Es darf nicht nur einen Karrierepfad geben

Unternehmen müssen Fachkarrieren ermöglichen

31.05.2016
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Seit 2008 fokussiert sich der ehemalige IT-Unternehmer und Bitkom-Hauptvorstand darauf, Führungskräfte und Mitarbeiter der IT-Branche als Coach und Trainer zu unterstützen. Er ist Autor des Fachbuchs "Führungspraxis für Ingenieure und IT-Experten"

Vorsicht vor Zweiklassengesellschaft

Welcher Sportler ist der Beste der Welt? Der Ironman oder der Ultra-Marathon-Wüstenläufer, der Zehnkämpfer oder der Welttorhüter, der Bogenschütze oder der Apnoetaucher?

Es liegt in unserer Natur, Dinge miteinander zu vergleichen, um danach feststellen zu können, wer der Bessere, Mächtigere, Schnellere oder Intelligentere ist. Genau das wird passieren, wenn Fachkarriere und Führungskarriere nebeneinander existieren. Insbesondere Vertreter der "alten Garde" von Führungskräften, die mehr an Macht als an der Entwicklung ihrer Mitarbeiter interessiert sind, werden Fachkarrieren belächeln. Diese Führungskräfte definieren sich über die Anzahl der geführten Köpfe, die Größe des Budgets und ihren Einfluss auf den Vorstand. Die Kollegen der Fachkarriere, denen all diese Rangabzeichen fehlen, sehen sie nicht als gleichwertig an. Das ist ein echtes Problem, wenn es um wichtige Entscheidungen im Unternehmen geht!

Kann man die Akzeptanz eines Mitarbeiters auf dem Fachkarriereweg gegenüber "klassisch-hierarchisch" denkenden Führungskräften durch verordnete Gleichrangigkeit oder schöne Titel herbeiführen? Bringt es etwas, wenn der Personalbereich in einer Tabelle aufzeigt, dass ein Bereichsleiter auf gleicher Ebene mit einem Senior Expert steht?

Wohl kaum. Eine Tabelle sorgt nicht für Akzeptanz. Diese entsteht dann, wenn das Top-Management die Aussagen des Experten genauso bewertet wie die einer Führungskraft. Es wird eine gewisse Zeit dauern, bis sich eine Kultur etabliert, in der Wissen, Erfahrung und Weitsicht mehr Bedeutung haben als die Anzahl geführter Personen und interne politische Beziehungen.

Manche Unternehmen werden diese Veränderung nicht schaffen, weil ihre Führungsebenen aus Angst vor Kontroll- und Machtverlust dagegen arbeiten werden. Ein Teil der heutigen Führungskräfte wird auch schon deswegen opponieren, weil ihnen kein Weg und keine Unterstützung geboten wird, sich selbst zu verändern!

Die Einführung der Fachkarriere ist zwingend notwendig. Aber es ist nicht damit getan, diese Option zu entwickeln, anzubieten und Mitarbeitern damit die lang ersehnte Alternative zur Personalverantwortung zu geben. Experten müssen sich nicht nur fachlich, sondern ebenso konsequent in ihren Soft Skills wie Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit und Einfluss im Unternehmen entwickeln. Ihre Akzeptanz steigt umso schneller, je deutlicher sie den wichtigen Entscheidern im Unternehmen ihren Wertbeitrag zeigen und "verkaufen" können - eine Fähigkeit, die Experten nicht unbedingt in die Wiege gelegt wurde. Doch ohne diese Fähigkeit werden sie wenig Erfolg haben, mit ihrem Wissen und ihren Ideen im Unternehmen Gehör zu finden.

Interne Hausaufgaben bei der Trennung von Führungs- und Fachkarriere

Eine Herkulesaufgabe steht manchen Personalbereichen bevor: Unternehmensregeln wie beispielsweise der Anspruch auf Firmenwagen oder Gehaltsstrukturen dürfen nicht mehr ausschließlich an das Innehaben einer Führungsposition gekoppelt sein. Mit der Einführung der Fachkarriere müssen die bislang an Personalverantwortung gebundenen Privilegien von dieser gelöst werden. Je nach Unternehmenskultur wird dies zu massiven Besitzstandskämpfen führen - die aber nicht zu vermeiden sind.

In letzter Konsequenz wird man zukünftig andere Personen für die noch verbleibenden Führungspositionen einstellen müssen. Menschen, die weniger technisches Wissen, dafür aber viel mehr Führungsfähigkeiten haben und in die neue Kultur passen. Dass sich der Wandel vollzogen hat, wird sich daran zeigen, dass ein fachlich exzellenter IT-ler, der sich auf eine Führungsposition bewirbt, nicht eingestellt wird, weil seine Soft Skills mangelhaft sind und er keine Anzeichen zeigt, seine Führungsfähigkeiten nachhaltig verbessern zu wollen - und stattdessen eine Person gewählt wird, die IT versteht, aber kein IT-Experte ist, sondern in der Führung, im Coaching und in der Entwicklung von Menschen brilliert. (haf)