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Verliert Microsoft mit Rational einen wichtigen .Net-Partner?

09.12.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die am vergangenen Freitag angekündigte Übernahme von Rational Software durch IBM (Computerwoche online berichtete) geht nach Einschätzung vieler Beobachter eher zu Lasten von Microsoft denn Big Blues zahlreicher Wettbewerber im Java-Umfeld. Der Redmonder Konzern hatte am Freitag sogar eingeräumt, sein Management habe intern selbst eine Übernahme des Spezialanbieters für Application-Modeling und -Design diskutiert.

Rationals im Februar vorgestelltes Modeling-Tool "XDE" lief neben IBMs Websphere auch integriert in Microsofts IDE (Intergrated Development Environment) "Visual Studio .Net" und wird laut "Computerwire" generell für leistungsfähiger gehalten als die eigenen Tools der Gates-Company (unter anderem "Visual SourceSafe"). Außerdem konnten Microsofts .Net-Kunden auf die Dienste von Rationals 90-Millionen-Dollar-Beratungsmannschaft zurückgreifen, die in den Bereichen Change Management und Anwendungs-Engineering einen hervorragenden Ruf genießt.

Diese Experten dürften so gut wie sicher in Richtung Java verlustig gehen. "Mit .Net-Consulting ist jetzt Schluss. Nie und nimmer wird Rational das zusammen mit Java anbieten", vermutet etwa Borlands Chief Strategy Officer Ted Shelton. Auch Bea Systems, das im Bereich J2EE-Appserver gegen IBM konkurriert, glaubt, dass Microsoft einen wichtigen Partner verliert. "Rationals Geschäft hatte zwei Teile - Microsoft und IBM. Ein Teil ist jetzt verschwunden", erklärte Erik Friedberg, Senior Director für das Produkt-Marketing.

Laut Sam Patterson, Chef des auf wiederverwendbare Softwarekomponenten spezialisierten Anbieters ComponentSource, stand IBM vor einer schwierigen Entscheidung bei der Frage, ob und wie es die Entwicklung für .Net einschränken oder stoppen konnte, das mit Java konkurriert. Den Rational-Deal wertet Patterson als "Coup" für IBM, das sein "Websphere"-Portfolio um eine weitere starke Marke ergänze und sich im Lifecycle-Bereich der Softwareentwicklung führende Marktanteile erobere.

IBMs oberster Software-Manager Steve Mills, an den Rational-Chef Mike Devlin künftig berichtet, äußerte sich um die künftige Unterstützung rivalisierender Entwicklungsumgebungen durch Rationals Werkzeuge bereits zurückhaltend. "Das hängt davon ab, wie sich der Markt entwickelt. Wir erwarten, dass sich der Markt rein zahlenmäßig erheblich verkleinert", sagte Mills in einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag.

Microsoft ist angesichts all dessen aber offiziell nicht bange. Der für Visual Studio .Net zuständige Lead Product Manager Dan Hay betonte, das Tool werde durch die Rational-Übernahme nicht abgewertet, denn Microsoft habe in diesem Bereich rund 100 weitere Partner vorzuweisen. "Es gibt jede Menge anderer Lösungen da draußen, für die sich unsere Kunden entscheiden können", hofft Hay.

Naturgemäß sehen IBM und Rational die Angelegenheit zunächst einmal ganz anders. In einer von Big Blue im Zuge der Übernahme veröffentlichten FAQ-Sammlung heißt es beispielsweise, der Konzern biete mit der Übernahme nun "die breiteste Unterstützung für Software-Entwicklungsumgebungen". Die kombinierten Lösungen von IBM und Rational unterstützten sowohl Kunden, die Geschäftsanwendungen auf J2EE und .Net entwickeln, als auch solche Anwender, die technische Softwareprodukte und -systeme erstellen. Eine klare Absage IBMs an Microsoft und seine Web-Services-Architektur .Net war angesichts der breiten Diversifizierung des Armonker IT-Giganten auch nicht zu erwarten. Ob die Rational-Sparte J2EE und .Net künftig gleichwertig bedient oder sich wie von den zitierten Wettbewerbern aus der Java-Ecke erhofft sich eher von Microsoft abwendet, bleibt abzuwarten. (tc)