beispiel Dropbox.

Lean-Startup-Methode - Vorreiter

Obwohl Android schon Jahre vor der von Ries propagierten Lean-Startup-Methode entwickelt wurde, setzten auch ihre Erfinder - die Softwareentwickler Andy Rubin, Nick Sears und Rich Miner - auf "schlanke" Prozesse. Ursprünglich war das heutige Betriebssystem als Softwarelösung für Digitalkameras angedacht. Doch die Entwickler erkannten schnell, dass dieser Markt nicht groß genug war, um erfolgreich zu sein.

Nach weiterer Analyse entschloss sich das Team, seine Strategie zu ändern und seinen Fokus auf die schnell wachsende Smartphone-Technologie zu legen. Dieser Vorgang des schnellen Strategiewechsels wird in der modernen Lean-Startup-Methode auch "Pivoting" genannt. Letztendlich entstand so das heute weltweit bekannte Betriebssystem, das 2005 für 50 Millionen Dollar an Google verkauft wurde.

Lean Startup-Unternehmen - Erfolgsbeispiele

Dropbox

Zu den bekanntesten Beispielen für Lean Startups gehört der File-Hosting-Dienst Dropbox, auf welchem täglich mehr als 300 Millionen Daten gespeichert werden. Die Idee zum Online-Speicher kam Drew Houston, einem der beiden Gründer, nachdem er Ende 2006 immer wieder seinen USB-Stick zuhause vergessen und damit keinen Zugriff auf seine Dateien hatte. Zunächst suchte der damalige MIT-Student nur für eine private Lösung, doch realisierte schnell, dass er deutlich mehr Menschen helfen könnte. Houston präsentierte nach nur zwei Wochen sein MVP über YouTube und machte so auf sich aufmerksam. Noch im Gründungsjahr wurden sie von Sequoia Capitals, einer großen Risikokapital-Beteiligungsgesellschaft, finanziert.

Airbnb

Die inzwischen weltweit bekannte Vermietungsplattform Airbnb bietet über zwei Millionen Unterkünfte in über 190 Ländern an. Dieser Erfolg beruht allerdings zu großen Teilen auf einer, für das Jahr 2007 innovativen, aber gewagten Idee sowie Elementen der heutigen Lean-Startup-Methode. Fremde Personen im eigenen Bett schlafen zu lassen - damals noch unvorstellbar. Jedoch erkannten ein paar junge Studenten aus San Francisco die Möglichkeit, aus den eigenen vier Wänden Geld zu machen.

Ihre Idee und somit auch ihr erstes MVP veröffentlichten sie auf ihrer Website und erhielten schnelle Rückmeldung von Kunden. Nach zwei Jahren Kundenakquise und der Suche nach einer Finanzierung wurde auch Airbnb von Sequoia Capitals mit 600.000 Dollar unterstützt. Das ehemalige Startup wuchs so zu einem börsennotierten Unternehmen mit einem Wert von über 100 Milliarden Dollar.

Zappos

"Learning by doing", diesen Ansatz verfolgte schon Nick Swinmurn, Gründer des heute größten Schuhgeschäfts der Welt. Bereits 1999 stellte sich Swinmurn die Frage, ob ein Online-Schuhgeschäft auf dem Markt bestehen könnte und genug Kunden generieren würde. Anstatt eine aufwändige und kostenintensive Marktforschung zu betreiben, entschloss sich der Gründer, ein MVP zu veröffentlichen.

Auf seiner Webseite postete Swinmurn Bilder von Schuhen, welche er in einem Geschäft in der Nähe fotografiert hatte. Wenn ein Kunde Interesse an einem der Schuhe zeigte, ging er in den Laden, kaufte und versendete das Paar an den Kunden. Das Interesse stieg, und noch innerhalb eines Jahres führte Swinmurn eine kostenlose Rückgabe ein. Knapp zehn Jahre nach Gründung des Unternehmens übernahm Amazon für 850 Millionen Dollar das Schuhgeschäft, welches heute auch Klamotten und Accessoires verkauft.

Lean Startup in der Corporate-Welt - Beispiel General Electrics

Nicht nur junge Gründer nutzen die Lean-Startup-Methode, sondern auch etablierte Großkonzerne sind auf das Prinzip aufmerksam geworden und setzen es für die Entwicklung von neuen Produkten und Services ein. Ein prominentes Beispiel für die gewinnbringende Nutzung der Lean-Startup-Methode ist General Electrics.

Auf den Grundlagen der Methode entwickelte der Traditionskonzern GE Anfang 2013 das unternehmenseigene Lean Startup-Programm "FastWorks", welches im Laufe der Zeit über alle Abteilungen ausgerollt wurde. Mit der Lean-Methode konnte der Konzern betriebsinterne Iterationszyklen auf ein statt fünf Jahre verkürzen, um so einen zeitlichen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu haben.

Chip Blankenship, damals CEO von GE Appliances beschrieb das Programm seinen Mitarbeitern folgendermaßen: "Ihr werdet nicht viel Geld haben. Das Team wird sehr klein sein. Es wird innerhalb von drei Monaten einen Prototyp geben. In elf bis zwölf Monaten werdet ihr ein voll funktionsfähiges Produkt entwickeln."

Und so geschah es. Als erstes Produkt versuchte sich das Team an einem Kühlschrank mit "französischen Türen" (Türen die von der Mitte nach außen geöffnet werden) für GEs Premium-Produktlinie "Monogram". Anfang 2013 wurde den Kunden das erste MVP vorgeführt. Wie zu erwarten, gab es einige Details wie Farbe oder Innenbeleuchtung, die den Kunden nicht gefielen. GE reagierte schnell: Bis August 2013 wurden fünf Versionen des Produkts entwickelt. Ab der sechsten Version wurden die Kundenrezessionen immer besser, so dass 75 Kühlschränke nach zwölf Monaten Entwicklung produziert wurden.

Auch wenn es anfangs eine extreme Umstellung für die Ingenieure war, keine perfekten Produkte zu entwickeln, kann GE so jedes Jahr mit großer Schnelligkeit neue Produkte entwerfen, die den Geschmack der Kunden treffen. (kf)