Voice over DSL: Sparbüchse oder Sackgasse?

20.12.2001
Von 
Jürgen Hill ist Chefreporter Future Technologies bei der COMPUTERWOCHE. Thematisch befasst sich der studierte Diplom-Journalist und Informatiker derzeit mit aktuellen IT-Trendthemen wie KI, Quantencomputing, Digital Twins, IoT, Digitalisierung etc. Zudem verfügt er über einen langjährigen Background im Bereich Communications mit all seinen Facetten (TK, Mobile, LAN, WAN). 

Telekom-Tarife ausstechen?

Ob die Anbieter damit aber klassische Carrier wie die Telekom in Sachen Tarife ausstechen können, wagt niemand vorherzusagen. Die Branche geht nämlich davon aus, dass die Telekom ihre Investitionen in das Telefonnetz abgeschrieben hat und somit in der Preisgestaltung flexibel ist. Die kaufmännische Seite ist jedoch nur ein Aspekt. Unabhängig von Tariffragen hat VoDSL einen entscheidenden Vorteil gegenüber der klassischen Telefonie: Die Technik ist skalierbar. "Plant ein Unternehmen eine Telefon-Marketing-Aktion, so kann es bei VoDSL auf Zuruf mehr Sprachkanäle beim Provider ordern", lobt Rodler die Vorzüge, "während klassische Telefonleitungen drei bis fünf Monate vorher zu bestellen sind." Ein Gesichtspunkt, den auch Bradon Mills, CEO des amerikanische VoDSL-Equipment-Herstellers General Bandwidth, hervorhebt. Zudem erfordere die Technologie weniger

Administrationsaufwand. Angesichts dieser Vorzüge ist der Amerikaner davon überzeugt, dass sich das Verfahren auch in Europa in den nächsten ein bis zwei Jahren auf der letzten Meile etabliert.

Jens Christiansen, verantwortlich für den Consulting-Bereich Netze bei der HMP Teleconsult AG in Düsseldorf, ist weniger optimistisch. Nach seiner Prognose fasst VoDSL erst in zwei bis drei Jahren Fuß, denn "2002 wird die Unternehmen unter Kostenaspekten primär das Thema Virtual Private Network (VPN) beschäftigen". Seine Einschätzung begründet der Consultant unter anderem damit, dass Punkte wie die Quality of Servcie (QoS) noch nicht geklärt seien. Bei allen Vorbehalten empfiehlt er den Anwendern jedoch, bereits im nächsten Jahr in kleineren Testprojekten, etwa bei der Anbindung von Zweigstellen oder Agenturen, die neue Technologie zu testen.

Migrationsweg sicherstellen

Selbst in Zeiten knapper IT-Budgets dürften solche Tests für die meisten Unternehmen finanzierbar sein. Die Sprachübertragung via DSL erfordert lediglich ein integriertes Access Device, das in den meisten Fällen wohl die Provider bereitstellen. Sollte dies nicht der Fall sein, halten sich die Kosten trotzdem auf überschaubarem Niveau. Nach Einschätzung von Siemens-Manager Rodler werden die erforderlichen Geräte in der Grundversion um die 1000 Euro kosten. An diese Box schließt der Anwender dann entweder die vorhandene klassische TK-Anlage oder ein VoIP-System an. Parallel zu ersten Tests empfiehlt Christiansen den Unternehmen, bei der VPN-Einrichtung das Thema VoDSL in der Kapazitäts- und Infrastrukturplanung gleich einzubeziehen, um einen Migrationsweg sicherzustellen.