Faszination IT-Beruf

Warum Frauen ihren IT-Job lieben

Lisa Mitschak arbeitet als Journalistin in München.
Ein Job in der IT? Als Frau? Wirklich? Solche Reaktionen sind nicht selten, wenn Frauen sich für einen Beruf in der IT entscheiden. Drei Frauen in unterschiedlichen Berufsrollen erzählen, wie ihr Weg in die IT verlief, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hatten und was dran ist an der "Männerdomäne IT".
  • Die IT ist immer noch sehr stark von Männern dominiert.
  • Eltern sollten ihren Kindern die klassischen Rollenbilder nicht mehr so vorleben, wie es früher getan wurde.
  • Arbeitgeber sollten Frauen mit Programmen speziell auf ihrem IT-Karriereweg unterstützen.

Frauen spielen in der IT immer noch eine sehr untergeordnete Rolle. Aber die Anzeichen, dass diese Männerdomäne bröckelt, wenn auch langsam, verdichten sich. Folgende drei Beispiele zeigen, dass auch Frauen in der IT ihre berufliche Passion finden und sich behaupten können, leider oft noch gegen Widerstände.

Immer mehr Frauen finden an IT-Berufen Spaß und werden zu unverzichtbaren Mitarbeiterinnen.
Immer mehr Frauen finden an IT-Berufen Spaß und werden zu unverzichtbaren Mitarbeiterinnen.
Foto: nd3000 - shutterstock.com

Die Geradlinige

Jessica Kaufmann hat sich schon immer für Informatik interessiert. Eine Schlüsselrolle auf ihrem beruflichen Weg in die IT spielten ihre Eltern: "Mein großes Glück war, dass meine Eltern nie einen Unterschied zwischen mir und meinem Bruder gemacht haben. Sie bestätigten mich in allem, was ich tat." Als einzige Schülerin nahm sie so bereits zu Schulzeiten Informatikunterricht und besuchte nebenbei Informatikvorlesungen an der Uni: "Für mich stand schon früh fest, dass ich Informatik studieren möchte. Alternativen gab es eigentlich nie."

Doch nicht jeder auf ihrem Lebensweg sah ihre Berufswahl als so selbstverständlich an: Männliche Mitschüler und Lehrer rieten ihr zu einem praxisnäheren Studium. "Das hat mich schon geärgert, weil ich das Gefühl hatte, man traue mir ein anspruchsvolles Studium nicht zu." Doch Kaufmann ließ sich nicht beirren und ging ihren Weg. Seit sechs Jahren arbeitet sie in der IT, inzwischen als Senior Data Scientist bei Celonis, einem auf Software zur Big-Data-Analyse spezialisierten Unternehmen.

In dieser Position ist sie dafür verantwortlich, bestehende Prozesse der Kunden an die Software von Celonis anzubinden. Dazu gehören zunächst eine Bewertung der Prozesse, eine entsprechende Modellierung und schließlich das Rollout. "Mit den Kunden Details zu besprechen und an einer technischen Lösung für immer neue Prozesse zu arbeiten - das fasziniert mich", so Kaufmann über ihren Arbeitsalltag.

Jessica Kaufmann: "Eltern sollten ihren Töchtern zu verstehen geben, dass es völlig normal ist, sich für Technik zu interessieren."
Jessica Kaufmann: "Eltern sollten ihren Töchtern zu verstehen geben, dass es völlig normal ist, sich für Technik zu interessieren."
Foto: Kaufmann - Celonis

Als größtes Hindernis für Frauen, in IT-Berufe einzusteigen, sieht sie die fehlenden weiblichen Vorbilder. Sich in einer Gruppe nur mit Männern zu bewegen, stelle, so Kaufmann, für viele sicher eine Hemmschwelle dar. Wäre das Verhältnis ausgeglichener, würden bestimmt auch mehr Frauen einen Beruf in der IT ergreifen.

Die Verantwortung für dieses noch immer bestehende Missverhältnis liegt ihrer Meinung nach weniger bei den Unternehmen als vielmehr im privaten Umfeld junger Frauen: "Das Grundproblem setzt bereits in der Kindheit ein. Eltern sollten ihren Töchtern zu verstehen geben, dass es völlig normal ist, sich für Technik zu interessieren - und die klassischen Rollenbilder nicht mehr so vorleben, wie das früher getan wurde."

