Innovation durch Kollaboration

Was Banken von Google und Amazon lernen können

31.10.2018
Von   IDG ExpertenNetzwerk


Als Chief Marketing Officer (CMO) ist Martin Häring für das weltweite Marketing des Finanz-Softwareherstellers Finastra verantwortlich. Martin Häring kam im Oktober 2013 zu Finastra (ehemals Misys). Er bringt mehr als 25 Jahre an Marketing- und Managementerfahrung mit, die er zuvor in Führungspositionen bei international agierenden Technologieunternehmen erworben hat.
In Zeiten von Open Banking, Fintechs und Regulierungen wie PSD2 müssen Banken ihre Geschäftsmodelle kritisch hinterfragen. Die Plattformökonomie kann es ihnen ermöglichen, wettbewerbsfähig zu bleiben.
Dieser Bankkunde kann bald zum Auslaufmodell werden. Immer mehr setzen auf Kontakt via Internet statt Telefon.
Dieser Bankkunde kann bald zum Auslaufmodell werden. Immer mehr setzen auf Kontakt via Internet statt Telefon.
Foto: pathdoc - shutterstock.com

Globale Player wie das GAFA-Quartett aus Google, Apple, Facebook und Amazon haben es vorgemacht: Sie bieten auf digitalen Plattformen innovative Produkte und Dienstleistungen an und bringen Käufer und Verkäufer bedarfsgerecht zusammen. Leistungen, Features und Preise lassen sich transparent vergleichen, und über App-Stores können die dazu gehörenden Anwendungen schnell und einfach installiert werden. Ein weiterer wichtiger Vorteil: Die Marktakteure müssen keine eigene IT-Infrastruktur aufbauen, vorhalten und verwalten, da sie einfach auf eine bestehende, technisch ausgereifte und auf Kollaboration ausgerichtete Technologieplattform zurückgreifen können.

Diese Plattformökonomie und die damit verbundene App-Economy finden im B2B-Bereich zunehmend Verbreitung. So wird der Plattformansatz auh im Bankensektor immer wichtiger. Die zugrundeliegenden Prinzipien können es den Finanzinstituten ermöglichen, neue Funktionen einzuführen und zahlreiche Elemente ihrer Kundenbeziehungen zu überarbeiten.

Der Finanzsektor durchläuft aktuell den größten Paradigmenwechsel der vergangenen Jahrzehnte: Open Banking und Regulierungen wie die EU-Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 zwingen Banken dazu, Drittanbietern wie Fintechs Zugang zu ihrer IT mitsamt ihren Anwendungen und Kundendaten zu gewähren. Die agilen Fintechs bringen neue Ideen für Produkte und Geschäftsmodelle in den Markt ein, die oftmals näher am Bankkunden sind. Traditionelle Finanzinstitute müssen sich erst von ihren über Jahre gewachsenen Strukturen und Legacy-Systemen befreien, um ebenso agil und flexibel zu werden. Konnten sie sich früher noch auf ihre Stammkundschaft und ihre etablierte Marke verlassen, wird ihnen dies im Zeitalter der Digitalisierung immer seltener gelingen.

Open Banking in der Praxis

Eine aktuelle Untersuchung von Capgemini zeigt: Die meisten Banken haben diese Herausforderung bereits erkannt und verstanden, dass ihnen Kollaboration auf lange Sicht besser weiterhilft als Abschottung und Beharren auf dem Althergebrachten: Mehr als 91 Prozent aller von Capgemini befragten Finanzinstitute gehen davon aus, dass sie künftig mit Fintechs zusammenarbeiten werden. Das Plattformkonzept liegt als Basis für diese Kollaboration weit vorn. So hat auch der Branchenkompass Banking 2018 von F.A.Z. und Sopra Steria ergeben, dass Plattformen von Banken als das zentrale Geschäftsmodell der Zukunft angesehen werden. Nur sieben Prozent der befragten Finanzinstitute gaben an, dass in ihrer Bank keine Plattformstrategie existiert.

Doch wie können Banken diesen Plattformansatz effizient und effektiv umsetzen? Der Schlüssel liegt in smarten, standardisierten Entwickler-Ökosystemen, die offen konzipiert sind und die zugrundliegende IT-Infrastruktur auch anderen Nutzern zugänglich machen. Dadurch können neben Banken und Fintechs auch andere Akteure wie Systemhäuser, Beratungsunternehmen oder Hochschulen an der Plattform teilnehmen, die wichtige Impulse für Innovationen und Ideen beisteuern können. Die folgenden fünf Kriterien sind wichtige Punkte bei der Konzeption einer leistungsstarken und erfolgreichen Bankenplattform:

  1. Einfache Integration durch offene Schnittstellen (APIs):Offene Schnittstellen sorgen dafür, dass unterschiedliche Programme, Systeme oder Software-Anwendungen miteinander kommunizieren können. Sie sind dadurch der effektivste Weg, um neu entwickelte Lösungen und Apps schnell und einfach in bestehende Bankumgebungen zu integrieren. Selbst über Jahre gewachsene Legacy-Umgebungen lassen sich dank offener APIs modernisieren und attraktiver für Kunden und Nutzer gestalten.

