Interview mit dem CEO von Micro Focus

“Überschneidungen im Produktportfolio sind eine Chance“

21.12.2018
Von 
Jens Dose ist Redakteur der COMPUTERWOCHE und betreut in erster Linie Themen rund um IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance.
Durch die Fusion von Micro Focus und der Softwaresparte von HP Enterprise ist einer der größten Softwarekonzerne entstanden. Stephen Murdoch, CEO von Micro Focus, erklärt die Strategie des Unternehmens.

Vor einem Jahr wurde die Fusion mit HPE Software abgeschlossen. Wie verlief die Einbindung? Gab es Probleme?

Murdoch: Es gibt immer Dinge, an denen man arbeiten muss. Das Besondere an HPE war, dass es sich um eine Abspaltung aus einem größeren Unternehmen handelte und nicht um eine eigenständige Firma. Damit fehlte eine übergeordnete Verwaltung mit den entsprechenden Systemen, was die Integration zu einer Herausforderung gemacht hat. Letztendlich haben wir es aber geschafft, denn die Technologie und die Leute sind großartig. Mit guter Technologie und den richtigen Mitarbeitern lässt sich alles bewältigen.

Stephen Murdoch ist Chief Executive Officer beim Software-Unternehmen Micro Focus.
Stephen Murdoch ist Chief Executive Officer beim Software-Unternehmen Micro Focus.
Foto: Micro Focus

Gab es Bereiche, in denen sich HPE- und Micro-Focus-Portfolios überlappten?

Murdoch: Es gibt wenige Überschneidungen. So hatte Micro Focus im Big-Data-Bereich praktisch nichts im Portfolio, HPE hat hier viel eingebracht. Auch im Security-Umfeld ergänzen sich die Technologien fast zu hundert Prozent. Mit den HPE-Lösungen können wir nicht nur die Applikationen unserer Kunden, sondern auch unsere eigenen Lösungen sicherer machen. Zudem sind wir in der Lage, mit den Micro Focus Identity- und Accessmanagement-Lösungen mehrere Stufen der User-Authentifizierung umzusetzen. Für die Sicherheit, sprich Verschlüsselung, von Daten "in transit" oder "at rest" haben wir ebenfalls sehr gute Produkte.

Gleiches gilt für IT-Operations und -Monitoring - hier gibt es nur eine winzige Schnittmenge.

Bei Anwendungsentwicklung und Lifecycle-Management existierten mehr Überschneidungen. Das sehen wir aber nicht als ein Problem, sondern als Chance. Es erlaubt uns, beide Kundenstämme zu bedienen. Wenn wir zwei Produkte haben, die zwar ursprünglich für denselben Anwendungsfall entwickelt wurden, aber mit der Zeit in unterschiedliche Richtungen gewachsen sind, dann kann jedes davon irgendetwas besser als das andere. Das übertragen wir dann in die jeweils andere Lösung, so dass beide besser werden. Zum Beispiel im Bereich Application Delivery Management (ADM) haben wir das so gemacht.

Das bedeutet für unsere Kunden, dass die Produkte besser werden und - was noch wichtiger ist - wir kein laufendes Produkt einstellen. Diese Lösungen sind oft stark in die Geschäftsprozesse eingebettet und wenn sie wegfallen würden, hätte der Kunde ein großes Problem. Das passiert bei uns nicht, wir bieten bestmögliche Investitionssicherheit.

Innovation schneller realisieren bei niedrigerem Risiko

Was genau ist das Marktsegment, in dem sich Micro Focus heimisch fühlt?

Murdoch: Wir sind davon überzeugt, dass die Welt unserer Kunden hybrid ist. Die IT hat sich in all den Jahren von Mainframe zu verteilten Client-Server-Architekturen entwickelt, dann kamen Public, Private und Hybrid Clouds hinzu, nun ist IoT in aller Munde. Nach wie vor finden wir viele gewachsene und damit komplexe Umgebungen bei den Kunden vor und helfen ihnen, durch strukturierte Lösungen Vereinfachung, Automatisierung und damit Kostenreduktion bei gleichzeitiger Steigerung der Effizienz zu erreichen.

Unsere Kunden beklagen oft, dass die Idee der digitalen Transformation scheitert, weil das Zusammenspiel von Mitarbeitern, Prozessen und Technologie nicht funktioniert. Zudem sind Betrieb und Transformation nicht klar differenziert. Darum verfolgen wir einen Ansatz kundenzentrierter Innovation, der Wirkung zeigt. In einem Satz zusammengefasst heißt das: Wir helfen dabei, schneller Innovation zu realisieren bei niedrigerem Risiko.

Wie sieht das konkret aus?

Murdoch: Wir unterscheiden in drei verschiedenen Typen von Innovation.

