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US-Kartellbehörden geben Covisint grünes Licht

12.09.2000
Meilenstein für Online-Marktplätze?

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die US-Regulierungsbehörde Federal Trade Commission (FTC) hat der Gründung des Online-Marktplatzes Covisint zugestimmt, will das Projekt jedoch auch künftig im Auge behalten. Die Absegnung des Joint Ventures zwischen den Automobilgiganten Ford, General Motors (GM) und DaimlerChrysler - mit einem kombinierten Handelsvolumen von 300 Milliarden Dollar jährlich die bislang größte Internet-Börse - gilt einigen Experten zufolge als Durchbruch in Sachen Online-Plattformen. Sie rechnen damit, dass nun auch andere Projekte, die auf ihre Genehmigung warten, bald grünes Licht erhalten werden.

Aufatmen können die drei großen Automobilkonzerne sowie ihre Technologiepartner Oracle und Commerce One jedoch erst, wenn auch die deutschen Behörden den Online-Marktplatz billigen. DaimlerChrysler-Sprecher Wolfgang Scheunemann erklärte gegenüber der COMPUTERWOCHE: "Wir rechnen fest damit, dass auch die deutschen Kartellwächter das Projekt genehmigen werden." Das Bundeskartellamt wird das Ergebnis seiner Covisint-Untersuchung voraussichtlich im vierten Quartal 2000 bekannt geben.

Auch in den USA ist Covisint durch die FTC-Absegung noch nicht ganz aus dem Schneider. Die US-Behörden betonten, dass es sich bei ihrer Entscheidung um eine vorläufige Bestimmung handele. In einer Stellungnahme hieß es, Covisint befinde sich noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, daher könne man künftige Verstöße gegen das Kartellrecht noch nicht ersehen. Gegebenenfalls werde die Untersuchung wieder aufgenommen. Gegenstand der FTC-Untersuchung war vor allem die Fragestellung, ob die Autogiganten ihren an den Marktplatz angeschlossenen Zulieferern Preismodelle und Handelspraktiken diktieren würden.

FTC-Mitglied Mozelle Thompson warnte in einem Interview mit der CW-Schwesterpublikation "Computerworld" jedoch davor, dass andere Online-Projekte wegen der positiven Entscheidung im Covisint-Fall nicht automatisch mit einem ähnlichen Ergebnis rechnen könnten: "Was für Covisint gilt, muss nicht für alle gelten. Jeder vorgeschlagene Online-Marktplätze ist verschieden. Einige wollen die Zulieferkette effizienter gestalten, andere wollen Dienstleistungen und Güter anbieten. Wieder andere planen lediglich den Austausch von Informationen."

Nichtsdestotrotz begrüßte die Branche die Entscheidung der FTC als einen entscheidenden Durchbruch in Sachen Online-Marktplätze. Kritik hagelte es jedoch bezüglich des sechsmonatigen Prüfverfahrens. Die Regierung könne nicht mit ihrem ausufernden Zeitrahmen auf die New-Economy-Initiativen von Old-Economy-Unternehmen reagieren, ohne diesen Wettbewerbsnachteile zu verschaffen, sagte GM-Chairman John Smith auf einer Veranstaltung in Detroit, Michigan: "Alle Firmen unserer Wirtschaft müssen in der Lage sein, sich in Web-Geschwindigkeit weiterzuentwickeln, und nicht nur die so genannten New-Economy-Firmen."

Sechs Monate mussten die Covisint-Gründer auf die Zustimmung der US-Kartellbehörde warten. In dieser Zeit lag das Projekt quasi auf Eis. Zwar wurden von den drei Autoherstellern und ihren Technologiepartnern insgesamt 200 Mitarbeiter für die Vorbereitung der neuen Autobörse abgestellt, mit der eigentlichen Personalrekrutierung konnte bislang jedoch nicht begonnen werden. Zudem wurden wichtige Unternehmensentscheidungen wie die Wahl des endgültigen Firmensitzes (Behelfsquartier ist derzeit Southfield, Michigan) oder des Chief Executive Officer (CEO) dadurch verzögert. Einer der provisorischen Co-Chefs, Alan Turfe, hatte Covisint vor kurzem verlassen (Computerwoche.de berichtete). Er setzte auf Nummer sicher und besetzt nun den Chefsessel bei der Online-Metallbörse Metalspectrum. Auch den für dieses Jahr geplanten Börsengang von Covisint haben die Automobilriesen inzwischen auf 2001 verschoben.

Wegen Covisints ungewisser Zukunft hatten es die Autokonzerne auch schwer, weitere Partner für ihren Marktplatz zu finden. Zwar haben Nissan, Renault und Toyota sowie 25 Zulieferer bereits Interesse an einer Mitgliedschaft bekundet, angesichts der rund 30 000 Supplier weltweit hat Covisint das Potenzial jedoch noch lange nicht erschöpft. Sollte die Entscheidung des Bundeskartellamtes ebenfalls positiv ausfallen, könne Covisint laut DaimlerChrysler-Sprecher Scheunemann umgehend den Betrieb aufnehmen.