  2. Low-Code-Entwicklungsumgebung: Durch den Low-Code-Ansatz lassen sich Applikationen schneller erstellen. Dabei muss deutlich weniger Quellcode neu geschrieben werden als bei den bisher verbreiteten Software-Entwicklungsmethoden. Sowohl die Benutzeroberfläche als auch Datenmodelle und Businesslogik werden mit visuellen Designtools erstellt – bei Bedarf erweiterbar um handgeschriebenen Code. Die Applikationen können auf Knopfdruck eingesetzt werden, sodass auch der Aufwand sowie die Investitionen für Setup, Training und Deployment sinken. Das Marktforschungsunternehmen Markets und Markets prognostiziert daher dem Markt für Low-Code-Plattformen ein Wachstum von 4,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 auf über 27 Miliarden Dollar im Jahr 2010.

  3. Zugang zu neuen Anwendungen über einen App-Store: Ohne App-Stores wären iOS- und Android-Smartphones vermutlich nicht so erfolgreich geworden. Die App-Marktplätze machen Anwendungen sofort den Nutzern zugänglich, ohne großen Installations- und Implementierungsaufwand. Das Prinzip ist sehr gut auf die Anforderungen im Bankensektor übertragbar. Zudem ist der Umgang mit App-Stores aus dem B2C-Umfeld bereits bekannt und gelernt.

  4. Cloud statt eigenes Rechenzentrum: Unabhängig davon, ob sich die bestehende IT einer Bank im eigenen Rechenzentrum oder bei einem Serviceprovider befindet, sollte die Infastruktur für Bankenplattformen flexibel erweiterbar und skalierbar sein. Cloud-Lösungen sind nur dann dafür geeignet, wenn sie sich an die bestehenden Kernbankensysteme ankoppeln lassen. Der Übergang sollte dabei möglichst nahtlos verlaufen, ohne dabei etablierte Kernbankenanwendungen oder digitale Kundenkanäle von Grund auf auszutauschen. Dieser Prozess wird unter anderem auch von Institutionen wie der deutschen Finanzaufsicht (Bafin) unterstützt, welche die Nutzung von Cloud-Lösungen durch entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen fördert.

  5. Einheitliche Standards und Einhaltung von Compliance-Vorgaben: Die auf der Plattform entwickelten Apps müssen allen deutschen und europäischen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen gerecht werden. Ebenso ist die Wahl des richtigen Cloud-Modells und Technologie-Partners entscheidend. Globale Präsenz, jahrzehntelange Expertise im Bankenumfeld und moderne, skalierbare Software sind die Voraussetzungen für langfristigen Betrieb und eine stabile Plattform.

Schritte auf dem Weg zur Bankenplattform

Bevor Banken den Schritt auf die Plattform gehen, sollten sie ihre IT-Legacy-Systeme entsprechend fit machen. Dabei müssen unterschiedliche Anforderungen berücksichtigt werden:
So sind Kunden- und Produktdaten meist in unterschiedlichen Systemen an diversen Standorten gespeichert. Diese Datensilos sind oftmals die größte Herausforderung bei der Modernisierung von Banken-Infrastruktur, und Banken benötigen hierfür eine intelligente Strategie.

Lesetipp: Warum Banken sich für das IoT öffnen müssen

Des Weiteren sind alte und neue IT-Systeme meist mit unterschiedlichen Zielsetzungen entwickelt worden. Während die Alt-IT bei Banken meist um neue Produkte herum entstanden ist, haben neue Systeme heute insbesondere den Kunden und seine Nutzererfahrung im Blick. Intuitive Benutzeroberflächen, die nach dem Vorbild von Consumer-Anwendungen in den Finanzsektor übernommen werden, sind hierfür ein gutes Beispiel.

Gleichzeitig wollen Kunden heute möglichst schnell und einfach über viele verschiedene Kanäle auf ihre Finanzdaten zugreifen, wobei jederzeit aber auch die Einhaltung strenger Datenschutzvorgaben gewährleistet sein muss. Legacy-Systemen liegen für die dafür notwendigen Datenbewegungen andere Strukturen zugrunde als modernen cloudbasierten Lösungen. Offene Schnittstellen, die mit Legacy-IT kompatibel sind, können ein erster Schritt bei dieser Entwicklung sein.