Erstens: Neue Geschäftsmodelle entwickeln und bestehende anpassen. Darunter fallen unter anderem Analytics-basierte Dashboards für Entscheider, die zum Beispiel dynamische Preisgestaltung im Handel ermöglichen, oder frühe Diagnosen und individuelle Behandlungsmethoden in der Medizin.

Zweitens: Brücken zwischen dem Alten und dem Neuen bauen, damit Kunden auf der Basis dessen, was sie bereits haben, innovieren können. Wenn Sie beispielsweise vor 42 Jahren eine Applikation mit einem COBOL-Compiler geschrieben haben, helfen wir Ihnen, diese in auf modernen Cloud-Plattformen, wie Microsoft Azure oder AWS auszuführen oder eine zeitgemäße Multi-Faktor-Authentifizierung davor zu schalten, ohne eine Zeile des originären Codes anfassen zu müssen. Wenn Sie Ihre Daten in großen, verteilten Infrastrukturen analysieren wollen, müssen Sie sie oft erst in eine Analytics-Lösung übertragen - das kann aufwändig und teuer sein, je nachdem, wo die Daten liegen. Wir gehen einen anderen Weg: Denn wir bringen unsere eigenen Analytics-Lösungen in unsere Produkte und erreichen somit die Korrelation zu den Daten.

Drittens: Wir halten den Kunden auf lange Sicht den Rücken frei. Ist eine Technologie veraltet oder überholt, aber immer noch wichtig, um Kunden gut zu bedienen, dann treiben wir die Innovation auf Basis dieser Technologie so lange wie möglich weiter voran. Viele unserer Kunden haben beispielsweise noch Novells On-Premise-E-Mail-Lösung im Kern ihrer Business Operations, aber das Ökosystem um das Produkt herum schwindet. Der letzte Anbieter von Anti-Malware für das Produkt war kurz vor dem Absprung. Also haben wir das Unternehmen gekauft und ermöglichen den modernen, sicheren Betrieb der alten Novell-Lösung in einer Multi-E-Mail-Umgebung durch Active Sync mit Exchange, Office 365 etc.

Das klingt nicht gerade nach einem modernen Ansatz.

Murdoch: Oh doch. Das wird klarer, wenn man sich anschaut, wie wir die aktuellen Herausforderungen angehen. Nehmen wir das Beispiel DevOps: Die meisten DevOps-Implementierungen sind heute singuläre Projekte oder auf einzelne Abteilungen beschränkt, wir denken DevOps unternehmensweit.

Oder nehmen Sie das Management hybrider IT, also all die Fähigkeiten, um in einer vielschichtigen, über viele Generationen gewachsenen IT-Welt zu leben. Darunter fällt die beschriebene verteilte Echtzeit-Datenanalyse, aber auch die Fähigkeit, in der Cloud zu arbeiten, sich dann umzuentscheiden und es wieder rückgängig zu machen. Das mag einfach klingen, es ist aber tatsächlich ziemlich schwierig, etwas aus der Cloud wieder zurückzuholen.

Wichtig sind für uns auch Security, Risk und Governance. Security umfasst den Schutz von Anwendungen, Nutzern und Daten. Der Risk- und Governance-Teil hebt das nochmal eine Stufe höher und befasst sich mit Policies, Datenschutz oder dem Einhalten interner Compliance-Regeln.

Ein weiteres Beispiel ist Predictive Analytics. Auf der technischen Ebene reden wir über "Analytics", im Business-Bereich geht es aber um "Insights". Die Analysen sollen verwendet werden, um Erkenntnisse zu liefern. Wir tun das auf zwei Arten: Wir bauen eine Architektur in Form einer Big-Data-Plattform und betten diese Fähigkeit in alle anderen Gebiete ein. Wenn Sie Netzwerk-Traffic analysieren wollen, dann nutzen Sie Big Data in unserem Netzwerk-Management-Tool. Sie müssen die Daten nicht irgendwo anders hin verlagern. Die Informationen können zwar in eine übergreifende Architektur gespeist werden, aber wenn Sie nur wissen wollen, was in Ihrem Netzwerk los ist, können sie es direkt dort machen.

Service Management ist zentral

Für welche Technologien sehen Sie in Deutschland den höchsten Bedarf?

Murdoch: Security ist in Deutschland sehr wichtig und auch DevOps. Wir erhalten viele Nachfragen im Bereich DevSecOps, also DevOps von Anfang an mit Blick auf die Sicherheit zu betreiben.

Diesbezüglich existiert oft noch die Vorstellung, dass agile Prozesse ausgebremst werden, wenn Sicherheit hinzugefügt wird.

