Web

 

Technologie-Guru Negroponte verdammt UMTS-Auktionen ...

08.06.2000
... und schaut in die Internet-Glaskugel

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - "Was in Großbritannien passiert ist, ist ein Desaster", kommentierte Nicholas Negroponte die britischen UMTS-Lizenzversteigerungen. Der Technologie-Guru und Professor im Media Laboratory der renommierten US-Universität Massachussetts Institute of Technology (MIT) erklärte gestern in London, die Blair-Regierung habe ihre "Kinder und Enkel übers Ohr gehauen", denn die hohen Lizenzpreise würden die Mobilfunkentwicklung auf Jahre behindern. "Es ist das schlimmste, was dem Verbraucher passieren konnte," wetterte er. Die für fünf Lizenzen gezahlte Kaufsumme von 35 Milliarden Dollar bedeute Kosten von 1000 Dollar pro Mobilfunkkunde - zusätzlich zu den Service-Kosten. "Hinter diesen 1000 Dollar stecken keinerlei Forschung, keine neuen Produkte, keine neue Infrastruktur, keine neuen Geräte und keinerlei Potenzial für die allgemeine Verfügbarkeit" des Mobilfunkservices, so Negroponte weiter. Der Professor rief alle anderen

Länder dazu auf, nicht denselben Fehler wie die britische Regierung zu begehen.

Auf dem Londoner Kongress der "International Advertising Association" entwarf der Technologie-Experte ebenfalls eine Vision der künftigen Internet-Landschaft. Seiner Meinung nach surfen in wenigen Jahren Waschmaschinen durch das Web und laden sich Wissen herunter. Demnach werden sie die Pflegeanleitung der Kleiderschildchen einlesen und sich anschließend Waschinstruktionen aus dem Internet holen.

Negroponte zufolge werden Spielsachen die höchste Halbleiterkonzentration im Haushalt aufweisen und nicht PCs oder Fernseher. "Bald werden Kinder Französisch von Barbiepuppen lernen. Die Puppe wird sich das Französischprogramm aus dem Internet herunterladen", orakelte der Professor.

Last, but not least, demontierte er gängige Marktforschungsprognosen, wonach die USA im Jahr 2003 die Hälfte des weltweiten E-Commerce-Umsatzes generieren sollen. Statt dessen werden die Emerging-Countries die Nase vorne haben, weil Kultur ein stärkerer Wachstumsmotor sei als Infrastrukturen. "Lateinamerika hat ein riesiges Potenzial, weil es eine sehr junge Bevölkerung, eine Bargeld-basierte Untergrund-Ökonomie und eine gesunde Autoritätsverachtung besitzt", so Negroponte weiter. Zudem investiere Lateinamerika riesige Summen in die Ausbildung. In Europa gäben sich die Kultusminister allgemein mit den Erziehungstandards zufrieden, wohingegen die Verzweiflung die lateinamerikanischen Ländern zu mutigen Schritten treibe. In Costa Rica beispielsweise sei der Einsatz von Computern in der Grundschule fortschrittlicher als in Europa.