Tipps für die Cloud-Migration

Wann und wie sich der Weg in die Cloud lohnt

Tobias Regenfuß ist Geschäftsführer bei Accenture für den Bereich Cloud & Infrastructure in der DACH-Region
Der Weg in die Cloud ist für viele Unternehmen herausfordernd. Doch er muss gegangen werden, denn Wettbewerbs- und Digitalisierungsdruck in allen Branchen lassen keine andere Wahl. Ein strukturierter Cloud-Plan verhindert den Blindflug.

Ist Cloud-Computing wirklich immer die bessere Alternative zum eigenen Rechenzentrum? Wann lohnt es sich, auf Cloud-Computing zu setzen? Und: Was ist beim Umzug in die Cloud zu beachten? Das sind Fragen, die IT-Entscheidern im Unternehmen schlaflose Nächte bereiten. Für Unternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, gibt es keine Alternative zur Nutzung von Public-Cloud-Services. Dies betrifft alle drei wesentlichen Ebenen, die sich an dieser Stelle typischerweise unterscheiden lassen: "Infrastructure as a Service" (IaaS), "Platform as a Service" (PaaS) und "Software as a Service" (SaaS).

Wer den digitalen Wandel vorantreiben möchte, muss sich auf die Cloud-Reise machen.
Wer den digitalen Wandel vorantreiben möchte, muss sich auf die Cloud-Reise machen.
Foto: Slavoljub Pantelic - shutterstock.com

Schaut man genauer auf die Einsatzfelder IaaS und PaaS - auf die wir im Folgenden eingehen wollen - finden sich vor allem drei Treiber, die Unternehmen zum Umdenken in Richtung Cloud-Einsatz bewegen:

  1. Digitalisierung - sprich Innovationsdruck,

  2. Infrastruktur-Erneuerung, beispielsweise durch auslaufende Sourcing-Verträge mit Providern für On-Premise-Lösungen und

  3. Veränderungsdruck für die SAP-Landschaft, getrieben durch hohe laufende Kosten bei geringer Agilität gepaart mit dem Druck, SAP-HANA im Unternehmen möglichst effizient einzuführen.

Die Treiber unter der Lupe

1. Digitalisierung

Die fortschreitende Digitalisierung aller Industrien macht die Leistungsfähigkeit der IT sowie deren Reaktions- und Innovationsfähigkeit zum K.o.-Kriterium für den Geschäftserfolg eines Unternehmens. Smart Products und Smart Services, basierend auf neuen Arten von Daten und realisiert in Software stehen im Fokus und entscheiden über Differenzierung und Markterfolg. Kunden erwarten digitale Services und stimmen mit den Füßen ab. Startups und globale digitale Player wie Google, Amazon, Facebook und Apple (die GAFAs), die mit neuen Methoden Cloud-basierte Services und Produkte entwickeln, treiben die digitale Disruption in alle Branchen an.

Viele Unternehmen liebäugeln zunächst mit dem internen Aufbau einer Private Cloud - mit dem Ziel, alle Vorteile der Public Cloud unter eigener Kontrolle zu realisieren. Das führt jedoch nicht zum gewünschten Ergebnis, wenn die Unternehmen hohe Erwartungen an Skalierbarkeit und Produktvielfalt haben. In diesen Punkten kann die Private Cloud nicht mit den Möglichkeiten einer Public Cloud mithalten.

Lesen Sie mehr über die unterschiedlichen Spielarten von Cloud Computing:

Was ist Cloud Computing?

Was ist Infrastructure as a Service?

Was ist Platform as a Service?

Was ist Software as a Service?

Automotive Shift happens – sind Sie dabei?

Ein Grund: Die "Hyperscaler" - die großen Cloud Player wie Amazon Web Services, Microsoft mit Azure und Google - investieren rund eine Milliarde Dollar pro Monat, um ihre Cloud-Services weiter zu entwickeln. Sie bieten jeweils den kompletten Stack: von der Infrastruktur - also Server-, Storage- und Network-Services - bis zu Plattform Services, einem umfassenden Werkzeugkasten für die Entwicklung digitaler Dienste. Die Bandbreite reicht hier von Datenbanken, Application Servern und Messaging-Diensten bis hin zu Analytics und maschinellem Lernen sowie kognitiven Services mit Bild/Spracherkennung und Übersetzungsdiensten, die sich einfach aus der Cloud beziehen lassen.

