Broker schätzen Texas Instruments weiter positiv ein:

Überzogene Reaktionen auf Tl-Probleme

05.10.1984

LEIMEN (hr) - Untersuchungen möglicher strafbarer Handlungen bat das Pentagon gegen Texas Instruments schon vor vier Wochen eingeleitet. Das bestätigte der Generalinspekteur des amerikanischen Verteidigungsministeriums Joseph Sherick. Als überzogen bezeichnet dagegen das Brokerhaus Prudential-Bache in einer ausführlichen Stellungnahme die Reaktionen in Wall Street auf die Chip-Affäre.

Die meisten großen amerikanischen Börsenmakler teilen diese Ansicht. Sie verhalten sich im wesentlichen abwartend und verweisen dabei auf die nach wie vor günstigen fundamentalen Faktoren, die aus börsentechnischer Sicht für das Unternehmen gelten.

Prudential-Bache hat zwar die Gewinnschätzung für das laufende Geschäftsjahr leicht nach unten korrigiert, doch will man damit lediglich möglichen Kosten im Zusammenhang mit der Beseitigung des Chip-Problems Rechnung tragen. Texas Instruments ist bereits dem Beispiel von National Semiconductor gefolgt und hat seine Prüfverfahren bei Chips für militärische Anwendungen verschärft.

Die Geschäftsbeziehungen zu den staatlichen und privaten Vertragspartnern dürften daher durch den jüngsten Vorfall nicht nachhaltig beeinträchtigt werden, heißt es. Die zum Teil deutlichen Korrekturen der Gewinnprognosen anderer Analytiker werden von Bache somit zwar als weit überzogen, dennoch aber als sehr positiv für die weitere Kursentwicklung der Aktie des Unternehmens angesehen. Dabei geht man davon aus, daß eine der treibenden Kräfte für den Kursanstieg höhere Gewinnschätzungen sind.

Je weiter daher die Prognosen für Texas Instruments jetzt nach unten korrigiert werden, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, daß die Geschäftsentwicklung der Gesellschaft diese Werte übertreffe und damit wieder höhere Gewinnschätzungen notwendig mache. Prudential-Bache, Dean Witter Reynolds und auch Merrill Lynch raten daher risikofreudigen Anlegern weiterhin massiv zum Kauf dieses Titels und empfehlen, die augenblickliche Kursschwäche zu nutzen.

Wie sehen nun die fundamentalen Faktoren, die allseits so betont werden, aus? Texas Instruments hat sich aus dem schwierigen Markt für Homecomputer zurückgezogen, ohne daß dabei die Finanzsituation insgesamt wesentlich geschwächt wurde. Im letzten Jahr hatte die Besorgnis der Anleger über das Engagement des Unternehmens im Bereich der Kleinstrechner der Aktie einen Kurseinbruch um mehr als 40 Prozent gegenüber dem historischen Kursgipfel bei 176 Dollar beschert.

Nun konzentriert sich Texas Instruments auf seine anderen Geschäftsbereiche, die angesichts der sich stetig bessernden Konjunktur in den Vereinigten Staaten vor einer zyklischen Erholung stehen. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres konnte eine Umsatzsteigerung von mehr als 30 Prozent erzielt werden und der Gewinn je Aktie war auf 3,57 Dollar geklettert gegenüber einem Verlust von 5,00 Dollar im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Angesichts eines Auftragspolsters von 3,4 Milliarden Dollar seien Rekordumsätze und -gewinne in Sicht, meint das Brokerhaus Dean Witter.

Besonders die kräftige Nachfrage nach Halbleiter-Komponenten dürfte in den nächsten zwölf bis 18 Monaten wesentlich zu einer günstigen Entwicklung beitragen. Texas Instruments produziert im Rahmen eines Lizenzvertrages den von National Semiconductor entwickelten 32-Bit-Chip. Der Markt für diesen Chip, der hauptsächlich in Hochleistungsmikroprozessoren von CAD/CAM-Systemen und Robotern verwendet wird, dürfte noch rascher wachsen als der für andere Halbleiter.

Vor diesem Hintergrund gehen Dean Witter und Prudential-Bache für des laufende Geschäftsjahr von einem Gewinn zwischen 14,75 und 14,80 Dollar je Aktie aus, nachdem noch im Vorjahr ein Verlust von 6,09 Dollar verbucht wurde. 1985 dürfte dann der Gewinn auf 16,25 bis 17,00 Dollar steigen. Diese Aussichten scheinen den beiden Brokern im gegenwärtigen Kursniveau noch nicht ausreichend berücksichtigt zu sein. Sie würden einen Aufschlag von 25 Prozent gegenüber dem breiten Markt für durchaus angemessen halten