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Von Pierer zieht bei SBS die Notbremse

23.11.2001
Zum 1. Dezember macht SBS-Geschäftsführer Friedrich Fröschl einen zweifelhaften Karrieresprung zum CIO der Siemens AG. In der Branche wird dies keineswegs als Beförderung verstanden.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Zum 1. Dezember macht Friedrich Fröschl, Geschäftsführer von Siemens Business Services (SBS), einen zweifelhaften Karrieresprung: Konzernchef Heinrich von Pierer setzt ihn als CIO der Siemens AG ein. Paul Stodden, der als Sanierer von Fujitsu-Siemens Computers Erfolge vorweisen kann, soll den defizitären IT-Dienstleister wieder auf Kurs bringen.

Auf den ersten Blick sieht der Abgang Fröschls fast wie eine Beförderung aus: Der 49-Jährige wird Chief Information Officer (CIO) des Siemens-Konzerns. Als Leiter der neu gegründeten Einheit Corporate Information and Operations (CIO) erhält er laut einer Unternehmensmeldung "die zentrale Richtlinienkompetenz für E-Business, IT-Infrastruktur und die weltweite Standardisierung der Geschäftsprozesse". Albert Goller, Leiter der Zentralstelle E-Business, und Chittur Ramakrishnan, Chef der Zentralstelle Information and Knowledge Management, sollen "innerhalb der neuen Einheit ihre fachliche Verantwortung" behalten (Computerwoche online berichtete).

Betrachtet man die aktuellen Geschäftsergebnisse von SBS, erscheint der Wechsel Fröschls in anderem Licht: Im abgelaufenen Geschäftsjahr belastete der Dienstleister die Siemens-Bilanz mit einem operativen Verlust vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) von 259 Millionen Euro. Allein im vierten Quartal verbuchten die Münchner einen Fehlbetrag von 304 Millionen Euro, der Umsatz fiel von 1,76 Milliarden Euro im Vorjahresquartal um fast acht Prozent auf 1,62 Milliarden Euro.

Nicht nur wegen der aktuellen Zahlen wird die Demission des SBS-Chefs in der Branche fast unisono negativ bewertet: "Fröschl erhält jetzt die Quittung dafür, dass er es nicht geschafft hat, die Margen in den Griff zu bekommen", urteilt etwa Theo Kitz von der Privatbank Merck Finck & Co. "Das hat schon seit ein paar Jahren geschwelt. Die Erkenntnis des Topmanagements, dass die Ergebnisse unzureichend sind, kam nicht von heute auf morgen."

Noch deutlicher wird Helmuth Gümbel vom Beratungsunternehmen Strategy Partners: "Bei wohlwollender Betrachtung könnte man sagen: Von Pierer lässt Fröschl jetzt die Suppe auslöffeln, die er Siemens als Dienstleister informationstechnisch eingebrockt hat." Eine kritischere Sicht der Dinge führe zu dem Schluss: "Fröschl kann seine Erfahrungen abrunden und hat damit auch außerhalb von Siemens zusätzliche Perspektiven."

Schon einmal war von Pierer in diesem Jahr der Geduldsfaden gerissen. Wegen der anhaltenden Verluste der Netzwerksparte feuerte er im Sommer ICN-Vorstand Roland Koch. Seinen Posten übernahm Thomas Ganswindt, bis dato Mitglied des Bereichsvorstands Transportation Systems (TS).

In der Zentrale des größten deutschen Industrieunternehmens wehrt man sich gegen die Darstellung, der SBS-Chef werde auf das Abstellgleis geschoben. "Fröschl ist nicht kaltgestellt worden", beteuert Siemens-Sprecher Peter Gottal. Die neue Aufgabe als CIO habe strategische Bedeutung für das gesamte Unternehmen. Doch es war von Pierer selbst, der eine negative Interpretation nahe legte. Mit den personellen Veränderungen bei SBS habe man "den Willen unter Beweis gestellt, Anpassungen an das schwierige Marktumfeld voranzutreiben", erklärte der fränkische Konzernlenker in einer Telefonkonferenz. Der Interpretation, er habe den SBS-Chef weggelobt, widersprach er halbherzig: Fröschl sei einer der besten Strategen in Sachen E-Business und habe SBS auf den richtigen Weg gebracht. Nun gelte es, "die Mission neu zu formulieren".

Wie diese Mission aussehen soll, ließ der Vorstandsvorsitzende offen. Befragt nach hausgemachten Problemen der Dienstleistungssparte, wurde er konkreter: Wegen drohender Verluste aus zwei Outsourcing-Verträgen in Großbritannien habe SBS Rückstellungen in Höhe von 192 Millionen Euro für das abgelaufene Geschäftsjahr bilden müssen. Man sei mit diesen Vorhaben nicht so zurechtgekommen, wie man sich das vorgestellt habe. Große Outsourcing-Projekte würden künftig nur noch angegangen, "wenn Anfang und Ende genau überschaubar sind".