Der Cloud-Service-Baukasten wird immer größer. Das erweitert einerseits die Möglichkeiten, macht es den Anwenderunternehmen aber auch zunehmend schwer, den Überblick zu behalten.
Der Cloud-Service-Baukasten wird immer größer. Das erweitert einerseits die Möglichkeiten, macht es den Anwenderunternehmen aber auch zunehmend schwer, den Überblick zu behalten.
Foto: Accenture

Dabei reduzieren massive Skaleneffekte den Preis für die Cloud-Services der Hyperscaler stetig, während kontinuierliche Innovation mit hunderten neuen Features pro Jahr laufend weitere Möglichkeiten der schnellen Umsetzung digitaler Initiativen erlaubt. Die Innovationskraft der Public Cloud Player stellt die hauseigenen Infrastrukturen und Plattformen - auch von Großunternehmen - immer mehr in den Schatten.

2. Infrastruktur-Erneuerung

Weitere Treiber für den Weg in die Cloud sind auslaufende Sourcing-Verträge mit bestehenden Providern für On-Premise-Lösungen, die Notwendigkeit für einen Hardware-Refresh oder Veränderungsdruck im Rechenzentrum, um Kapazitäten auszubauen. Aber auch neue Anforderungen bezüglich Disaster Recovery oder aktuellen Compliance-Richtlinien lösen ein Umdenken aus. Hier verspricht die Public Cloud die Umwandlung von Investitionsausgaben (Capex) in Betriebskosten (Opex), geringere laufende Kosten und die Möglichkeit, Kapazitäten jederzeit dem schwankenden Bedarf anzupassen - bei voll variablen Kosten.

3. Veränderungsdruck für die SAP-Landschaft

Die Notwendigkeit einer Veränderung der SAP-Landschaft ist das dritte wichtige Motiv für Unternehmen, sich auf den Weg in die Cloud zu machen. Anwender wollen so ihre hohen laufenden Kosten senken und agiler in der Entwicklung werden. Auch der Trend in Richtung SAP-HANA - mit potentiell hohen Investitionskosten - ist ein wichtiger Auslöser. Die Cloud verspricht hier einen HANA-Infrastruktur-Service "aus der Steckdose", eine agilere und kosteneffiziente Infrastruktur und innovative Datenanalyse-Möglichkeiten.

My first Cloud Provider: Ist die Cloud wirklich billiger?

Unternehmen, die ihre laufenden Infrastruktur-Kosten mit den Preisen der Public-Cloud-Provider vergleichen, sind oft zunächst enttäuscht, weil direkte Einsparungspotentiale auf den ersten Blick nicht immer deutlich werden. Hier ist eine genauere Betrachtung der "Total Cost of Ownership" erforderlich, in der sämtliche Auswirkungen des Cloud-Sourcings berücksichtigt werden. Dabei ist eine ganze Reihe von Kostensenkungshebeln zu betrachten:

Lohnt sich der Weg in die Cloud.
Lohnt sich der Weg in die Cloud.
Foto: Sergey Nivens - shutterstock.com
  • Rightsizing: Eine On-Premise-Infrastruktur ist oft überdimensioniert - bei einem Umzug in Public Cloud kann dies korrigiert werden, da sich hier Kapazitäten jederzeit dynamisch anpassen lassen;

  • On Demand Use: Entwicklungs-, Test- und Produktionsumgebungen werden nur bei Bedarf genutzt und beispielsweise in der Nacht oder am Wochenende abgeschaltet. Damit können Einsparungen von über 50 Prozent bei den betroffenen Ressourcen erzielt werden.

  • Migration auf günstigere PaaS-Alternativen: Teure Datenbank- und andere Lizenzen können bei der Cloud-Migration auf günstigere Alternativen verlagert werden.

