Deutschland-Chef Armin Müller im Gespräch

VMware will die Cloud-Welten steuern

10.01.2020
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
VMware steht angesichts der sich ändernden IT-Infrastrukturen in Unternehmen unter ständigem Anpassungsdruck. Deutschland-Chef Armin Müller sieht vor allem Chancen: Man wolle der Begleiter der Unternehmen auf dem Weg in eine Multi-Cloud-Welt sein.
  • Warum Kosten-Management, Governance und Automatisierung im Multi-Cloud-Zeitalter neue Chancen für VMware eröffnen
  • Was es mit den Übernahmen von Pivotal und CarbonBlack auf sich hat
  • Warum SaaS- und Public-Cloud-Umgebungen unangenehme Lock-in-Effekte nach sich ziehen können
Der ehemalige Oracle-Manager Armin Müller ist seit September 2018 bei VMware Vice President & Country Manager für Deutschland.
Der ehemalige Oracle-Manager Armin Müller ist seit September 2018 bei VMware Vice President & Country Manager für Deutschland.
Foto: VMware

Hat sich die Strategie von VMware im Zuge der Cloud-Computing-Revolution geändert?

Armin Müller: Wir haben unsere Technologien vom Data Center in Richtung Hybrid und Public Cloud, hyperkonvergenten Infrastrukturen und Edge-Devices ständig weiter ausgebaut. Unser Mantra heißt nach wie vor: Any device, any application und any Cloud - wir wollen also, dass unsere Kunden jede Anwendung auf jedem Gerät und in jeder Cloud betreiben können. Wir möchten der Anbieter sein, der Unternehmen in die Lage versetzt, neueste Technologien unmittelbar nutzen zu können.

Wie sehen Sie die Cloud-Entwicklung? Was ist das Zielbild einer IT-Infrastrukturlandschaft, das VMware in seiner Produktentwicklung vor Augen hat?

Müller: In unseren täglichen Gesprächen mit CIOs und Vorständen erleben wir, dass sich der Paradigmenwechsel in unterschiedlicher Geschwindigkeit vollzieht. Manche sind in der Cloud-Adaption schon weit fortgeschritten, andere stecken noch in der Planungsphase und wieder andere wollen noch ein paar Jahre in ihrer eigenen IT-Welt weitermachen. Da gibt es ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten.

Wir haben von Anfang an gesagt: any Cloud. Alles, was wir auf der Softwareseite tun, was wir entwickelt und zugekauft haben, kann mit den führenden Cloud-Diensten zusammenspielen. Unsere Partnerschaften mit Amazon, Oracle, Google und anderen sind so aufgebaut, dass Kunden ihre Cloud-Lösungen flexibel in einer hybriden Welt realisieren können.

2018 haben wir CloudHealth Technologies übernommen, einen Spezialisten für das Management von Multi-Cloud-Umgebungen. Damit sind wir bei Kosten-Management, Governance, Automatisierung, Sicherheit und Performance-Management heterogener Cloud-Landschaften einen großen Schritt vorangekommen.

SaaS-Angebote müssen gemanagt werden

Ist für Sie erkennbar, was Ihre Kunden künftig in der Public Cloud vorhaben und was sie im eigenen Rechenzentrum behalten?

Müller: Zunächst mal ist es einfach eine Tatsache, dass es immer mehr Lösungen nur in der Public Cloud gibt. SaaS-Angebote wie Salesforce, ServiceNow oder Workday sind Beispiele: Die Kunden haben hier keine andere Wahl. Dann gibt es viele Unternehmen, die Dinge in der Cloud ausprobieren möchten, zum Beispiel weil sie ihre Infrastrukturen bei stark volatilen Anforderungen entlasten oder weil sie einen bestimmten Dienst nutzen wollen.

Ihre Kernanwendungen geben derzeit nur wenige Anwender in die Cloud, aber das wird jetzt auch zunehmend ein Thema. Egal unter welchen Voraussetzungen: Wir wollen unsere Kunden begleiten, damit sie in die Cloud gehen können, ohne dass es Brüche gibt. Mit Cloud Foundation heben wir sie in ihrer On-Premise-Welt auf einen Software-Stack, der dann auch in der Amazon- oder Google-Cloud laufen kann.

Manche Unternehmen wollen ihre Anwendungen via Lift and Shift eins zu eins in die Cloud heben, andere machen sich an eine mühevolle Transformation und favorisieren einen Cloud-native-Ansatz. Wie positioniert sich VMware?

Müller: Wir unterstützen beide Ansätze. Viele unsere Kunden haben nur einen Teil unserer Cloud-Foundation-Lösungen im Einsatz. Dahinter verbergen sich ja mehrere Produkte: vSphere, vSAN und NSX für die Virtualisierung von Rechenleistung, Speicher und Netzwerk sowie die vRealize-Suite für Cloud-Management und -Monitoring. Wir heben den Kunden erstmal in der On-premise-Welt auf diesen Stack, der ihm schon Technologien an die Hand gibt, die er sonst nur in der Cloud hat. Und dann hat er die Möglichkeit, auch wirklich in die Public Cloud zu gehen. Dort kann er dann auch Cloud-native-Dienste beispielsweise aus dem AWS-Baukasten nutzen.

Auch die Hyperscaler können Hybrid-Cloud-Management

Mit AzureStack von Microsoft, Outposts von AWS und Anthos von Google haben alle Hyperscaler ebenfalls Hybrid-Cloud-Lösungen im Angebot, mit denen Kunden Workloads wahlweise on Premise oder in der Public Cloud laufen lassen können. Sind das nicht äußerst starke Wettbewerber für VMware?

