Viel Geld und schnelle Erfolge im kommerziellen Sektor sind wichtig Gute Chancen auf MPP-Markt haben nur Big Blue und Cray

02.09.1994

MUENCHEN (jm) - Hans-Werner Meuer, Deutschlands Guru fuer die Sparte Hoechstleistungsrechner, sieht schwere Zeiten auf die Anbieter massiv-paralleler Systeme zukommen: "So wie es momentan aussieht, haben Cray Research und IBM die besten Chancen, den Shake-out zu ueberleben". Nicht ueberlebt hat der Hersteller massiv-paralleler Systeme, dessen Name Synonym fuer eine ganze Branche war: die Thinking Machines Corp. (TMC).

Juristen von TMC und Sun Microsystems verhandeln derzeit, welchen Part der Workstation-Marktfuehrer in Zukunft beim MPP-Anbieter uebernehmen wird. TMC musste sich unter Glaeubigerschutz nach Chapter eleven des US-Konkursrechts stellen. Ein TMC-Insider hatte gegenueber der CW geaeussert, Sun werde die Hardware- Entwicklungsabteilung von Thinking Machines kaufen.

Die offizielle Version von Mark Tolliver, Vice-President Strategy and Business Development bei Sun lautet: "Wir werden vielleicht einige Mitarbeiter von TMC und einige Lizenzen uebernehmen. Wir haben aber keine Plaene, operationale Teil des Unternehmens zu kaufen".

Die Branche sieht eher mit gemischten Gefuehlen, dass es nun ausgerechnet ein "Traditions"-Unternehmen getroffen hat, das unter anderem durch den Film "Jurassic Park" ins Bewusstsein einer breiten Masse gelangte. Meinte ein Mitarbeiter von Konkurrent Cray Research noch vor Bekanntwerden der Pleite: "Es waere wirklich schade, wenn Thinking Machines scheitern wuerde."

Brancheninsider schliessen schon Wetten darueber ab, wer der naechste MPP-Havarist sein wird. Rund 25 Unternehmen bieten heute MPP- Systeme an. Innerhalb von drei Jahren, schaetzen Marktforscher der Palo Alto Management Group (PAMG), duerften weitere acht Hersteller hinzukommen.

Diese Unternehmen treten in einen Markt ein, dessen Probleme bekannt sind: sehr teure Rechner mit hochspezialisierten Kommunikationsstrukturen und teils proprietaeren Prozessoren, schwer zu portierende Software, hohe Software- Entwicklungsaufwendungen und - vor allem im kommerziellen Bereich - kaum verfuegbare Applikationen.

Ausserdem ist "der Markt noch sehr jung. Da fuehrt jede kleinste Stoerung zu Irritationen," erklaert Wolfgang Gentzsch, Professor fuer Angewandte Mathematik und Informatik an der FH Regensburg, die extreme Sensibilitaet potentieller Kunden von MPP-Systemen.

Jede Stoerung fuehrt zu Irritationen

Anwender aus dem technisch-wissenschaftlichen Lager seien noch recht risikofreudig. Kunden aus Bereichen wie der Finanz- und Bankenwelt zeigten sich da sehr viel zurueckhaltender. Gerade auf dem kommerziellen Markt aber "wird die Schlacht entschieden, wer den Shake-out ueberlebt," meint Meuer. Weil sich aber ausgerechnet diese Klientel sehr sproede zeige, "dauert es "noch eine ganze Weile, bis da der Durchbruch kommt."

Rosigen Zeiten gehen nach Meinung von Meuer nur Cray Research und IBM entgegen. Die "anderen" muessten sich schon sehr anstrengen, um Erfolg im knallharten Konkurrenzkampf zu haben. Trotzdem sei ueberhaupt nicht abzusehen, wie sich der Markt fuer die massiv- parallelen Systeme entwickeln werde.

Die MPP-Hersteller befinden sich denn auch in einem Teufelskreis. Alle suchen ihr finanzielles Heil bei kommerziellen Anwendern und schichten deshalb Investitionen aus den technisch- wissenschaftlichen Umfeldern um. "Diese Neuausrichtung kostet aber viel Geld," rechnet Gentzsch vor. Wer da nicht kurzfristig Erfolge vorweisen koenne, habe keine Finanzreserven mehr und sei schnell am Ende.

In Kreisen kommerzieller Anwender haben nach Meinung von Gentzsch nur diejenigen MPP-Anbieter eine Chance, deren Firmenlogo in der Branche bereits als Guetesiegel anerkannt ist - Firmen also, die sich im Geschaeft mit Servern und Datenbankmaschinen bereits Lorbeeren verdient haben.

So tauchen wieder die alten Namen auf: IBM, AT&T GIS - vormals NCR und Teradata -, Tandem und HP. "Die anderen haben fast keine Chance", gibt sich Gentzsch pessimistisch.

Juergen Kesper, ehemals Geschaeftsfuehrer der Cray Research GmbH und jetzt fuer die deutsche Niederlassung der Thinking Machines taetig, weiss ein Lied davon zu singen: "Die Bereitschaft von Anwendern aus kommerziellen Taetigkeitsfeldern, sich MPP-Systeme zuzulegen, ist gleich Null, wenn sie irgendeine Moeglichkeit haben, ihre jeweilige Problemstellung auch auf andere Weise zu loesen."

MPP-Anbieter haetten nur eine einzige Chance, bei kommerziell ausgerichteten DV-Managern zu landen: dann naemlich, wenn Anwender mit einem Problem konfrontiert sind, das mit einer herkoemmlichen Herangehensweise nicht zu loesen ist: "Dann sind sie zu einem kleinen Risiko bereit - ein grosses gehen sie aber nicht ein."

Da kaufe sich der Anwender, so Kesper, lieber ein IBM-System. Wenn dann etwas schief gehe, koenne er sich immer noch sagen: "Wenn Big Blue es nicht schafft, wer haette mein Problem sonst aus dem Weg raeumen koennen?"