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Tina raubt IT-Chefs der Bahn den Schlaf

05.11.2002
Weil die Zeit für das neue Tarifsystem drängte, entwickelte die Bahn das zugehörige Buchungssystem "Tina" auf einem proprietären Altsystem. Die Modernisierung der IT-Infrastruktur wird nun schwierig.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach etlichen Verzögerungen geht die Bahn mit ihrem neuen Tarifsystem an den Start. Weil die Zeit drängte, entwickelte der Staatskonzern das zugehörige Buchungssystem "Tina" auf einem proprietären Altsystem. Die Modernisierung der IT-Infrastruktur wird nun schwierig.

Wenn am 15. Dezember das neue Tarifsystem der Bahn in Kraft tritt, wird alles anders: "Wir schaffen den Tarifdschungel ab und bieten unseren Kunden Preissicherheit", verspricht Vorstandschef Hartmut Mehdorn. Hans Koch, Marketing-Manager für den Personenverkehr, ergänzt: Dank neuer DV werde im Gegensatz zu früher "jeder Kunde mit Sicherheit ein Ticket zum preiswertesten Tarif bekommen". Alles neu also bei der guten alten Bahn? Keineswegs. Der Staatsbetrieb nutzt für die Tarifumstellung eine Server-Plattform, deren Grundkonzept rund 20 Jahre alt ist.

Altlasten I: Die Tandem-Nonstop-Server entwickelt HP zwar noch weiter, es mangelt aber an aktueller Software wie CRM.
Altlasten I: Die Tandem-Nonstop-Server entwickelt HP zwar noch weiter, es mangelt aber an aktueller Software wie CRM.

Die zentrale IT-Instanz in der Personenverkehrssparte bildet das Vertriebssystem "Kurs 90", eine Eigenentwicklung aus den 90er Jahren. "1995 war das ein tolles System", berichtet ein Mitarbeiter. Heute aber stellten sich neue Anforderungen, die auf der Plattform nur mit hohem Aufwand zu erfüllen seien. Kurs 90 läuft auf proprietären Servern der einst von Compaq übernommenen Firma Tandem unter dem Betriebssystem "Nonstop Kernel". Die Entwicklung des als besonders ausfallsicher geltenden Systems begann in den 80er Jahren.

Bereits im März 2001 hatte Koch gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" erklärt, Kurs 90 sei "am Ende angelangt". In seinen technischen Möglichkeiten sei das System "erschöpft", zitierte das Blatt einen Monat später aus einem Vorstandsbericht an den Aufsichtsrat. Dennoch entschloss sich die Bahn, das neue Preissystem (Codename "PEP") mit dem zugehörigen Buchungssystem Tina als Modul innerhalb von Kurs 90 zu entwickeln.

Mehdorns Ungeduld beim Umbau des Staatskonzerns zum "umfassenden Mobilitätsdienstleister" dürfte die Entscheidung wesentlich beeinflusst haben. Denn eine Migration des gesamten Vertriebssystems auf eine moderne Unix-Plattform hätte laut unternehmensinternen Angaben erheblich länger gedauert. Schon mehrmals musste die Bahn wegen technischer Probleme die Einführung des neuen Tarifsystems verschieben. Mehdorns Versprechen aus dem Jahr 2000, das neue System werde "im Frühjahr 2001 scharf geschaltet", konnte seine Mannschaft nicht einlösen - peinlich für den Manager mit dem Macher-Image.

"Man muss nicht immer der Erste sein und die neuesten Technologien einsetzen", verteidigt Rudolf Althoff, CIO für den Personenverkehr, das Festhalten an Kurs 90. Bei einem Projekt mit einer derartigen Öffentlichkeitswirkung gelte es, alle Risiken von vornherein auszuschalten. Mit dem fehlertoleranten Tandem-System habe man in puncto Leistung und Ausfallsicherheit gute Erfahrungen gemacht. Ein Wechsel auf eine andere Server-Architektur wäre in dem vorgegebenen Zeitrahmen kaum realisierbar gewesen.