Müller: Wir haben Partnerschaften mit all diesen Unternehmen und sind im Bereich Virtualisierung bei Hundertausenden von Kunden weltweit gesetzt. Deshalb erlebe ich hier derzeit keinen Konkurrenzdruck.

Verbindet Sie mit einem dieser Hyperscaler eine besonders enge Partnerschaft?

Müller: Wohl am ehesten mit Amazon, aber mit den anderen verstehen wir uns auch gut. Mit AWS haben wir auch eine Vertriebspartnerschaft und verkaufen AWS-Dienste. Etwas Vergleichbares zum Beispiel mit Microsoft Azure gibt es derzeit nicht.

Ist es für eine VMware nicht bedrohlich, dass immer mehr Unternehmen immer größere Anteile ihrer Workloads in die Public Cloud verlagern?

Müller: Meiner Einschätzung nach überwiegen für uns eher die Chancen, weil wir ja auch Lösungen anbieten, die es Kunden ermöglichen, verschiedene Cloud-Angebote zu nutzen und zu integrieren. Was in 20 oder 30 Jahren ist, weiß ich auch nicht. In absehbarer Zeit glauben wir aber die richtigen Lösungen zu haben.

VMware wird Pivotal, ebenfalls ein Mitglied der Dell-Familie, integrieren. Warum?

Müller: In der Anwendungsentwicklung entsteht gegenwärtig rund um die Containertechnologie eine ganz neue Welt. Mit Pivotal und deren tiefe Kenntnis der Kubernetes-Plattform haben wir die Chance, davon zu profitieren. Das passt gut mit unseren Produktionslösungen zusammen, die weltweit hunderttausendfach im Einsatz sind. Es gibt schon erste Ansätze, wie wir Kubernetes in vSphere integrieren und generell diese Welten intelligent zusammenführen können. Wenn die Entwickler etwas im Bereich Container bauen, soll das einfach in die Produktion überführt werden können - das ist eines der Ziele.

Anwendungsentwicklung und IT-Produktion sind unterschiedlich gestrickt. Kubernetes bietet aber jetzt Möglichkeiten, Dinge vom Grundsatz her anders, produktionsnah umzusetzen. Das wird aber nicht geschehen, wenn die Plattform im Elfenbeinturm entwickelt wird. Wir wollen diese Welten zusammenführen.

Mit CarbonBlack haben Sie ein weiteres Softwarehaus übernommen, diesmal einen Security-Spezialisten. Was steckt dahinter?

Müller: Unser Ziel ist es, Security viel tiefer in unsere Produkte einzubinden. Das soll schon im Softwaredesign angelegt sein, intrinsisch verfügbar. Es geht also um Security by Design, nicht darum, eine Produktfamilie im Bereich IT-Sicherheit aufzubauen. Da sind wir in der Dell-Familie mit RSA schon gut aufgestellt.

Wie eng ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Unternehmen im Dell-Konzern?

Müller: Unser größter Aktionär ist zwar Michael Dell, aber wir sind nicht Teil des Dell-Konzerns. Unsere Reporting-Strukturen haben nichts mit Dell zu tun. Natürlich arbeiten wir immer mal wieder opportunistisch zusammen, um Kunden gut zu bedienen, aber das tun wir auch mit HP Enterprise oder IBM. Wir richten uns da ganz nach den Kundenwünschen.

VMware verbreitert Produktangebot

Werfen wir einen Blick auf die Umsatzströme bei VMware: Ist vSphere immer noch Ihre wichtigste Cash Cow?

Müller: Ja. Man könnte ja annehmen, dass sich die Kunden komplett aus dem On-premise-Geschäft verabschieden und Richtung Cloud marschieren würden. Das ist aber nicht der Fall. Deshalb wächst das vSphere-Geschäft immer noch! Vielleicht nicht mehr so schnell wie vor 15 Jahren, aber es wächst. Das heißt, dass die Kunden immer noch in ihre klassischen Softwarelandschaften investieren. Das neue Geschäft, also alles, was Non-vSphere ist, wächst aber noch stärker.

Es gibt im Markt derzeit ein großes Ringen darum, wer bei der Steuerung künftiger Hybrid- und Multi-Cloud-Infrastrukturen im Cockpit sitzt. Nicht nur VMware, auch IBM, HP Enterprise, BMC oder die großen Cloud-Hyperscaler haben hier Ambitionen. Warum kann eine VMware dort eine führende Rolle spielen?

Müller: Wenn die Kunden auch hier auf einen der Hyperscaler setzen, führt das zu einer Lock-in-Situation wie in Mainframe-Zeiten. Das wollen die Kunden nicht. Sie werden sich auf Dauer jemanden suchen, der nicht nur die richtige Technologie hat, sondern auch unabhängig ist. Außerdem ist das Thema SaaS-Steuerung sehr wichtig: Die Kunden wollen auch ihre Salesforce- und Workday-Welt gemanagt haben. Mit CloudHealth sehen wir uns hier gut positioniert, es geht dediziert um die Steuerung von Public-Cloud-Infrastrukturen, um Kostenoptimierung und den Return on Invest. Die Kunden wollen einen Überblick über die Cloud-Inseln haben und diese managen.

Besonders wichtig wird das bei geschäftskritischen Anwendungen, wenn Kunden beispielsweise aufgrund veränderter regulatorischer Bedingungen Anwendungen schnell wieder ins eigene RZ zurückholen müssen. Sie wollen ihre Anwendungen zwischen den Public-Cloud-Welten und dem eigenen RZ bewegen können - oder zumindest auf solche Situationen vorbereitet sein.