Virtual und Augmented Reality in Handel und Industrie

VR und AR - die neuen Realitäten

23.07.2018
Von   
Uwe Ritschel schreibt als Experte zu den Herausforderungen des  Einzelhandels. In seiner nunmehr fünfzigjährigen Tätigkeit hat er alle Facetten der Branche kennengelernt. Sein Weg führte vom Einkäufer und Abteilungsleiter bis ins Management eines großen Handelsunternehmens. Ritschel beschäftigt sich mit den Chancen und Risiken durch die Digitalisierung des Handels. Damit ist er heute ein gefragter Experte für Händlergemeinschaften und City-Marketing.
Alles spricht von Virtueller und Augmented Reality, neue Techniken, die in Industrie und Handel, aber auch in den Kinderzimmern bereits anzutreffen sind. Aber was steckt dahinter und wie unterscheiden sich AR und VR?

Mit VR können Sie Achterbahn fahren, über eine Hängebrücke den Urwald überqueren oder in einer historischen Schlacht kämpfen. AR versorgt Sie in der realen Welt mit zusätzlichen Informationen, die an dieser Stelle möglicherweise wichtig für Sie sind. Im Supermarkt werden Sie an das richtige Regal geführt, im Einkaufszentrum werden Sonderangebote eingespielt, ohne dass Sie das Geschäft betreten müssen. Es können Texte, Grafiken oder ganze Animationen sein, aber alles vor dem realen Hintergrund. Mit diesen Techniken haben sich für viele Branchen ganz neue Türen aufgemacht.

Virtual Reality ist bereits in Industrie und Handel angekommen.
Virtual Reality ist bereits in Industrie und Handel angekommen.
Foto: Yuganov Konstantin - shutterstock.com

Im Handel hat die VR-Zukunft bereits begonnen

Der Handel sucht nach Einkaufserlebnissen und gerade dort wird sich die VR-Technik in naher Zukunft am ehesten etablieren. Zurzeit sind VR-Anwendungen noch eher auf Messen oder in den großen Einkaufszentren als besondere Attraktion zu finden, aber der Weg ins Geschäft oder in den Internet-Shop ist vorgezeichnet. Wenn heute noch die Angebote von Amazon als Kacheln abgebildet werden, so werden Sie morgen möglicherweise durch ein virtuelles Kaufhaus gehen und die Mode als Inszenierung betrachten. Der Möbelhändler "Cairo" bietet schon jetzt unter "3d.cairo.de" einen virtuellen Rundgang durch seinen Design-Store in Nürnberg. Bei Ikea können die Kunden in ausgewählten Einrichtungshäusern interaktiv durch verschiedene Wohnungen wandeln.

Der Möbelhändler "Cairo" bietet unter "3d.cairo.de" einen virtuellen Rundgang durch seinen Design-Store in Nürnberg.
Der Möbelhändler "Cairo" bietet unter "3d.cairo.de" einen virtuellen Rundgang durch seinen Design-Store in Nürnberg.

Bei Saturn konnten die Kunden im Rahmen einer "Virtual-Reality-Tour" neue Techniktrends erleben. Geplant ist bereits eine Multi-User-Funktion. Damit wäre es dann für bis zu vier Personen möglich, gemeinsam in die virtuelle Einkaufswelt von Saturn einzutauchen und gemeinsam einkaufen zu gehen.

Auch für die großen Reiseveranstalter bietet sich eine solche Technik geradezu an. Wer möchte nicht vor der endgültigen Buchung schon einmal durch das Hotel schlendern, die Bar begutachten, das Zimmer von innen sehen und den Ausblick vom Balkon genießen? Hier ist für die Zukunft noch einiges zu erwarten.

In Köln können Sie mit VR eine einzigartige Zeitreise buchen. Sie steigen dort in den Nachbau einer alten Straßenbahn ein und begeben sich, dank VR-Technik, auf eine Straßenbahnfahrt durch das Köln vor 100 Jahren. Vorbei an 600 Gebäuden aus der Kaiserzeit erleben Sie die Stadt und die Menschen als wären Sie mitten unter ihnen.

Mit VR durch Raum und Zeit

Bauvorhaben werden in Zukunft in der VR-Technik eine immer größere Rolle spielen. Der einfache Grund: Größe und Ausmaße eines Gebäudes können auf dem Reißbrett nur unzureichend dargestellt werden. Gerade bei öffentlichen Bauten wollen die Geldgeber sehen, was sie für die geplante Summe am Ende bekommen. Der Fußboden kann in verschiedenen Materialien dargestellt werden, Wände Decken und Treppen können begutachtet werden, bevor nur ein Stein auf den anderen gelegt wurde und die Fassade erleben Sie im Kontext mit den Nachbargebäuden. Das kanadische Unternehmen Yulio bietet bereits VR-Kurse für Innenarchitekten an. Der Kurs nennt sich "The New Reality of Virtual Reality" und macht die Teilnehmer an Hand von drei Fallstudien mit den VR-Anwendungen vertraut.

Der Hersteller Yulio hat bereits Architekten als Zielgruppe für seine VR-Tools entdeckt.
Der Hersteller Yulio hat bereits Architekten als Zielgruppe für seine VR-Tools entdeckt.
Foto: Yulio

In der Industrie hat die VR-Technik auch bereits Einzug gehalten. Maschinen-Großanlagen lassen sich auf Messen oft nur unzureichend darstellen. Mit der VR-Technik lassen sich ganze Anlagen begehen. Der Geschäftskunde kann sich so ein viel besseres Bild machen und der Hersteller spart Platz und Transportkosten. Ein weiteres Anwendungsszenario ist die Fertigung: So wird etwa bei Mercedes Benz an virtuellen Fahrzeugen gearbeitet, noch bevor ein Prototyp erstellt ist. Auf diese Weise kann man schon am digitalen Modell überprüfen, wie eine Glühbirne im Scheinwerfer auszuwechseln ist, wie und wo Betriebsflüssigkeiten zu wechseln sind und ob die Werkstatt in der Lage ist, Verschleißteile kostengünstig auszutauschen.

Noch viel wichtiger ist möglicherweise die Arbeit mit der Virtuellen Realität in der Medizin. In den USA gibt es bereits die Möglichkeit, aus den Daten eines CT (Computertomografie) und einer MRT (Magnetresonanztomographie) ein virtuelles Gehirn darzustellen. Auf diese Weise können sich Neurochirurgen auf eine Operation optimal vorbereiten: Mit der VR-Brille kann der Arzt den Weg entlang der Gehirngänge exakt planen und unnötige Komplikationen vermeiden. Der nächste Schritt ist dann die OP mittels Roboter. Über die VR-Brille wird der Roboter kontrolliert und der Chirurg kann schnell und direkt eingreifen. Das ist schon gelebte Wirklichkeit. Am 14. April 2016 wurde eine solche OP über 4K-Kameras live im Internet übertragen und der User konnte mittels VR-Brille die Operation verfolgen und sich zudem im OP-Saal frei bewegen.