Die vielschichtigen Probleme von SBS traten nicht erst mit Bekanntgabe der Jahresergebnisse zutage. Schon lange monierten Fröschls Kritiker die immer noch starke Abhängigkeit vom Mutterkonzern, die schwache globale Präsenz - insbesondere in den USA - und ein kaum sichtbares Profil im klassischen Beratungsgeschäft. Größere Schwierigkeiten bereitet derzeit das Outsourcing-Geschäft. Branchenexperten wie Gümbel sehen in diesem Bereich dringenden Handlungsbedarf. Der Analyst schätzt den Anteil des Outsourcing-Geschäfts am SBS-Umsatz inklusive zugehöriger Beratungsleistungen auf 50 Prozent.

Outsourcing-Deals auf der Kippe

Von Pierers Kritik ziele nicht pauschal auf Outsourcing-Deals, sondern auf Projektgeschäfte, in denen SBS komplette Prozessabläufe von Kunden übernehme, präzisiert Sprecher Gottal. Diese als Business Process Outsourcing bezeichnete Sparte bringe es mit sich, dass SBS Teilbereiche eines Kundenunternehmens mitsamt den Mitarbeitern übernehme. Laufzeiten von zehn Jahren wie bei der britischen Behörde National Savings seien dabei nicht selten. Wenn der Kunde in diesem langen Zeitraum häufig Wünsche und Änderungen formuliere, könne dies schon mal "die Kalkulation über den Haufen werfen".

Für National Savings, die die Sparguthaben der Briten verwaltet, hat SBS laut Gottal sämtliche Geschäftsprozesse übernommen. Das Vertragsvolumen beträgt rund eine Milliarde britische Pfund. Ein zweites großes Outsourcing-Projekt - Laufzeit: sieben Jahre - zog die Siemens-Tochter mit der britischen Einwanderungsbehörde an Land. Auch dort wechselten die Anforderungen häufig; es kam zu Verzögerungen. "Das Geschäftsfeld Outsourcing steht aber nicht zur Disposition", betont Gottal. Künftig würden lediglich Großprojekte genauer unter die Lupe genommen. Von National Savings etwa habe SBS rund 4000 Beamte übernommen. "Hier wird man in Zukunft vorsichtiger sein müssen."

Probleme dieser Art hatte SBS schon vor einigen Jahren mit einem Projekt bei der britischen Passport-Agency. Nun platzte auch noch ein Outsourcing-Vertrag in Argentinien. Merck-Finck-Analyst Kitz sorgt sich vor allem um die Außenwirkung solcher Meldungen: "Für das Image ist das eine Katastrophe."

In den Märkten außerhalb Europas tut sich SBS seit jeher schwer. Obwohl Fröschl mit dem Ziel angetreten war, das Unternehmen global aufzustellen, entfallen noch immer rund 90 Prozent der Einnahmen auf den alten Kontinent. Mit der Übernahme des US-amerikanischen IT-Dienstleisters Entex machten die Münchner zwar einen Anfang. Doch seither ist wenig Positives zur Internationalisierung zu hören. Um sich als Global Player aufstellen zu können, ist eine US-Präsenz langfristig notwendig, meint Roland Pitz, Finanzanalyst bei der Hypo-Vereinsbank in München. Für SBS stelle sich die Frage: "Wie viel darf der Markteintritt in die USA kosten?" Ansätze seien zwar zu beobachten, doch zunächst gehe es darum, eine solide finanzielle Basis zu schaffen. Pitz: "Der Wunsch, IBM im IT-Services-Markt einholen zu können, ist eine Illusion."

Paul Stodden, der ab dem 1. Dezember den Posten Fröschls übernehmen wird, soll nun die Wende einleiten. Nachdem er die defizitäre Fujitsu-Siemens Computers (FSC) wieder in die schwarzen Zahlen gebracht hat, eilt ihm der Ruf des Sanierers voraus. 1995 hatte er den Bereich IT Services übernommen, der damals noch Teil von Siemens-Nixdorf war. Anfang 2000 wurde die Sparte in SBS überführt. Der 54-Jährige dürfte deshalb das nötige Fachwissen mitbringen. Wichtiger aber ist nach Ansicht von Experten eine andere Eigenschaft: "Fröschl war zu viel Visionär, zu wenig operativer Kontrolleur", kommentiert Christoph Châlons, Geschäftsführer der IT-Beratung Pierre Audoin Conseil (PAC). Stodden dagegen werde eher auf die Profitabilität von SBS achten.

Die To-Do-Liste des neuen CEOs ist lang: Er muss zunächst wieder Gewinne erwirtschaften, das Geschäft weniger Siemens-lastig ausrichten und die Internationalisierung vorantreiben, meint Gümbel. Dazu gehöre der Rückzug aus Bereichen, die nicht die gewünschten Margen erreichen, vor allem also in den internationalen Märkten. Damit verbunden sei auch ein Personalabbau in diesen Regionen. Im nächsten Schritt gelte es, diese Lücke durch Partnerschaften oder Akquisitionen wieder zu schließen. Gümbel: "Von Pierer braucht jetzt ein schnell wirkendes Medikament."

