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Unternehmensführung auf Zeit - Markt für Interim-Manager wächst

13.02.2007
Sie sind keine klassischen Zeitarbeiter, aber lange hält es sie trotzdem nie in einem Unternehmen: Was auf den Trainerbänken der Bundesliga üblich ist, setzt sich mehr und mehr auch in Chefetagen von deutschen Unternehmen durch.

Vor allem in Krisensituationen werden so genannte Interim-Manager geholt, die den Karren aus dem Dreck ziehen sollen. Frauen entdecken den relativ jungen Markt als Chance, überhaupt Aufgaben im Top-Management zu übernehmen.

"Im Gegensatz zu Unternehmensberatern haben Interim-Manager Weisungs- und Entscheidungskompetenzen", erklärt Rüdiger Kabst, Professor für Personalmanagement an der Universität Gießen. "Das macht einen gravierenden Unterschied." Interim-Manager werden gerufen um Vakanzen zu überbrücken, Know-how in ein Unternehmen einzubringen oder Projekte zu leiten, fügt Jens Christopher von der Dachgesellschaft Deutscher Interim Manager (DDIM) in Münster hinzu.

Einer Umfrage der Interim Manager-Agentur Ludwig Heuse mit Sitz in Kronberg im Taunus zufolge werden die Führungsexperten in erster Linie dann gerufen, wenn es brennt: In fast 34 Prozent der Fälle stehen Sanierung, Restrukturierung oder Krisenmanagement an. Die meisten Einsätze haben die Manager auf Zeit in der Automobilbranche, danach folgen Verbraucherendprodukte, Investitionsgüter, Handel sowie jüngere Branchen wie Telekommunikation, IT, Media und Elektronik.

Während in den Niederlanden und Großbritannien Posten in den Führungsetagen bereits seit den 80er Jahren auf Zeit besetzt werden, ist Interim-Management in Deutschland noch ein relativ junges Instrument. "Vor einigen Jahren hat das noch niemand gekannt", sagt Kabst. An seinem Lehrstuhl wurden im Jahr 2005 fast 360 Unternehmen zum Einsatz von Interim-Managern befragt. Nur etwa 20 Prozent hatten sich in den vorangegangenen drei Jahren einmal externe Führungskräfte zur Hilfe geholt. Etwa fünf Prozent wussten überhaupt nichts mit dem Begriff anzufangen.

"Wir rechnen heute mit etwa 2000 bis 2500 Managern, die Interim-Management professionell betreiben", sagt Christophers. Das Marktvolumen des Bereichs liege derzeit bei 600 Millionen Euro, im Jahr 2000 seien es nur 60 bis 80 Millionen Euro gewesen. "Und der Wachstumstrend setzt sich fort."

Interim-Manager seien gut ausgebildete Führungskräfte, die jahrelange Erfahrung in Festanstellung mitbringen, sagt Christophers. Die Branche werde aber jünger - und weiblicher, obwohl der Frauenanteil nur auf etwa fünf bis zehn Prozent geschätzt wird. Weniger als in der gesamten Wirtschaft: Das Statistische Bundesamt gab in der letzten Erhebung im Mikrozensus 2004 den Frauenanteil unter "Top-Führungskräften" mit 21 Prozent an.

Katrin Grunert-Jäger nutzte das Interim-Management, um auf Führungsebenen zu arbeiten, die ihr sonst verwehrt blieben. "Ich hatte eine Stufe erreicht, auf der ich wusste, dass es als Frau nicht mehr weiter geht", sagt 46-Jährige, die eine leitende Position als Investmentbankerin in einer großen Bank besetzte, bevor sie sich selbstständig machte. Heute übernimmt die gelernte Volljuristin Führungspositionen in den Bereichen Finanzen, strategisches Management und Business Development in mittelständischen Unternehmen. Sie schätzt die Stellung als unabhängige Dritte. "Es ist der perfekte Beruf jenseits von Politik und Macht", sagt sie.

Ähnliche Erfahrungen machte Doris Erb. Nach 13 Jahren als oberste Personalmanagerin in einem großen Konzern gab es für sie keine weiteren Aufstiegsmöglichkeiten. Deshalb machte sich die 55-Jährige vor elf Jahren selbstständig, um eine neue Herausforderung zu finden. Sie fasziniere die Vielfalt der Fragestellungen, die unterschiedlichen Branchen und Menschen, die sie zu Gesicht bekomme. Durchsetzungsprobleme kennen die beiden Frauen nicht.

"Interim-Manager müssen über Charisma verfügen und extrovertiert sein", sagt Ludwig Heuse. Nur so könnten sie im Unternehmen rasch Verbündete finden. "Eigenbrötler haben hier keine Chance". Eine geschlechtsspezifische Diskriminierung gibt es nach Worten von Heuse auf dieser Ebene nicht. "Wer sich dieses Hobby noch leistet, ist nicht mehr zeitgemäß." (dpa/tc)