  • Stetige Kostensenkungen der Provider: Die Preise der Public Cloud Services sind in der jüngeren Vergangenheit jährlich im zweistelligen Prozentbereich gefallen. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzt.

  • Schnellere und preisgünstigere Durchlaufzeiten bei Projekten: Oft dreht es bei der Umsetzung von Projekten vornehmlich darum, die erforderliche Infrastruktur bereitzustellen - und das kann dauern. Die Public Cloud verspricht hier, durch Beschleunigung und Reaktionsfähigkeit die Kosten im zweistelligen Prozentbereich senken zu können.

  • Neue Einkaufsmodelle: Die meisten Public Cloud Provider bieten diverse Modelle an, Ressourcen zu besonders günstigen Konditionen einzukaufen. Dazu zählen beispielsweise "AWS Reserved Instances", "Spot Instances" oder "Azure Low Priority Virtual Machines". Diese Komponenten sind zu einem Bruchteil des Listenpreises erhältlich.

  • Optimiertes Disaster Recovery: Der Einsatz von Public Cloud Disaster Services wie Azure Site Recovery oder AWS Backup and Recovery erlaubt Kostensenkungen von über 50 Prozent im Vergleich mit traditionellen Lösungen. Accenture selbst setzt in seiner IT für die 450.000 Mitarbeiter ausschließlich auf Disaster Recovery aus der Cloud.

Die Reise in die Cloud: Die ersten Schritte

Auch in Deutschland ist das Thema Public Cloud in den Unternehmen angekommen. Viele haben bereits eine "Cloud first"-Strategie formuliert und erste Piloten umgesetzt. In den zurückliegenden zwölf Monaten war zu beobachten, dass sich theoretisch formulierte Cloud-Ambitionen hin zu konkreten Projekten entwickelt haben, in deren Rahmen auch größere Teile der IT und kritische Anwendungen in die Cloud verschoben werden. Dies betrifft zum Beispiel die vielbeachtete Transformation der Deutschen Bahn in die Public Cloud ("all in" bis 2022), oder den MDAX-notierten Düsseldorfer Technologiekonzern GEA, der einen Großteil seiner IT inklusive SAP-Systeme in die Public-Cloud verlagert. Verstärkte Aktivitäten zum Thema Public Cloud sind aber auch bei den deutschen Automobilkonzernen, bei den Energieunternehmen und in der Handelsbranche zu verzeichnen. Folgende zwei Punkte sollten für einen guten Start beachtet werden.

1. Cloud-Strategie

Viele Unternehmen beginnen mit diversen parallelen Initiativen und Umsetzungsprojekten im Umfeld Public Cloud. Sie wollen damit konkrete Erfahrungen sammeln, erste Erfolge vorweisen und die Organisation auf den Wandel vorbereiten. Aber: Ohne Cloud-Strategie, die diese Aspekte beleuchtet, entsprechende Leitplanken definiert und einen Rahmen für die Umsetzung definiert, besteht die Gefahr, dass die Initiativen ins Stocken geraten, Potentiale nicht gehoben und die angestrebten Ziele nicht erreicht werden. Eine Cloud-Strategie sollte deshalb

  • eng mit der gesamten Digitalstrategie des Unternehmens verzahnt sein,

  • eine klare Zielsetzung mit verbundenem Business Case formulieren und

  • Leitplanken für die wesentlichen Aspekte von Cloud Governance, Organisation, Anbietern, Technologie und Betrieb formulieren.

2. Iteratives Vorgehen

Unternehmen müssen nicht bis ins letzte Detail planen, wie ihr Umzug in die Cloud umgesetzt werden soll. Wichtig ist vielmehr, die ersten Schritte möglichst früh zu machen, um ein besseres Verständnis der bevorstehenden Herausforderungen zu erhalten. Die Strategie kann sich hierbei iterativ weiterentwickeln, um einen möglichst schnellen und agilen Ansatz zu realisieren - aber trotzdem sicherzustellen, dass Weg und Ziel zueinander passen.