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Tiscali schuckt World Online für 5,9 Milliarden Euro

08.09.2000
Tiscali sagt T-Online den Kampf an

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nun ist es amtlich: Der italienische Internet-Service-Provider Tiscali übernimmt den niederländischen Branchenkollegen World Online International für 5,9 Milliarden Euro in Aktien. Das europäische Internet-Schwergewicht T-Online bekommt ernst zu nehmende Konkurrenz, denn durch die Kombination der beiden ISPs entsteht der nach der Telekom-Tochter zweitgrößte Online-Dienst Europas.

Die World-Online-Aktionäre sollen bei der vereinbarten Akquisition 0,43 Tiscali-Anteile im Wert von 20 Euro erhalten. Gemessen an dem amtlichen Börsenwert des World-Online-Papiers vom vergangenen Mittwoch erhalten die Anleger des niederländischen ISPs damit einen Aufschlag von 27 Prozent. Die Aktien der beiden Unternehmen waren gestern vom Handel ausgesetzt. Die Tauschrate gilt so lange, wie der Wert des Tiscali-Papiers innerhalb der Spanne von 40,90 bis 49,90 Euro liegt. Sollte Der Kurs davon abweichen, wird die Tauschrate angeglichen.

An dem fusionierten Unternehmen, das den Namen Tiscali tragen und seinen Hauptsitz in Mailand beziehen wird, halten die Italiener künftig 56,7 Prozent und die World-Online-Aktionäre 43,3 Prozent. World-Online-Chef James Kinsella soll als Chief Executive Officer (CEO) das operative Geschäft der Company übernehmen. Tiscali-Chef Renato Soru, der den italienischen ISP 1997 in Cagliari, Sardinien, gründete, bekleidet künftig die Position des Chairman. Er wird mit einer Beteiligung von 36 Prozent der größte Anteilseigner der neuen Firma. Die Sandoz Foundation, mit 44 Prozent größter World-Online-Aktionär, hält an dem fusionierten Unternehmen 18 Prozent.

Mit der Kombination der beiden Unternehmen entsteht ein europäischer Internet-Konzern von über sechs Millionen Kunden in 15 europäischen Ländern und einer Marktkapitalisierung von 12,5 Milliarden Euro. Bis 2002 will der vergrößerte Online-Dienst durch verschiedene Rationalisierungsmaßnahmen wie Entlassungen Kosten von bis zu 600 Millionen Euro einsparen. Dadurch könnte der Breakeven des Unternehmens unter Umständen bereits in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres erreicht werden, hieß es.

Auch künftig will Tiscali verstärkt auf Akquisitionen setzen, um seine Präsenz in Europa weiter auszubauen. Die Kampfansage von Tiscali-Chef Soru an den Hauptkonkurrenten T-Online war deutlich: "Wir wollen zum größten Internet-Anbieter in Europa werden." Als potentielle Übernahmekandidaten werden von Analysten derzeit der britische ISP Freeserve, bei dem T-Online nicht zum Zuge kam, sowie Liberty Surf aus Frankreich gehandelt. Die Kriegskasse von Tiscali wäre jedenfalls gut gefüllt, denn die Italiener erhalten durch den Kauf von World Online auch dessen Cash-Reserven von 1,6 Milliarden Euro. T-Online zeigt sich indessen unbeeindruckt durch den erstarkten Gegner und sieht seine Führungsposition als europäischer ISP nach eigenen Angaben nicht in Gefahr. Die Telekom-Tochter hatte zur Jahresmitte einen Kundenzahl von 6,4 Millionen und eine Marktkapitalisierung von 39 Milliarden Euro gemeldet.

Fraglich bleibt allerdings, ob die World-Online-Aktionäre die Akquisition durch Tiscali gutheißen werden. Der angebotene Kaufpreis von 20 Euro je Aktie bietet ihnen zwar eine Wertsteigerung von derzeit 27 Prozent, liegt damit dennoch um mehr als die Hälfte unter dem Ausgabepreis der World-Online-Aktien zum Börsengang im vergangenen April.

Die niederländische Aktionärsschutzvereinigung VEB erwägt derzeit eine Klage gegen World Online, das durch die Machenschaften seiner Ex-Chefin Nina Brink in die Schlagzeilen geraten war. Diese hatte kurz vor dem Going Public des Unternehmens im April 2000 zwei Drittel ihrer Unternehmensbeteiligungen verkauft und dies nach Meinung der Investoren nicht angemessen bekannt gemacht. Als diese Informationen an die Öffentlichkeit drangen, sank der Aktienkurs des Konzern rapide. Das Papier, das zu 43 Euro ausgegeben worden war, hat sich seither nicht wieder erholt.