Inklusion als Chance begreifen

Warum ein Hamburger IT-Unternehmen auf Menschen mit Behinderung setzt

01.12.2017
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Für die Hamburger Akquinet AG ist Inklusion ein fester Bestandteil ihrer Unternehmenskultur. Ihre Rechenzentren betreibt sie seit vielen Jahren als Integrationsbetriebe. Nun startet das Unternehmen eine Inklusions-Kampagne in Hamburg.
  • Vor 14 Jahren baute Akquinet das erste deutsche Integrations-Rechenzentrum
  • Knapp zehn Prozent der Beschäftigten im gesamten Unternehmen haben eine Behinderung
  • 2016 wurde Rükiye Ray als Integrationsbeauftragte eingestellt, um die Interessen der Mitarbeiter mit Behinderung zu vertreten

Vor 14 Jahren ging alles los: Die akquinet AG baute gemeinsam mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf das erste deutsche Integrations-Rechenzentrum. Inzwischen betreibt akquinet vier solcher Rechenzentren, in denen mindestens 40 Prozent der Mitarbeiter eine Behinderung oder Einschränkung haben. Dies können Sehbehinderungen beziehungsweise Blindheit, Folgeschäden einer Krebserkrankung, Multiple Sklerose und andere körperliche oder psychische Einschränkungen sein.

Die akquinet AG versteht Inklusion ganzheitlich und hat zu diesem Zweck die Stelle der Integrationsbeauftragten geschaffen, die die Interessen der Mitarbeiter mit Behinderung vertreten soll.
Die akquinet AG versteht Inklusion ganzheitlich und hat zu diesem Zweck die Stelle der Integrationsbeauftragten geschaffen, die die Interessen der Mitarbeiter mit Behinderung vertreten soll.
Foto: wavebreakmedia - shutterstock.com

Die Mitarbeiter arbeiten als Entwickler, Administratoren, im Werkschutz oder im Helpdesk. Kunden wie der behördliche IT-Dienstleister Dataport, das Autohaus Ernst Dello, die Drägerwerk AG oder das KFH bewerten die Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Rechenzentren als sehr positiv. Das gute Betriebsklima und auch der wirtschaftliche Erfolg der innerhalb einer gemeinnützigen GmbH geführten, integrativen Rechenzentren führten dazu, dass die akquinet AG das Modell immer mehr zur Firmenphilosophie machte.

Knapp 10 Prozent der Mitarbeiter haben eine Behinderung

Auch in der Firmenzentrale wurden zunehmend Mitarbeiter mit Behinderung in der Verwaltung und im Rechnungswesen beschäftigt. Mittlerweile haben knapp zehn Prozent der Beschäftigten im gesamten Unternehmen eine Behinderung. Nach dem Wunsch des Unternehmens könnten es noch mehr sein. Daneben kamen weitere "Inklusions-Bausteine" hinzu: Akquinet bezieht beispielsweise konsequent Angebote verschiedener integrativ betriebener Werkstätten der Stiftung Alsterdorf wie Druckmaterialien oder Weihnachtsgeschenke. Das Unternehmen fördert auch einen Rollstuhlbasketballverein.

Vielfalt nutzen

14 Jahre sind eine lange Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und dazuzulernen: Wie gelingt Inklusion tatsächlich? Profitieren wirklich alle davon? Trotz der Überzeugung, die Inklusion voranzutreiben, gab es auch Situationen, in denen sich die Mitarbeiter mit Handicap im Unternehmen nicht angemessen repräsentiert fühlten. Bei der Planung interner Veranstaltungen wurden ihre Einschränkungen beispielsweise nicht ausreichend berücksichtigt. "Wir haben erkannt, dass wir eine Position schaffen mussten, über die die Interessen der Mitarbeiter mit Behinderung vertreten werden und die unsere Inklusion-Bestrebungen steuert und vorantreibt", sagt Thomas Tauer, Vorstandsmitglied der akquinet AG.

Inklusion täglich leben

Daher hat akquinet die Position der Integrationsbeauftragten geschaffen und 2016 Rükiye Ray eingestellt. Ihr Aufgabenspektrum reicht von Erstgesprächen mit Bewerbern vor und während der Einstellung, Hilfe bei Anträgen und bei der Wohnungssuche, über die Beschaffung technischer Hilfsmittel bis zu Behördengängen. Als Rollstuhlfahrerin hat sie selbst in unterschiedlichsten Positionen Erfahrungen gesammelt: "Inklusion muss man täglich miteinander üben. Das hat viel mit gegenseitiger Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu tun. Man muss miteinander im Kontakt sein. Aber wenn die Bereitschaft aller dazu da ist, kann ein Unternehmen hier unglaublich profitieren."