Strategiewechsel

"Ein Strategiewechsel bei SBS ist notwendig und in den Grundzügen sicher schon mit Stodden besprochen", glaubt Finanzanalyst Pitz. Siemens-internen Quellen zufolge liegt bereits ein Maßnahmenkatalog vor, der gegenwärtig konkretisiert wird.

Stodden äußerte sich gegenüber der CW zurückhaltend: "Der Markt für IT-Services verändert sich. Die Boom-Zeiten werden sich so nicht fortsetzen." Er werde die nächsten 60 Tage nutzen, sich umfassend zu informieren um eine Bestandsaufnahme zu erarbeiten. Konkrete Angaben zu strukturellen Maßnahmen oder neuen Schwerpunkten könne er frühestens Ende Januar 2002 machen. Der lange erwartete Börsengang von SBS sei zurzeit kein Thema. Zunächst gehe es darum, SBS "stabil und profitabel aufzustellen" und die Kunden zufrieden zu stellen. Stodden: "Das sind die Aktivitäten in den nächsten ein bis zwei Jahren."

Ob SBS noch so lange als Siemens-Tochter geführt wird, fragen sich mittlerweile einige Experten. Von Pierer sprach zur Bekanntgabe der Jahreszahlen von weiteren geplanten Verkäufen unterhalb der Divisionsebene. "Man könnte spekulieren, dass auch SBS auf den Prüfstand gestellt wird, wenn es der neue Chef wieder nicht schafft", orakelt Kitz. Er würde sich das sogar wünschen: "Das wäre gut für die Siemens-Margen und damit für die Aktie." (wh)

"SBS: Für den Erfolg zu klein?"

Seltsamerweise hat Siemens Business Services (SBS) ein Problem. Zwar ist es in diesen Zeiten nichts Besonderes, wenn ein Unternehmen der IT-Branche rote Zahlen schreibt, aber wenn das in einem wachsenden Marktsegment geschieht, dann deutet es auf hausgemachte Schwierigkeiten hin.

  

Christoph Witte, Chefredakteur COMPUTERWOCHE

 

Die Ertragsschwäche wird vor allem mit zwei in Schieflage geratenen Outsourcing-Projekten erklärt. Offenbar hat hier der Kunde - was selten genug vorkommt - den Lieferanten über den Tisch gezogen, der anscheinend das Kleingedruckte der Verträge nicht gelesen oder seine Konsequenzen nicht ausreichend bedacht hat. Dieser Fehler dürfte die Demission von SBS-Chef Friedrich Fröschl beschleunigt haben, der zwar bei Siemens-Chef Heinrich von Pierer einen guten Ruf als Stratege genießt, aber als Macher inzwischen wohl durchgefallen ist.

Doch schwerer als die Ertragsschwäche wiegt der Umsatzrückgang. Das Servicesegment erfreut sich im Gegensatz zu SBS den Marktforschern und den Ergebnissen des Mitbewerbs zufolge eines nach wie vor guten Wachstums im hohen einstelligen Prozentbereich. Eine Ursache für den Einnahmenrückgang der Siemens-Tochter hat sicher mit der Positionierung des Unternehmens zu tun. Fröschl hat sich vor allem auf die Themen M-Commerce und M-Business festgelegt. Damit wollte er das Profil von SBS schärfen und es in Zusammenhang mit den IuK-Aktivitäten des Gesamtkonzerns bringen. Da aber das Geschäft mit der Mobilität sowohl bei Siemens als auch in vielen Anwenderunternehmen viel schwächer ausgeprägt ist als erhofft, hat Fröschl wohl auf die falsche Karte gesetzt.

Ein weiterer Grund für das im Branchenvergleich bescheidene Abschneiden besteht in der fehlenden Internationalität des Dienstleisters. SBS ist immer noch ein Unternehmen, das vor allem in Deutschland agiert. Schon in Europa lässt die Präsenz stark zu wünschen übrig, in den USA und anderen Regionen konnte man bis auf die Übernahme von Entex bisher kaum punkten. Doch die ganz großen Deals sind international, und in dieser Liga kann SBS offensichtlich noch nicht mitspielen.

Möglicherweise wäre eine Herauslösung aus dem Mutterkonzern Siemens, der aufgrund seiner Kostenstruktur nicht ganz unschuldig an der Misere ist, mittelfristig eine Lösung. Auf diese Weise würde von Pierer nicht nur die Notbremse ziehen, sondern SBS könnte ohne Rücksichten auf die anderen Siemens-Bereiche frei am Markt agieren. Außerdem würden so Überschneidungen in den Dienstleistungsangeboten von ICN und Fujitsu-Siemens vermieden. Ein eigenständiges SBS könnte allerdings nur erfolgreich sein, wenn der Bereich vorher auf gesunde Füße gestellt worden ist. Keine leichte Aufgabe für den neuen Chef Paul Stodden, der sich bisher nicht als großer Visionär oder Stratege profiliert hat, wohl aber als Sanierer und Macher. (ciw)