ERP-Systeme im Wandel

Von der Suite zur digitalen Plattform

Dirk Bingler ist seit 2011 Sprecher der Geschäftsführung in der GUS Group. Seit 2014 engagiert er sich aktiv als Vorstand des Arbeitskreises ERP im Bitkom. Seine Themenschwerpunkte sind die Zukunft von ERP-Systemen sowie die Auswirkung der Digitalisierung auf deren Architekturen. Dirk Bingler verfügt über 21 Jahre Branchenerfahrung im internationalen Konzernumfeld bei der Siemens AG und seit 2003 im Mittelstand.
Digitale Plattformen finden im B2B-Umfeld immer mehr Verbreitung. Auch ERP-Hersteller sollten sich aktiv in diese Plattformökonomie einbringen und ihre Architekturen umbauen.

Digitale Plattformen wie Amazon, eBay, Apples iOS oder Googles Android sind seit Jahren etabliert und gehören für viele Privatnutzer längst zum Alltag. Ganz anders im B2B-Umfeld. Hier nimmt das Thema gerade erst so richtig Fahrt auf: Ob Cloud-Anbieter, Maschinenbauer, Hersteller von Produktionsanlagen oder Softwareanbieter - das Angebot an digitalen Plattformen wächst.

Immer mehr ERP-Anbieter erweitern ihr Portfolio um externe Services aus der Cloud.
Immer mehr ERP-Anbieter erweitern ihr Portfolio um externe Services aus der Cloud.
Foto: DCVECTOR - shutterstock.com

Stand heute gibt es weltweit knapp 1000 digitale Plattformen im B2B-Umfeld. Sie alle haben das Ziel, Interaktionen zwischen Software und Systemen, mobilen Endgeräten sowie Apps und Maschinen zu vereinfachen. Noch haben sich in den verschiedenen Segmenten keine eindeutigen Marktführer herauskristallisiert, sodass mit einer Konsolidierungswelle zu rechnen ist. Nichtsdestotrotz deutet die hohe Zahl digitaler Plattformen schon jetzt auf deren zunehmende Relevanz hin.

Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklung hin zur Plattform-Ökonomie auch vor der ERP-Welt nicht haltmacht. Dabei gibt es für einen ERP-Anbieter grundsätzlich zwei Arten zu partizipieren: Entweder er erweitert sein Portfolio um externe Services aus der Cloud und wird so selbst zum Kunden einer Plattform. Oder er bietet seine Dienste aktiv auf einer Plattform an - entweder als Betreiber, in den meisten Fällen aber eher als "Partner" eines Betreibers, der auf seiner Plattform Angebote verschiedener Hersteller zusammenfasst.

Stufe 1 - Erweiterung des Lösungsportfolios

Die meisten ERP-Hersteller ergänzen zunächst die eigene Software um Zusatzdienste aus der Cloud. Kunden profitieren auf diese Weise von einem breiteren Lösungsportfolio, ohne dass der Hersteller selbst massiv in die Entwicklung neuer Dienste und Produkte investieren muss. So haben die Anbieter die Möglichkeit, sich stärker auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Das Spektrum der Services reicht von kleineren Apps, zum Beispiel für Business Intelligence, Zeiterfassung oder Reisekostenabrechnungen bis hin zu Diensten rund um das Internet der Dinge (IoT) oder der Künstlichen Intelligenz (KI).

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Um derartige Services in das eigene Portfolio zu integrieren beziehungsweise ein erfolgreiches Zusammenspiel mit dem eigenen ERP-System zu ermöglichen, sind entsprechende Schnittstellen in der Softwarelösung erforderlich. Diese müssen zum einen den standardisierten Zugriff auf Daten und Datenquellen aus verschiedenen Systemen sicherstellen und zum anderen dafür sorgen, dass Prozesse unternehmens- und applikationsübergreifend ablaufen können.