Murdoch: Ja, das ist ein Thema. Wir beheben diese Probleme gerade bei unserem eigenen DevOps-Prozess. Hier zeigt sich, dass es nicht nur auf Technologie ankommt, sondern auch auf Mitarbeiter und Prozesse. DevSecOps hat viel mit Verhalten zu tun und wenig mit Technologie.

Und neben Security und DevOps?

Murdoch: Die anderen starken Themen sind Service Management und die erwähnte Überbrückung von Alt und Neu. Wir arbeiten mit zahlreichen hochkarätigen Partnern zusammen: PwC, Accenture, Deloitte, Capgemini, TCS, DXC um nur einige zu nennen - und auch mit Distributoren und vielen wichtigen Channel-Partnern. Sie alle nutzen unsere Produkte und Lösungen, um die Anforderungen ihrer Kunden zu erfüllen. Liefert ein Dienst - sei es eine SAP-Instanz oder eine Bestell-App - nicht die gewünschte Leistung, ist der Kunde heute schnell weg. Ein großer Managed Service Provider (MSP) betreut beispielsweise 1.200 SAP-Instanzen in verschiedenen Clouds für seine Kunden. Das ist ein sehr hoher Management- und auch Kostenaufwand. Wir helfen ihm dabei, diese Umgebung agil und performant zu verwalten. Um das auch in Zukunft zu tun, erweitern wir unsere bewährten Lösungen beim Kunden um Innovationen wie Big Data Analytics etc.

Dabei darf man aber das Alte nicht aus den Augen lassen. Man kann die Infrastruktur zum Beispiel einer Deutschen Bank nicht einfach ändern, sondern muss auf dem Bestehenden aufbauend weiterentwickeln. So unterstützt Micro Focus bei den großen aktuellen Themen wie IT-Modernisierungen und insbesondere bei digitalen Transformationen.

Haben Sie ein ausreichend großes Produktportfolio, um diesem Anspruch gerecht zu werden?

Murdoch: Jeder kennt unsere bisherigen Marken wie zum Beispiel ArcSight oder Mercury, aber das große Ganze sehen momentan noch wenige. Mit HPE Software haben wir nun insgesamt 311 Produkte im Portfolio, die es uns ermöglichen, ein "Trusted Advisor" für kundenzentrierte Digitalisierungslösungen für große und mittelständische Kunden zu sein - und zwar "End-to-End". Wir können Nutzer, Apps und Daten absichern, nicht nur eines oder zwei davon. Wir sind dazu in der Lage, weil wir ein solides Fundament aus robuster, erprobter Technologie und langjähriger Erfahrung haben, auf dem aufbauend wir passende Lösungen für die Anwendungsfälle der Kunden erarbeiten und zukunftssicher weiterentwickeln können.

Was haben Sie in den nächsten Jahren vor? Mir ist zum Beispiel nicht bekannt, dass Sie sich mit Low Code beschäftigen. Überlegen Sie in diese Richtung zu gehen?

Murdoch: In einigen Bereichen sind wir dabei auszuloten, wie wir Dinge auf Code-lose Art machen können. Außerdem sind wir dabei, viele Robotic-Process-Automation (RPA)- und Self-Service-Komponenten in unser Portfolio einzubauen, sodass unsere Kunden komplexe Netzwerke und IT-Installationen mit tausenden Servern betreiben und verwalten können. Je mehr man die Routine automatisieren kann, desto besser. Das nutzen wir auch intern bei unseren Managed Services und SaaS-Angeboten. Bei aller Innovation werden sich aber einige Dinge nicht ändern. Nehmen wir das Beispiel des Managed Service Providers mit den 1.200 SAP-Instanzen von vorhin: Die Herausforderungen des IT Operations Management von mehreren Cloud-Services unterscheidet sich nicht grundlegend von denen großer On-Premise-Implementierungen. Man muss dieselben Probleme lösen auf eine etwas andere Weise.

Haben Sie besondere Pläne für den deutschen Markt?

Murdoch: Das Wichtigste ist es im Moment, Micro Focus auf die Agenden der großen Unternehmen zu bringen. Dann folgen Kundenzentrierung und das Voranbringen von Innovation, Digitalisierung und Performance. Geschwindigkeit, Agilität und Sicherheit sind die Hauptthemen der CIOs und diese adressieren wir gezielt. In der Vergangenheit hatten wir einen etwas siloartigen Zugang zum Markt. Wenn jemand über Service Management sprach, redete er nicht über Sicherheit. Das wollen wir ändern und vom Produkt- zum Lösungsanbieter werden. Micro Focus hat sich über die letzten Jahre gewandelt. Wir bewegen uns mit unseren vier Säulen vorwärts um unseren Kunden zu signalisieren: Wir sind hier, um euch zu unterstützen in all diesen Fällen. Das ist keine Zukunftsvision, sondern Realität. Wir sind dazu jetzt in der Lage.