Für Kaufmann ist die Diskussion um Frauen in der IT und die Frauenquote bislang sehr negativ behaftet. Ihrer Meinung nach sollte nicht emotional, sondern sachlich über diese Themen diskutiert werden, denn: Es brauche mehr weibliche Vorbilder und grundsätzlich mehr Frauen in Führungspositionen. Sie selbst fühlt sich inzwischen sehr wohl. Bei Celonis sind etwa ein Drittel der Beschäftigten im Bereich Data Science weiblich. Im Vergleich zu anderen IT-Unternehmen ist diese Quote recht hoch: "Ich habe mich nie als ‚Exotin‘ gefühlt, seit ich bei Celonis bin."

Die Quereinsteigerin

Ein erfolgreicher Weg in die IT führt manchmal auch über Umwege. Edith Muresan studierte Chemie und arbeitete zunächst acht Jahre lang in der Petrochemie. Doch sie wollte etwas Neues entdecken und ergriff die Chance, an einem Lehrgang für Organisationsprogrammierer teilzunehmen. Nach mehreren Zwischenstationen entschied sie sich vor 23 Jahren für CA Technologies, eines der größten IT-Unternehmen weltweit.

Edith Muresan: "Die IT ist immer noch sehr stark von Männern dominiert. Man muss als Frau besser sein als ein Mann, um gehört zu werden. Und das kann sehr anstrengend sein."
Edith Muresan: "Die IT ist immer noch sehr stark von Männern dominiert. Man muss als Frau besser sein als ein Mann, um gehört zu werden. Und das kann sehr anstrengend sein."
Foto: Muresan - CA Technologies

In ihrer Rolle als Business Technology Architect betreut sie große Telco-Kunden und fühlt sich beruflich angekommen: "Jeder Schritt in meinem Lebenslauf war eine Bestätigung, dass die IT mir Freude macht und das Richtige für mich ist." Auf ihrem Weg bekam sie Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld. Sie habe Zustimmung und Bewunderung von Freunden und der Familie erhalten, wofür sie sehr dankbar sei, erinnert sich Muresan.

Dennoch empfand sie ihren Karriereweg im Vergleich zu männlichen Kollegen als schwerer: "Die IT ist immer noch sehr stark von Männern dominiert. Man muss als Frau besser sein als ein Mann, um gehört zu werden. Und das kann sehr anstrengend sein." In ihrer Abteilung arbeiten insgesamt 20 Mitarbeiter - davon sind gerade einmal drei Frauen. CA Technologies hat sich dieses Ungleichgewichts bereits angenommen: Unter dem Slogan "Create Tomorrow" wirbt das Unternehmen dafür, Nachwuchstalenten - allen voran Frauen - durch verschiedene Initiativen den Einstieg in die IT zu erleichtern.

Muresan selbst engagiert sich im Rahmen der Initiative "Deploy Your Talents", bei der CA Technologies mit Schulen zusammenarbeitet, um Schülern schon früh Einblicke in die IT zu geben: "Die Schüler haben die Möglichkeit, einen Tag bei uns zu verbringen und sich ein eigenes Bild zu machen."

Für Muresan liegt der Schlüssel zum Erfolg in einer Kombination aus Zuspruch von privatem und beruflichem Umfeld. Um motivierte Mädchen und Frauen für einen Beruf in der IT zu gewinnen, sollten Arbeitgeber vor allem eine positive Kultur pflegen. Gleichberechtigung, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und gerechte Bezahlung sollten selbstverständlich sein, meint sie und freut sich über erste Fortschritte in dieser Hinsicht.

Die Kämpferin

Einen zielstrebigen und selbstbewussten, wenn auch anstrengenden Weg hat auch Marina Krotofil in die IT zurückgelegt. Den ersten Schritt in diese Richtung ging sie bereits in der Kindheit: "Zu Hause in der Ukraine hatte die Schule, die am nächsten zum Haus meiner Eltern war, einen Schwerpunkt auf Mathematik, Physik und Informatik. Es war die einzige Schule in der Stadt, die über Computer verfügte, und auch die beste. Einen Platz dort zu bekommen, war schwer."