Für eine einheitliche User Experience ist es äußerst wichtig, dass der Anwender sämtliche Funktionen der Unternehmenslösung - ob Funktionen aus dem ERP-System oder ein eingebundener Service - über eine einheitliche Benutzeroberfläche steuern kann. Daher müssen ERP-Anbieter sicherstellen, dass ihre Systeme neue technogische Standards, wie zum Beispiel REST unterstützen.

Stufe 2 - Vermarktung der Lösung über eine Plattform

Einige ERP-Hersteller gehen schon einen Schritt weiter und bieten ihre Lösungen selbst über eine externe Plattform an. Je nach Zielgruppe können das klassische Cloud-Plattformen sein, horizontal aufgestellte ERP-Plattformen (zum Beispiel von SAP oder Microsoft), Industrie- und Handelsplattformen (zum Beispiel von Bosch oder Siemens) oder spezialisierte Branchenplattformen (zum Beispiel Axoom oder Adamos). Der Vorteil: ERP-Hersteller erreichen über die Plattform eine größere Anzahl potenzieller Nutzer und partizipieren von der Strahlkraft der Plattform, ohne in eigene Marketingmaßnahmen investieren zu müssen.

Anbieter, die ihre Funktionalitäten als einzelne Services auf einer Plattform bereitstellen möchten, müssen ihr ERP-System allerdings von Grund auf verändern: Statt vollumfänglicher Suiten gilt es, das Angebot zu modularisieren und eine Art Microservice-Architektur zu entwickeln. Zudem geht diese "SaaS-ifizierung" (SaaS = Software-as-a-Service) mit dem Umbau des Lizenzmodells einher: Die ERP-Services werden über Abonnements oder im "Pay-per-Use"-Modus direkt oder über die Plattform abgerechnet.

Stufe 3 - Vom Hersteller zum Plattformbetreiber

Einige ERP-Hersteller entwickeln sich sogar selbst zum Betreiber einer Plattform. Allerdings ist dieser Schritt aufgrund des hohen finanziellen und technischen Aufwands nur für wenige Anbieter machbar. Als Plattformbetreiber verantworten sie die gesamte Lösungsinfrastruktur und sorgen dafür, möglichst viele Funktionsbausteine und Apps von Partnern in ihr Angebot zu integrieren.

Wer diesen Schritt geht, muss sein bisheriges Geschäftsmodell vollkommen umstellen. Es gilt, ein plattformübergreifendes System aus Lieferanten, Entwicklern und Partnern zu etablieren und dieses kontinuierlich auszubauen. Plattformbetreiber sind zudem gefordert, durch ein geschicktes Kostenmanagement und die konsequente Vermarkung ihres Angebotes sicherzustellen, dass alle Partner der Plattform profitieren.

Welcher Weg ist der richtige?

Auch wenn die Digitalisierung die ERP-Welt nicht von heute auf morgen auf den Kopf stellt: ERP-Anbieter sollten sich frühzeitig mit den verschiedenen Handlungsalternativen auseinandersetzen und sich Gedanken darüber machen, welcher Weg der richtige für sie ist. Dasselbe gilt für die Anwenderunternehmen: Wer Wert auf eine hohe Flexibilität und Zukunftsfähigkeit legt, sollte genau verfolgen, welchen Weg der eigene ERP-Anbieter einschlägt. Bietet er bereits heute einen Betrieb in der Cloud? Lassen sich zusätzliche Services aus der Cloud einfach und sicher integrieren? Arbeitet er mit flexiblen Abrechnungsmodellen? Verfügt das ERP-System über Schnittstellen für eine Anbindung an - die für das eigene Geschäft relevanten - digitalen Plattformen?

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Anwenderunternehmen ist zu empfehlen, diese Fragen jetzt mit ihrem Softwarelieferanten zu diskutieren. Vor allem bei einem anstehenden ERP-Wechsel gilt es, ein zukunftsfähiges System auszuwählen, dass das eigene Unternehmen auf dem Weg in die Digitalisierung zielgerichtet unterstützt.