Altsystem behindert Umbaupläne

Sorgen um die Zukunft der Tandem-Plattform braucht sich Althoff vorerst nicht zu machen. Nach der Übernahme Compaqs durch HP hatte das Management erklärt, die Nonstop-Server würden weiterentwickelt. Ob sich die Bahn mit der aus der Not geborenen Plattformentscheidung einen Gefallen getan hat, darf dennoch bezweifelt werden. Denn das Beharren auf dem alten System ist mit vielerlei Nachteilen verbunden: Moderne Standardsoftware, etwa für Customer-Relationship-Management (CRM), ist für das Betriebssystem Nonstop Kernel nicht verfügbar. Doch gerade in diesem Punkt hat der Konzern einiges nachzuholen. Hinzu kommt, dass immer weniger IT-Mitarbeiter mit Kurs 90 vertraut sind. Schon vor mehr als einem Jahr warnte der Vorstand deshalb vor möglichen Wartungsproblemen.

Selbst das neue Buchungssystem genügt nach Einschätzung von Projektbeteiligten noch längst nicht allen Anforderungen. Wegen der engen Zeitvorgaben war das Team an verschiedenen Stellen zu Kompromissen in der Funktionalität gezwungen, ist aus dem Unternehmen zu hören. Weiterentwicklungen werde es auch nach dem offiziellen Start am 1. November geben. Ab diesem Datum sollen Bahnkunden Tickets zu den ab 15. Dezember gültigen Konditionen online ordern können. Für Tina mussten die IT-Spezialisten die Fahrpreise von rund 22 Millionen Einzelverbindungen neu berechnen.

Mittelfristig will Althoff das alte Vertriebssystem ohnehin ablösen. Eine Migration auf eine andere Plattform lässt sich aber nicht in einem Zug durchsetzen. Dafür ist Kurs 90 zu komplex. Und die Bahn kann es sich nicht leisten, dass das System auch nur einen Tag ausfällt. Stattdessen planen die IT-Verantwortlichen nun eine "modulweise" Ablösung. Bis Ende 2004 soll ein komplett neues Vertriebssystem eingeführt werden, mit einer Client-Server-Struktur und Java-basierenden Programmen. Erste Applikationen laufen bereits in den Call-Centern der Bahn. In Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 500 IT-Spezialisten am Nachfolger von Kurs 90.

Altlasten II: Die Schalterbeamten sitzen noch bis mindestens 2004 vor tristen X.25-Terminals.
Altlasten II: Die Schalterbeamten sitzen noch bis mindestens 2004 vor tristen X.25-Terminals.

Über kurz oder lang wird die Personenverkehrssparte wohl nicht darum herumkommen, auch Tina auf eine neue Plattform zu hieven. Einfach wird das nicht, denn das Unternehmen Bahn arbeitet an vielen IT-Baustellen gleichzeitig. Zu den aufwändigsten Projekten dürfte die laufende Migration des SAP-Systems R/2 zählen. Bis 2004 soll der Umstieg auf R/3 geschafft sein.

Bereits in diesem Jahr wollte die Bahn die komplette Netzinfrastruktur von der veralteten X.25-Technik auf TCP/IP umstellen, ein Vorhaben, das inzwischen auf das Jahr 2004 verschoben ist. Zwar arbeiten die Ticketautomaten schon vielerorts mit dem Internet-Protokoll. Doch das Personal in den rund 1000 Verkaufsstellen blickt noch immer auf Terminals im klassischen Mainframe-Outfit, die per X.25-Datenübertragung mit dem zentralen Host kommunizieren. Sollte der Zeitplan diesmal eingehalten werden, dürfen bald auch die Schalterbeamten erfahren, wie sich eine moderne grafische Benutzeroberfläche anfühlt. Dann wird vielleicht wirklich alles anders bei der Bahn. (wh)