Davor scheinen viele Hamburger Unternehmen zurückzuschrecken. Die meisten zahlen lieber die gesetzlich festgelegte Ausgleichsabgabe, als vakante Stellen durch Menschen mit einer Behinderung zu besetzen. Ende 2016 hätten die Hamburger Unternehmen 31.000 Stellen für Menschen mit Behinderung zur Verfügung stellen müssen. Doch 11.000 Stellen waren unbesetzt. Sönke Fock, Chef der Arbeitsagentur Hamburg, kommentiert die Zahlen: "Angesichts des Fachkräftemangels ist das unverständlich. Wenn die Faktoren Alter (ab 50) und Behinderung zusammenkommen, ist es besonders schwierig, eine neue Stelle zu finden." Dabei waren 54 Prozent der arbeitslosen schwerbehinderten Menschen Spezialisten und Experten.

Rükiye Ray (mitte) vertritt als Integrationsbeauftragte bei akquinet die Anliegen und Interessen der Mitarbeitenden mit einer Behinderung.
Rükiye Ray (mitte) vertritt als Integrationsbeauftragte bei akquinet die Anliegen und Interessen der Mitarbeitenden mit einer Behinderung.
Foto: Akquinet AG

"Wir sind auf dem Weg in eine völlig veränderte Arbeitswelt, in der sich Angestellte viel stärker als bisher mit dem Unternehmen identifizieren wollen. Ein wesentlicher Faktor ist das Fördern der Vielfalt in einem Unternehmen, dazu zählt auch die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung. In unserer alternden Gesellschaft können wir es uns zudem nicht mehr leisten, Menschen mit einer Behinderung nicht als Fachkräfte einzusetzen. Gerade im IT-Bereich ist das durch entsprechende Hard- und Softwarelösungen gut machbar", sagt Thomas Tauer.

Start einer regionalen Kampagne

Um mehr Menschen mit einer Behinderung einzustellen und auch Wissen auszutauschen, hat sich akquinet auf die Suche nach einem externen Partner gemacht und hat diesen in der Beratungs- und Inklusionsinitiative Hamburg, kurz BIHA, gefunden. Die Initiative ist in der Stadt ein Mittler zwischen Arbeitssuchenden mit einer Behinderung und den Unternehmen. Die BIHA und akquinet erkannten, dass sich hier eine fruchtbare Zusammenarbeit ergeben kann. Denn die BIHA suchte nach Unternehmen, die als Vorbilder für gelebte Inklusion auftreten und so die Ziele der BIHA untermauern. Akquinet fand in der BIHA einen hervorragend vernetzten Partner, der das inklusive Recruiting unterstützt und akquinet durch seine Erfahrungen aus anderen Unternehmen berät, wie Inklusion und Vielfalt im Unternehmen noch besser gelebt werden können. Nun starteten die Partner anlässlich der Hamburger Woche der Inklusion eine Kampagne, um die gemeinsamen Ziele in der Stadt voranzubringen. Mit der Kampagne "Inklusion? - na klar!" wollen sie Unternehmen, Organisationen, Experten und Arbeitssuchende zusammenbringen, um den Weg in die berufliche Karriere für Menschen mit Behinderung zu erleichtern.

Arbeitssuchende und Arbeitgeber besser vernetzen

Für Rükiye Ray ist ein Ziel der Kampagne, dass Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden. Oft würden Bewerber ihre Behinderung, teils aufgrund schlechter Erfahrungen, nicht thematisieren. Auf der anderen Seite gäbe es immer noch viele Manager, die bei der Einstellung von Mitarbeitern mit Behinderung eher negative Erwartungen haben wie hohe Fehlzeiten und viel Bürokratie. An mögliche positive Effekte würden sie zu wenig denken. Mit dem neuen Kampagnen-Netzwerk wollen die Initiatoren Wissen und Erfahrungen austauschen. Damit scheinen sie einen Nerv bei den Hamburger Unternehmen und Organisationen getroffen zu haben: Direkt bei der Vorstellung der Kampagne konnten zahlreiche weitere Mitstreiter gewonnen werden. Weitere Informationen sind nachzulesen unter: http://www.akquinet.de/inklusion-na-klar!.jsp.