Ihre Eltern motivierten sie, das Beste aus sich herauszuholen, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Krotofil bestand und schloss die Schule mit Auszeichnung ab. Nach dem Studium begann sie ihre Karriere als Telekommunikationsingenieurin und gründete ein kleines IT-Unternehmen mit Schwerpunkt Netztechnik und Security. Zwei Jahre später zog sie nach Deutschland, um internationaler arbeiten zu können.

Marina Krotofil: "Viele Frauen sind nicht durchsetzungsfähig genug, wenn es darum geht, Gleichbehandlung, Beförderungen und Gehaltserhöhungen einzufordern. Ich musste diese besondere Art von Soft Skills beherrschen."
Marina Krotofil: "Viele Frauen sind nicht durchsetzungsfähig genug, wenn es darum geht, Gleichbehandlung, Beförderungen und Gehaltserhöhungen einzufordern. Ich musste diese besondere Art von Soft Skills beherrschen."
Foto: Krotofil - FireEye

Wie stark ihr Herz für die IT schlägt, merkte Krotofil allerdings erst in einem Bewerbungsgespräch: "Ich war immer gut in IT, habe meine Leidenschaft dafür aber nicht wirklich erkannt. Bis ich mich um eine Stelle als Unternehmensberaterin beworben habe." Nicht jeder aus ihrem Umfeld hatte Verständnis für ihre Berufswahl, doch ihr Wille und Kampfgeist überzeugte, auch wenn es einige Jahre kostete: "Es dauerte ein Jahrzehnt, bis mein Umfeld das akzeptierte. Jetzt habe ich die volle Unterstützung meiner Freunde und Familie."

Auch im beruflichen Kontext hatte sie oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Zu Beginn blieben ihr trotz besserer Qualifikationen Beförderungen verwehrt: "Ich glaube, das hing damit zusammen, dass die Vorgesetzten dachten, ich würde bald Kinder bekommen. Daraus habe ich gelernt, dass ich viel besser sein muss als männliche Kollegen, um die gleichen Chancen zu erhalten."

Allen negativen Erfahrungen zum Trotz blieb Krotofil sich treu. Inzwischen hat sie all das hinter sich gelassen und mit Cybersecurity ihre berufliche Passion gefunden. Sie arbeitet als Prinicpal Security Analyst und Subject Matter Expert mit Spezialisierung auf Critical Infrastructures Security beim Sicherheitsspezialisten FireEye. Hier ist sie verantwortlich für die Erstellung von Security Intelligence für Unternehmen, die im Bereich kritischer Infrastrukturen aktiv sind.

"Mich fasziniert besonders die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Vergangenes Jahr arbeitete ich an der Aufklärung von Crash Override und TRITON mit - zwei Hacks, die als die schlimmsten des Jahres bezeichnet wurden. Meine Rolle dabei war die Analyse von Malware, die auf industrielle Steuerungssysteme abzielt", berichtet Krotofil begeistert über ihre tägliche Arbeit.

Nach einigen negativen beruflichen Erfahrungen ist sie jetzt froh, ein Arbeitsumfeld gefunden zu haben, in dem sie sich wohlfühlt. Ihr Arbeitgeber sei bemüht, Frauen zu unterstützen. Das Unternehmen schaffe ein Umfeld, in dem Probleme, wie sie sie erlebt habe, keinen Platz hätten. Das schlage sich auch positiv auf der Zahl weiblicher Kollegen nieder.

Für andere Frauen hat sie vor allem einen Tipp: selbstbewusst sein. Nicht nur, wenn es sich um Eigenverantwortung für ein Projekt handle. "Viele Frauen sind nicht durchsetzungsfähig genug, wenn es darum geht, Gleichbehandlung, Beförderungen und Gehaltserhöhungen einzufordern. Ich musste diese besondere Art von Soft Skills beherrschen." Doch sie sieht gleichzeitig auch ein Problem: die negative Wahrnehmung der anderen, wenn sie diese Soft Skills einsetzt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für sie in einem allgemeinen Umdenken, was Frauen in der IT betrifft. Und die Frauen brauchen Mentoren, die sie auf ihrem Weg unterstützen.